«Frauen verlieren oft das Herzblut»

Helena Trachsel, die ­kantonale Gleichstellungsbeauftragte, sagt, mit Förderung allein kämen Frauen nicht zu ­Mehrheiten in der Politik.

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In den Parlamenten scheinen die Frauen nicht über 30 Prozent hinauszukommen.
Das ist so, die Entwicklung stagniert. In den letzten 10, 12 Jahren gab es keine Bewegung Richtung Mehrheit, obwohl wir vier Frauen im Bundesrat hatten.

Weshalb ist das so?
Es hat mit einem gesellschaftlichen Phänomen zu tun. Junge Leute – aber nicht nur sie – schreiben der Politik weniger Einflusskraft zu. Die wichtigen Entscheide würden anderswo gefällt, denken sie. Und sie vertrauen den Politikern nicht. dazu kommt eine Entsolidarisierung. Immer weniger Menschen sind bereit, sich freiwillig in der Freizeit zu engagieren. Heute dominiert das Lustprinzip, am Feierabend wollen die Leute nicht auch noch arbeiten.

Was ist daran frauenspezifisch?
Frauen stellen rascher die Sinnfrage. Ihr Leben teilt sich in der Regel in eine Kinderphase und eine Neuorientierung danach. In der Lebensmitte wissen sie genauer, was erfüllend ist, und ent­scheiden freier, wofür sie sich einsetzen wollen. Während Männer ihre Karriere durchziehen, verlieren Frauen oft das Herzblut, wenn sie sich in einem männlich dominierten Feld behaupten müssen, da haben sie dann keine Freude mehr – und ziehen die Konsequenzen.

Braucht es eine spezielle Förderung der Frauen, um ihren Anteil in der Politik zu erhöhen?
Frauenförderung ist nicht der richtige ­Ansatz. Ich finde Zebralisten gut, weil Frauen und Männer partnerschaftlich ­behandelt werden. Gemäss meiner Er­fahrung, auch aus jahrelanger Tätigkeit in der Privatwirtschaft, braucht es gemischte Teams. Diese sind am erfolgreichsten.

Besonders auffällig ist der ­rückläufige Frauenanteil in den Exekutiven. Das ist im Bundesrat so, im Zürcher Regierungsrat und auch im rot-grünen Stadtrat von Zürich, wo nur noch 2 von 9 Mitgliedern Frauen sind. Was ist da los?
In der Politik ist es ähnlich wie in der Privatwirtschaft. Die Wirtschaft tut viel, um Frauen in Top-Positionen zu bringen. Oft scheiden die Kaderfrauen dann aber wieder aus, weil sie den Sinn ihrer Arbeit nicht mehr sehen. Aus der Politik höre ich dasselbe: Die Frustrationstoleranz ist bei Frauen kleiner. Es braucht eine gewisse Leidensfähigkeit, die Hälfte aller Abende zu opfern, und das ohne Garantie auf Erfolg. Da ist es besser zurückzutreten. Bevor die Gesundheit leidet oder die Familie zu zerbrechen droht.

Aber jemand muss die politische Arbeit doch machen?
Vielleicht liegt die Lösung darin, politisches Engagement zu bezahlen. Milizpolitik wird auch deshalb immer schwieriger, weil die Inhalte immer komplexer sind. Eine Professionalisierung würde dem Rechnung tragen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.06.2014, 22:56 Uhr)

Helena Trachsel

Die zweifache Mutter leitet seit drei Jahren die Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Zürich. Zuvor war sie verantwortlich für Diversity-Management bei Swiss Re.

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