«Früher hat niemand nach dem Wohl des Kindes gefragt»

Dass Grosseltern die Obhut über Kinder übernehmen, war früher normal. Heute seien die Verhältnisse ganz anders, sagt Historikerin Heidi Witzig.

Heidi Witzig ist Historikerin. Sie ist Mitglied im Matronat der Grossmütterrevolution, einem Thinktank für Grosseltern.

Heidi Witzig ist Historikerin. Sie ist Mitglied im Matronat der Grossmütterrevolution, einem Thinktank für Grosseltern.

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Im Zusammenhang mit dem Fall Flaach taucht immer wieder die selbstverständliche Forderung auf, Kinder müssten bei den Grosseltern in Obhut gegeben werden, wenn die Eltern nicht für sie sorgen könnten. Haben Sie dafür Verständnis?
Ich muss etwas ausholen: Als Historikerin habe ich mich sehr mit Familienbildern und vor allem der Rolle der Frau befasst. Es war sicher 200 Jahre lang Tradition, dass die Kinder zu Grosseltern oder auch anderen Verwandten kamen, wenn die Eltern ausfielen. Auf keinen Fall sollten sie «uf d Gmeind» kommen, denn das galt als Schande. Dass Kinder bei Grosseltern aufwuchsen, gab es immer wieder. Und das hat sich in unser Gedächtnis eingegraben – auch wenn die meisten von uns wohl nicht mehr wissen, woher das kommt.

Aber heute ist die Situation eine völlig andere.
Richtig, früher waren die Alten nicht nur Auffangnetz, sie waren auch sehr abhängig von den Jungen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Emanzipation der älteren Generation von der jüngeren, die Lebenserwartung stieg, und erstmals waren die Älteren auch finanziell unabhängig. Die Senioren haben heute eine Fülle von Wahlmöglichkeiten, die historisch beispiellos ist. Und das muss man berücksichtigen, wenn es um die Frage geht, wer in einem Notfall die Enkel in Obhut nimmt.

Es gibt also einen Clinch zwischen dem historischen Gedächtnis und der heutigen Realität.
Das kann man so sehen. Deshalb ist die Frage, zu wem die Kinder sollen, nur sehr individuell zu beantworten. Im Idealfall kann man das zusammen aushandeln. Auch das ist neu. Ich habe meiner Tochter zum Beispiel gesagt, ich könne meinen Enkel einmal pro Woche hüten, aber er könnte niemals bei mir aufwachsen. Das würde meine Kräfte übersteigen. Ich bin immerhin 72, und die Anforderungen an die Grosseltern sind stark gestiegen.

Im Fall Flaach gab es keine solche Einigung, die Kesb musste eingreifen. Wie beurteilen Sie die Kesb – auch im historischen Vergleich?
Wenn sich Eltern und Grosseltern in einem solchen Fall nicht einigen, führt kein Weg daran vorbei, dass jemand professionell entscheiden muss, dass also eine Behörde anwaltschaftlich das Kind vertritt und möglichst menschlich einfühlsam handelt. Das ist wahnsinnig heikel. Die Behauptung, dass das den früheren Armen- oder Vormundschaftsbehörden besser gelungen sei, ist nicht wahr. Vielleicht waren die lokalen Behörden näher dran, aber sie waren sehr oft parteiisch – auf dem Land war es besonders schlimm. Es gab zwar Einzelne, beispielsweise Pfarrer, die sich als Präsidenten der Armenbehörde sehr bemühten. Aber die Frage nach dem Kindeswohl hat kaum jemand gestellt. Und natürlich spielte das Geld eine grosse Rolle. Da hat man Kinder bei Verwandten platziert, bei denen man genau wusste, dass sie die Kinder nicht gut behandeln würden. Hauptsache, es kostete nichts. Wer diese Verhältnisse romantisiert, der sollte Gotthelf lesen.

Wenn Grosseltern die Obhut über Kinder übernehmen, verändert sich ihr Verhältnis zu den Kindern völlig. Kann das gelingen?
Die Grosseltern brauchen sicher Unterstützung, nur schon, weil sich enorm vieles verändert hat, etwa im Schulsystem. Und natürlich kann man die Grosselternrolle in so einem Fall vergessen. Da muss man sich schon die Frage stellen: Kann ich das noch? Schliesslich sind die Menschen tendenziell auch immer älter, wenn sie Grosseltern werden, der Altersunterschied zu den Enkeln ist riesig. Ich zum Beispiel bin 85, wenn mein Enkel 20 ist. Was ich persönlich hingegen anbieten könnte, wenn es nötig sein sollte: Ich würde eine Fremdplatzierung unterstützend begleiten. Aber als Grossmutter, nicht als Mutterersatz.

Bislang haben Grosseltern keine gesetzlichen Rechte und Pflichten gegenüber ihren Enkeln. Braucht es das?
Das ist ein grosser Diskussionspunkt, vor allem bei Grosseltern, die ihre Enkel nicht mehr sehen dürfen, nachdem sich ihr Kind vom Ehepartner getrennt hat. Die Betroffenen hätten natürlich gern ein Besuchsrecht. Ich bin mir aber nicht sicher, ob man ein solches Besuchsrecht generell fordern kann. Es gibt ja auch Grosseltern, die sich einmischen oder Kinder und Enkel gegeneinander aufhetzen. Da sollten sich die Eltern auch abgrenzen dürfen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.02.2016, 13:47 Uhr)

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