Für Pussy Riot auf den Turm des Grossmünsters

Ein Zürcher Künstlerkomitee hat am Montag ein 10 Meter langes Banner an einen der Grossmünstertürme gehängt. Darauf forderten sie Freiheit für die Punkband Pussy Riot. Bei russischen Touristen kam das gut an.

Video: Keystone

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Um 12.35 Uhr kaufen rund zehn Frauen und Männer bei der Turmaufsicht im Grossmünster ganz normal ihr Ticket für den Turmaufstieg. Sie sprechen englisch mit dem Mann. Er warnt noch einen der Gäste, der eine grosse Gitarre umgeschnürt hat, dass das Treppenhaus eng ist.

Minuten später seilen sich zwei Aktivisten ab und rollen ihr Transparent ab. Jene, die auf dem Turmbalkon geblieben sind, stülpen sich Masken um und fangen an zu skandieren. «Free Pussy Riots» und «Fuck Putin» schreien sie alle paar Sekunden vom Balkon herab. Der Mann mit der Gitarre steht gefährlich auf dem Balkonrand.

Der Turm der Aufmerksamkeit

Die Turmaufsicht ruft die Polizei, dasselbe tut Francesco Gargiulo zehn Minuten später. Der Grossmünster-Sigrist ist sich derartige Aktionen gewohnt. «Der Turm ist beliebt bei Leuten, die Aufmerksamkeit erheischen wollen», sagt er. Noch nicht lange ists her, dass ein verstörter Türke sich auf dem Turmbalkon selbst verbrennen wollte.

Polizisten steigen die Treppe hinauf, die Turmaufsicht und Gargiulo müssen nun alle Touristen vertrösten. Niemand darf mehr rauf. Nach einer knappen Stunde hat der Spuk ein Ende. Die Aktivisten rollen das Transparent ein und lassen einen Sack mit den Kapuzen runter. Die Frau, die ihn behändigt, wird sofort von Polizisten befragt. Sie spricht hochdeutsch mit den Polizisten.

«Wir sind glücklicherweise nicht in Russland»

Neben der Szenerie steht eine Frau mit roter Perücke, die sich «Jacky Müller» nennt. Sie ist die Pressesprecherin der Aktivisten und ist zufrieden mit der Aktion. Die Medien haben reagiert. Das «Freie Punk Komitee Zürich» – so nennen sich die Aktivisten – sei ein spontaner Zusammenschluss von einheimischen Künstlern, die empört sind über das russische Urteil gegen die russische Frauenkombo «Pussy Riot», sagt sie gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Befürchtet sie harte Konsequenzen für die Aktion? «Wir sind hier glücklicherweise nicht in Russland. Wir werden nicht zwei Jahre Lager kriegen», meint sie in Andeutung aufs russische Urteil. Vorläufig sei keine weitere Aktion geplant, sagt «Müller».

Während der Aktion schlendern immer wieder Touristen an den Polizisten vorbei ins Grossmünster. Manche sprechen russisch. «We’re not with them», sagt eine junge Frau und betont, sie sei aus Israel. Auch «richtige» russische Touristen bleiben vor dem Grossmünster stehen. Das sei «very good», meint ein Familienvater. Die Mutter kichert und die Kinder dokumentieren das Ereignis eifrig mit Videokamera und Fotoapparat.

«Ich dachte, die Schweizer seien neutral»

Auch Asiaten fotografieren eifrig, manche der Fussgänger bekunden ihre Zustimmung und applaudieren. Eine junge Frau aus Deutschland blickte ihre Freundin verdutzt an und fragte sie: «Ich dachte immer, die Schweizer seien neutral» Ihre Freundin konnte darauf angesichts der «Fuck Putin»-Schreie der Aktivisten nichts entgegnen.

Dann schreiten Polizisten mit fünf Frauen und einem als Frau verkleideten Mann vors Grossmünster. Etwas unsicher, wie’s jetzt weitergeht, ziehen sie immer wieder ihre Masken an und aus. «Sie hatten ihre PR-Aktion, jetzt ziehen sie bitte die Maske aus», sagt ein Polizist bestimmt. Der Aktivist lacht: «O.K.»

Keine Konsequenzen für Aktivisten

Jacky Müller und Aleksandra, die andere Sprecherin des Komitee, erklären, sie wollten mit der Aktion ein Zeichen setzen gegen die Haftstrafen der russischen Musikerinnen. «Natürlich können wir in Zürich nicht viel ausrichten. Aber wenn überall auf der Welt protestiert wird, vergrössert sich der Druck auf Putin.» Das Grossmünster hätten sie sich ausgesucht, weil die Pussy Riots in einer Kirche verhaftet wurden.

Haben die Aktivisten mit Konsequenzen zu rechnen? Judith Hödl, Sprecherin der Stadtpolizei, sagt: «Für uns ist die Sache erledigt.» Die Aktivisten wurden kontrolliert, nachdem sie freiwillig das Transparent heruntergenommen haben. Falls keine Anzeige der Kirche kommt, müssen die Aktivisten also mit keinerlei Konsequenzen rechnen. Und bisher habe sie nichts von den Kirchenverantwortlichen gehört, sagt Hödl. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.08.2012, 13:30 Uhr)

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