Zürich

Für den Finanzplatz Zürich sieht es vorübergehend düster aus

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 19.09.2011 5 Kommentare

Löchriges Bankgeheimnis, hohe Abgeltungssteuer – den Banken stehen schwierige Jahre bevor. Dennoch meinen Fachleute: Die Zürcher Finanzwelt wird nicht zusammenbrechen.

«Die Stimmung unter den Bankangestellten ist bedrückt»: Der Zürcher Paradeplatz aus der Vogelperspektive.

«Die Stimmung unter den Bankangestellten ist bedrückt»: Der Zürcher Paradeplatz aus der Vogelperspektive.
Bild: Keystone

Wirtschaftszweig: Für den Finanzbereich arbeiten über 90'000 Leute. (Bild: TA-Grafik str/Quelle: Statistik Zürich)

Das raten Experten den Banken

Hans-Peter Portmann, FDP-Kantonsrat und Mitglied des Präsidiums des Zürcher Bankenverbandes: «Die Schweizer Banken müssen sich durch drei Qualitäten hervorheben: Stabilität, Sicherheit und Qualität. Weil sie höhere Reserven anlegen müssen als jene im Ausland, sind sie so stabil wie ein Fels in der Brandung. So werden sie eine Pionierrolle einnehmen wie schon bei der Bekämpfung der Geldwäscherei.»

Martin Vollenwyder, Stadtzürcher Finanzvorstand (FDP): «Die Banken müssen wieder bescheidenere Löhne bezahlen. Sie müssen sich nicht kasteien, aber sich selber beschränken. Ich glaube durchaus, dass sie das tun werden. Teilweise hat bereits ein Umdenken stattgefunden.»

Philippe Zimmermann, Ernst & Young: «Die Anlageberater müssen sich verstärkt auf die Qualität der Beratung und weniger auf den Verkauf konzentrieren. Sie dürfen ihren Kunden kein Produkt mehr verkaufen, das diese nicht wollen oder nicht verstehen. So gewinnen sie Vertrauen zurück.»

Jan-Egbert Sturm, Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich: «Wichtig ist, dass die Schweiz ein sicherer Hafen bleibt. Aber das ist ein Standortvorteil, den die Schweiz nicht so schnell los wird.»

Roger Liebi, Finanzspezialist und Stadtparteipräsident der SVP: «Die Banken müssen sich dafür einsetzen, dass die Stempelsteuer abgeschafft wird; als Kompensation, wenn die Vorteile im Fondsgeschäft wegfallen.»

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«Für die Banken sieht es in den nächsten Jahren düster aus», sagt Roger Liebi, Präsident der Stadtzürcher SVP und Manager bei der skandinavischen Nordea Bank. Allein die UBS und CS werden weltweit mehrere Tausend Stellen streichen – unabhängig vom jüngsten Milliardenverlust der UBS in London. Der Finanzplatz Zürich wird nicht ungeschoren davonkommen. Liebi schätzt, dass die Banken hier mindestens jeden zehnten Arbeitsplatz abbauen.

Die Banken haben ein Problem: Sie brauchen künftig mehr Geld, verdienen aber weniger. Sie müssen mehr Reserven anlegen und Milliardenbeträge als Entgelt für bisher unversteuerte Vermögen vorschiessen. Gleichzeitig schwinden die Erträge. Kunden aus Deutschland oder Grossbritannien werden sich selber anzeigen und ihr Vermögen in ihre Heimat abziehen, oder sie legalisieren ihr Schwarzgeld mittels Abgeltungssteuer. Für die Banken wird es wegen der härteren Konkurrenz auf dem internationalen Finanzmarkt schwieriger, neue Kunden zu gewinnen. Das löchrige Bankgeheimnis ist ihnen keine grosse Hilfe. «Es werden kurzfristig relativ grosse Vermögenswerte abfliessen», prophezeit Philippe Zimmermann, Chef Rechtsberatung von Ernst & Young Financial Services Europa. Allein um Schwarzgeld zu legalisieren, würden 25 Prozent der Vermögen abgezogen, schätzt er.

Banker fürchten um ihre Stelle

«Die Stimmung unter den Bankangestellten ist bedrückt», stellt Liebi fest. Nachdem die Banken ihre Abbaupläne bekannt gegeben haben, haben viele Angst, ihre Stelle zu verlieren. Für manche ist absehbar, dass es sie in Zukunft nicht mehr braucht. Verwalten die Banken weniger Geld, benötigen sie weniger Kundenberater – pro 100 Millionen Franken, die verloren gehen, einen weniger – und damit auch weniger Angestellte, welche die Berater unterstützen.

Nach Ansicht von Philippe Zimmermann von Ernst & Young lässt es sich nicht abwenden, dass der Finanzsektor schrumpft. Die Stadt Zürich trifft dies empfindlich. In guten Zeiten vor der Finanzkrise verdienten die Banken jeden vierten Franken in der Stadt Zürich. 2010 war es immerhin noch jeder fünfte Franken; nach den neusten Zahlen der Statistiker verkauften sie Produkte und Dienstleistungen im Wert von 12 Milliarden. Damit ist Zürich heute stärker von den Banken abhängig als 1992, als diese jeden achten Franken verdienten.

Kommt hinzu, dass von jeder Stelle in einer Bank indirekt weitere eineinhalb Arbeitsplätze abhängen, etwa in Anwaltskanzleien, Werbeagenturen oder Putzinstituten. So schrumpfen mit dem Finanzsektor weitere Branchen mit.

Nach der Krise eine Renaissance

In früheren Jahren ist der Finanzsektor allerdings auch immer wieder gewachsen. Gemäss den aktuellen Zahlen beschäftigten die Banken im Jahr 2001 39'512 Personen, 2008 waren es bereits 43'668. Noch stärker ist die Zahl der Angestellten in Betrieben gewachsen, die Dienstleistungen für die Finanzbranche erbringen (siehe Grafik).

Die Situation der Finanzbranche ist heute mit dem aufgeweichten Bankgeheimnis und den strengeren Eigenkapitalbestimmungen schwieriger als in früheren Krisen. Dennoch ist Hans-Peter Portmann überzeugt, dass sie sich auch dieses Mal wieder aufrappeln wird. Portmann ist FDP-Kantonsrat und sitzt im Präsidium des Zürcher Bankenverbandes. «Dem Finanzsektor stehen ein paar harte Jahre bevor. Zusammenbrechen wird er aber nicht.» Die Banken müssten sich in den nächsten zwei bis drei Jahren umstrukturieren. Dann aber, so ist er sicher, werde es zu einer Renaissance des Bankenplatzes Schweiz kommen.

Laut Jan-Egbert Sturm, Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH, werden insbesondere kleinere Banken Probleme haben. Die grösseren würden ihr Investmentbanking verkleinern und einen «Gesundungsprozess» durchlaufen, ansonsten ändere sich nicht viel. Im Gegensatz zu ausländischen Banken seien sie gut aufgestellt.

Der Stadtzürcher Finanzvorstand Martin Vollenwyder (FDP) ist ebenfalls zuversichtlich: «Wo sonst auf der Welt wollen seriöse Investoren ihr Geld sicher anlegen?» Auch für die städtischen Finanzen sieht Vollenwyder nicht schwarz. Zwar daure die Durststrecke länger als erwartet, weil die Banken mehr Reserven anlegen müssten. Er geht aber davon aus, dass die CS 2013 und die UBS ab 2015 wieder Steuern bezahlen werden, «wenn auch erst in homöopathischen Dosen» (siehe Interview im TA vom Samstag). Bald sind die sieben Jahre abgelaufen, während derer Unternehmen ihre Verluste aus der Vergangenheit in der Steuerrechnung geltend machen dürfen. Vollenwyder rechnet damit, dass die Grossbanken in einigen Jahren dem Steueramt wieder 70 bis 75 Prozent dessen abliefern, was sie in den vergangenen Jahren bezahlten.

Vertrauen schaffen

Gemeinderat Roger Liebi erwartet vom Stadtrat allerdings, dass er sich künftig direkt in Bern für den Finanzplatz einsetzt. Er solle dafür sorgen, dass der Bundesrat nicht gleich einknickt, wenn ein Land Kundendaten von einer Bank will; auch Delaware (USA) oder Jersey (GB) böten Steuervorteile.

Was aber müssen die Banken konkret tun, damit sie tatsächlich eine Renaissance erleben? Martin Vollenwyder bringt es auf eine einfache Formel: «Vetrauen schaffen, Vertrauen schaffen, Vertrauen schaffen.» Das höre sich allerdings einfacher an, als es sei. Grundsätzlich müsse die Schweiz die «alten Geschichten» mit den USA rasch bereinigen. Und sie müsse sich mit professioneller Beratung statt durch Versteckspiele von der Konkurrenz abheben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.09.2011, 09:38 Uhr

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5 Kommentare

Urs Dubach

19.09.2011, 10:03 Uhr
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Wenn oben etwas passiert, müssen die unten dafür zahlen.. Antworten


Nathalia Rothenberger

19.09.2011, 09:48 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Wenn die Banken in den guten Zeiten etwas zur Seite gelegt hätten und endlich mit diesen Boni und Gewinnmaximierungen aufhören würden, wäre schon vieles getan. Nun müssen viele um ihren Job bangen, weil die Banken ihren Job nicht gemacht haben Antworten



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