Zürich

«Für die Probleme der Zürcher ist Bundesbern oft blind»

Von Franziska Kohler. Aktualisiert am 24.01.2012 51 Kommentare

Der Mangel an qualifizierten Fachkräften ist vor allem ein Zürcher Problem, sagt CVP-Nationalrätin und Bildungspolitikerin Kathy Riklin. Deshalb tue man sich in Bern so schwer damit.

«Die IT-Branche ist wichtig für Zürich»: Laut CVP-Nationalrätin Kathy Riklin muss die Regierung im Umgang mit ausländischen Angestellten flexibler werden.

«Die IT-Branche ist wichtig für Zürich»: Laut CVP-Nationalrätin Kathy Riklin muss die Regierung im Umgang mit ausländischen Angestellten flexibler werden.
Bild: Keystone

Kathy Riklin

Die CVP-Nationalrätin Kathy Riklin ist Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Sie hat an der ETH Zürich promoviert und ist seit 2008 im Universitätsrat Zürich vertreten.

«Wir sind auf Ausländer angewiesen»

Laut dem Dachverband für Informationstechnologie ICTswitzerland sind die Kontingente für ausländische Fachkräfte schon länger ein Thema: «2010 wurden knapp zehn Prozent der Gesuche für Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten abgelehnt. Der häufigste Grund dafür waren die bereits ausgeschöpften Kontingente», sagt Vorstandsmitglied Andreas Hugi. Gerade die ICT-Branche sei aber in hohem Masse auf ausländische Fachkräfte angewiesen, «denn es ist schwierig, genügend qualifizierte Kandidaten aus dem EU-Raum zu finden».

Auch die Klagen der kleinen IT-Unternehmen kann Hugi verstehen: «Wollen kleinere Firmen Mitarbeiter aus Drittstaaten einstellen, müssen sie mit mühsamen und langen Verfahren rechnen. Viele ziehen diese Option erst gar nicht mehr in Betracht.» ICTswitzerland fordert darum eine «KMU-freundlichere», also einfachere Gestaltung des Gesuchsprozesses. Der Bundesrat müsse ausserdem die Bedürfnisse der Branche im Auge behalten und die Kontingente fallweise erhöhen.

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Die ETH bildet für viel Geld ausländische Informatik-Studenten aus. Die meisten können nachher aber nicht in der Schweiz arbeiten, weil das Kontingent für ausländische Fachkräfte erschöpft ist. Ist das aus bildungspolitischer Sicht nicht unsinnig?
Natürlich, das ist schade, vor allem da in der IT-Branche Tausende von Fachkräften fehlen. Die Absolventen der ETH würden also dringend gebraucht – umso ärgerlicher ist es, wenn die Wirtschaft nachher nicht auf diese hochqualifizierten Kandidaten zurückgreifen kann.

Wie sieht die Situation an der Universität Zürich aus?
Die Lage an der ETH ist sicher problematischer, weil der Mangel an Fachkräften vor allem technische Bereiche betrifft. Das heisst aber nicht, dass das Problem an der Universität vorbeigeht.

Verfechter der Kontingente betonen, dass ausländische Angestellte vor allem aus Kostengründen beliebt sind: Sie seien ganz einfach billiger.
Dieses Argument mag für die Landwirtschaft oder das Gastgewerbe zutreffen, nicht aber für die IT-Branche. Hier geht es darum, dass in der Schweiz ganz einfach nicht genügend qualifzierte Leute gefunden werden können. Dass man diese für teures Geld ausbildet, aber nachher nicht anstellen kann, tut weh.

2010 hat der Grosskonzern Google damit gedroht, Zürich zu verlassen, aus Ärger über den Mangel an hochqualifiziertem Personal. Danach wurden vor allem die kurzfristigen Aufenthaltsbewilligungen erhöht. Ist es damit getan?
Nein, sicherlich nicht. Es müssten noch viel mehr Massnahmen ergriffen werden. Der Grund, warum das noch nicht passierte, ist einfach: Der Fachkräftemangel betrifft vor allem den Wirtschaftsstandort Zürich. Auf diesem Auge ist Bundesbern oft blind – ginge es um ein landwirtschaftliches Thema, sagen wir zum Beispiel die Milchpreise, wäre schon längst etwas getan worden. Die Vertreter der betroffenen Branchen müssen sich zusammenschliessen und besser organisieren, um auf Bundesebene Gehör zu finden.

Der Fachkräftemangel ist also vor allem ein Zürcher Problem?
Genau. Für Zürich sind auch die Folgen besonders gravierend: Gerade jetzt, wo auf den Bankenplatz schwierige Zeiten zukommen, ist es umso wichtiger, neue Geschäftsbereiche zu erschliessen. Die IT ist als Wirtschaftszweig sehr attraktiv. Sie bringt hohe Wertschöpfung zu verhältnismässig tiefen Kosten. Darum muss man der Branche ermöglichen, die Arbeitskräfte zu rekrutieren, auf die sie angewiesen ist.

Welche Massnahmen müssten denn ergriffen werden, um der IT-Branche entgegenzukommen?
Hier ist vor allem der Kanton Zürich gefragt. Er müsste die Kontingente für die einzelnen Wirtschaftszweige überprüfen und wenn nötig anpassen. Auch auf Bundesebene besteht aber Handlungsbedarf. Die Zulassung von Ausländern mit Schweizer Hochschulabschluss muss allgemein erleichtert werden. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde bereits getan: 2010 hat eine entsprechende Initiative von Jacques Neirynck, einem ehemaligen Professor der EPFL, den Stände- und Nationalrat passiert. Seit einem Jahr ist sie in Kraft. Ob das Problem damit entschärft werden kann, müssen wir nun beobachten.

Die Regierung müsste also flexibler werden im Umgang mit den Arbeitskontingenten?
Ja, man müsste vor allem auch einen besseren Ausgleich zwischen den Branchen finden. Es wäre zum Beispiel sinnvoll, dort Arbeitsplätze einzusparen, wo die Wertschöpfung niedrig ist, um die Kontingente für Branchen mit höherer Wertschöpfung erhöhen zu können. Die Befürworter der Beschränkungen, vornehmlich diejenigen aus der SVP, betrachten das Thema allerdings meistens nur aus der Ausländerperspektive: «Auf keinen Fall noch mehr davon», heisst darum die Devise. Es handelt sich hier aber um eine hochqualifzierte Ausländergruppe, die keine Soziallast darstellt, sondern im Gegenteil zum wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz beiträgt.

Das ETH-Rektorat betont, dass sich die Ausbildung von ausländischen Studenten trotzdem lohnt, auch wenn diese nachher nicht in der Schweiz arbeiten. Wie sehen Sie das aus bildungspolitischer Sicht?
Ich bin da ähnlicher Meinung: Wenn die Studenten wieder in ihre Heimatländer zurückkehren, sind sie die besten Werbeträger für unsere Hochschulen und unser Land. Dass alle ausländischen Studenten nach dem Abschluss in der Schweiz bleiben, ist nicht Sinn der Sache – dass die besten von ihnen wieder gehen müssen, aber ebenso wenig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.01.2012, 15:11 Uhr

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51 Kommentare

Sacha Meier

24.01.2012, 18:47 Uhr
Melden 58 Empfehlung

Das mit dem Fachkräftemangel ist blanker Hohn. Es fehlen nicht allgemein Fachkräfte, sondern die jungen, billigen, hochspezialiserten Wegwerf-Ingenieure, die zum Lohn einer Kassiererin Tag und Nacht codieren, Schaltungen designen und konstruieren - bis zum Burnout. Erfahrene, ältere Ingenieure landen beim RAV - um später der IV übergeben zu werden, sobald sie genügend Depressonen akkumuliert haben Antworten


Marcel Zürcher

24.01.2012, 18:00 Uhr
Melden 38 Empfehlung

Frau Ricklin darf gerne einen Tag bei mir im Büro verbringen. Sie wird dann lernen, was topausgebildetes IT Personal aus Indien und neuestens Vietnam zu leisten im Stande ist. Gelinde gesagt nichts. Die Frage was denn nun einen guten Informatiker ausmacht, konnte mir bis jetzt auch noch niemand schlüssig beantworten. Schule besuchen ist eines, kapieren was man gelernt hat, was ganz Anderes Antworten



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