Grünem Kantonsrat droht Entzug der Bio-Zertifizierung

Der streitbare Turbenthaler Impfgegner glaubt an einen Racheakt der Behörden, um ihn mundtot zu machen. Das Veterinäramt hingegen argumentiert, sein Stall sei zu klein.

Wird ihm die Bio-Zertifizierung entzogen? Urs Hans mit Angus-Rindern auf seinem Hof in Neubrunn-Turbenthal. Foto: Beat Marti

Wird ihm die Bio-Zertifizierung entzogen? Urs Hans mit Angus-Rindern auf seinem Hof in Neubrunn-Turbenthal. Foto: Beat Marti

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«Auch das noch», sagt der 59-jährige Landwirt Urs Hans. Den Angriff ausgerechnet aus der Bioecke hat der kampferprobte grüne Kantonsrat nicht erwartet. Bisher hat er sich mit grösster Energie gegen Gentechnologie, «Pharmalobby» und «Staatsbürokratie» – wie er sagt – zur Wehr gesetzt. Vor Bezirksgericht Winterthur hatte er im letzten November wenigstens zum Teil recht bekommen: Er wurde vom schweren Vorwurf der Tierquälerei freigesprochen. Verurteilt wurde Hans hingegen wegen der Weigerung, seine Kühe gegen Blauzungenkrankheit zu impfen. Schuldig gesprochen wurde er auch wegen mehrerer Verstösse gegen das Tierschutzgesetz, darunter Lappalien wie abgebrochene Ohrenmarken oder nicht ausgefüllte Formulare.

Der Hammer kam für Urs Hans letzte Woche. Ein Vertreter der Kontrollorganisation Bio.inspecta in Frick habe ihm telefonisch mitgeteilt, dass ihm die Knospe entzogen werden soll. Für einen Biobauern bedeutet das einen schweren Schlag fürs Selbstverständnis – und die akute Gefährdung der Existenz. Die Knospe berechtigt, Fleisch unter dem Bio-Label zu verkaufen. Und dank der Biozertifizierung erhält ein Bauer namhafte finanzielle Beiträge. Bio.inspecta ist eine private, von den Bio-Bauern demokratisch eingesetzte Kontrollstelle.

Direktzahlungen gekürzt

Warum fällt ausgerechnet diese Organisation einem der bekanntesten und engagiertesten Biobauern in den Rücken? Die Antwort ist komplex und füllt in Turbenthal, Zürich und Frick mehrere Bundesordner. Nach Ansicht des Zürcher Veterinäramts sind einige der Boxen im Mutterkuhstall von Hans zu schmal. Dieser ist jedoch der festen Überzeugung, dass seine Angus-Rinder allerbeste Verhältnisse bei ihm haben.

Die «Schikaniererei durch das Veterinäramt» hat nach Ansicht von Hans erst begonnen, nachdem er sich 2009 geweigert hatte, seine Kühe gegen die Blauzungenkrankheit zu impfen. Die Bio.inspecta wiederum lasse sich von den Behörden, so Hans, «vor den Karren spannen». So habe ihm Bio.inspecta im Oktober 2011 allein aufgrund der Vorwürfe des Veterinäramts «fahrlässige Tierquälerei» vorgeworfen und ihn aufgefordert, «besser für seine Tiere zu sorgen». Zudem wurden ihm die landwirtschaftlichen Direktzahlungen um 17 400 Franken gekürzt. Dass er vom Vorwurf der Tierquälerei freigesprochen wurde, sei in Frick wohl nicht bemerkt worden.

Weil Urs Hans ein Pionier ist, hatte er seinen Stall 1989 – damals gabs von der landwirtschaftlichen Beratung noch keine Vorgaben – nach eigenen Erkenntnissen konstruiert: breitere Boxen für die grösseren Tiere, schmalere für die kleineren. «Die Tiere können frei wählen und fühlen sich pudelwohl», sagt Hans. Ausgerechnet die massigen Zuchtstiere hätten sich häufig in die kleinsten Boxen gelegt. Ausserdem haben seine Tiere freien Auslauf, und den Sommer verbringen sie auf der Alp.

Sämtliche Kontrollberichte des Veterinäramts, die dem TA vorliegen, attestierten ihm von 1991 bis 1999 eine «gute Tierhaltung» und eine «angemessene Boxengrösse». Erst nach Inkrafttreten der neuen Tierschutzverordnung von 2008 bemängelte das Amt im Februar 2010 die zu kleinen Boxen. «Plötzlich glaubten die Bürokraten, dass Kühe dumm sind und sich ihren Platz nicht mehr selber suchen», sagt Hans.

«Gestapo-Tierschutzbrigaden»

In die Zeit um 2010 fiel auch der Streit um die Zwangsimpfung gegen die Blauzungenkrankheit. «Bei uns verreckten nach der Impfung gegen Rauschbrand die Kälber wie Fliegen», sagt Hans. Er widersetzte sich der Impfung, wurde der bekannteste Impfverweigerer der Schweiz und in Deutschland wie ein Held gefeiert. In Turbenthal hingegen wurden die Kontrollen durch das Veterinäramt intensiviert. Hans spricht unzimperlich von «staatlichem Terror» und «Verleumdungskampagnen der Bürokraten». Die Kontrolleure des Veterinäramts ihrerseits liessen sich fortan von zwei Kantonspolizisten begleiten, die von Hans wiederum als «Gestapo-Tierschutzbrigaden» bezeichnet wurden. Besonders sauer aufgestossen war ihm eine Kontrolle am Montagmorgen, als er – wie die Kontrolleure sehr wohl wussten – in Zürich im Kantonsrat sass.

Fakt ist jedenfalls, dass heute von 37 Boxen noch 9 schmaler als 110 Zentimeter sind. Dabei fehlen bloss 2 bis 3 Zentimeter. Hans hatte im letzten Herbst jede freie Minute für den Umbau seines Stalls verwendet. Die Stützen im Stall verhindern jedoch eine beliebige Neueinteilung. Für Kühe mit einer Widerristhöhe von mindestens 130 Zentimetern – das trifft nur auf ein Drittel seiner Herde zu – muss die Boxenbreite jedoch 120 Zentimeter sein. Um diese Zahlen liefern sich Hans und das Amt einen Kleinkrieg.

Gemäss eidgenössischen Vorschriften hätten diese neun Boxen schon auf diesen Winter hin vergrössert werden müssen. Für die anderen gilt eine Frist bis 2013. Urs Hans hat in der Zwischenzeit drei weitere Jungviehställe gemäss der neusten Tierschutzverordnung gebaut und verlangt für seinen Mutterkuhstall eine Übergangsfrist, wie es in anderen Kantonen üblich sei. Gemäss Tierschutzgesetz gelte ein Investitionsschutz, damit ein Stall während 25 Jahren abgeschrieben werden könne; bei Hans wäre das 2014.

Bio Suisse hat der Familie Hans am 22. Dezember 2011 die Knospe-Anerkennung für 2012 erneuert. Die Kontrollstelle Bio.inspecta kann aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht auf den Fall Hans eingehen. Gemäss Sprecherin Noëmi Hess drohen bei «mittleren Verstössen» Kürzungen der Direktzahlungen und nur in «schweren Fällen» ein Entzug des Biostatus. Hess betont zudem, dass Impfungen und Differenzen mit kantonalen Amtsstellen «keinen Einfluss auf die Beurteilung» haben.

Kantonstierärztin widerspricht

Urs Hans hingegen ist überzeugt, dass das Veterinäramt Druck auf Bio.inspecta ausübt, damit ihm der Geldhahn zugedreht wird und er sich nicht weiter vor Gericht gegen die «Willkür der Behörden» wehren kann. Die Teilniederlage vor Bezirksgericht Winterthur hat er jedenfalls bereits ans Obergericht weitergezogen. In Winterthur wurde er im Gerichtssaal von über 50 protestierenden Biobauern unterstützt.

Kantonstierärztin Regula Vogel dementierte auf Anfrage, dass sie Druck auf die Bioorganisationen ausübe. Im Gegenteil: Bio.inspecta habe das Veterinäramt kontaktiert aufgrund der Mängelliste 2011. «Die Organisation hat gewünscht, dass eine gemeinsame Kontrolle durchgeführt wird», sagt Vogel. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.03.2012, 07:59 Uhr)

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