Heisse Debatte zur Sekundarschule eröffnet

Die Sekundarschule im Kanton Zürich soll wieder attraktiver werden und den Jugendlichen bessere Chancen bieten. Die Frage ist nur: Wie? Eine neue Studie könnte für diese Reform wegweisend werden.

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Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) steht vor der grössten Herausforderung in ihrer bisher fünfjährigen Amtszeit. Sie will die Sekundarschule neu gestalten. Das ist eine Aufgabe, an der sich ihre beiden Vorgänger Ernst Buschor (CVP) und Alfred Gilgen (LdU) die Zähne ausgebissen haben. Grob gesagt, ging es immer um die Frage, ob die Sekundarschule in zwei oder drei Abteilungen zu führen sei. Die Reformdiskussionen dauern bald 40 Jahre, die Fronten sind verhärtet, und das gegenseitige Misstrauen ist bis heute gross geblieben. Nicht viel hätte gefehlt, und ein Teil der Sekundarlehrerkräfte hätte sich gestern aus der neuen Reformdebatte verabschiedet, bevor sie begonnen hat. Es ging um die Redezeit an der Kick-off-Veranstaltung in Zürich. Die opponierende Lehrerorganisation SekZH gab sich schliesslich mit 7 Minuten zufrieden.

Im Saal sassen gestern über 200 Lehrpersonen, Politiker und Wissenschaftler. Die Stimmung war anregend, es gab keine Zwischenrufe, dafür für alle Redner mindestens freundlichen Applaus.

Aeppli betonte in ihrer Eröffnungsrede, es gehe ihr in der Debatte auch darum, die alten Fronten abzubauen und den Dialog zu suchen. «Wir wollen der Sekundarschule nicht à tout prix ein weiteres Entwicklungsprojekt aufhalsen.» Aeppli sagte aber auch, dass die Sekundarschule ihre Bildungsziele ungenügend erreiche. So schaffen es heute nur gut zwei Drittel der Jugendlichen, direkt nach der Sek eine Lehrstelle oder einen Platz in einer Mittelschule zu finden.

Aeppli will keine «Restschulen»

Was Aeppli besonders stört: Die Chancen auf einen guten Schulabschluss sind ungerecht verteilt. Es sind vor allem Jugendliche aus sozial unteren Schichten und Fremdsprachige, die auf der Strecke bleiben. Das zeigt der Pisa-Test 2003. Darin schnitten viele Sek-C- und Sek-B-Schüler gut bis sehr gut ab, teilweise deutlich besser als Gymnasiasten. Dennoch haben sie es auf dem Lehrstellenmarkt schwer. Die C-Klassen bezeichnete Aeppli als «Restschulen», in denen sich Resignation breitmache und der Ansporn durch stärkere Schüler fehle.

Schulmodell ist nicht so wichtig

Die Bildungsdirektorin sorgt sich aber auch um den Ruf der Sekundarschule. Die Vielfalt der Schulmodelle habe ein Mass angenommen, das nicht mehr akzeptiert werden könne. Einst waren es zwei Modelle (Gegliederte und Dreiteilige Sek), heute sind fast unbeschränkt Mischformen möglich. Eltern würden den Überblick verlieren, und Lehrbetriebe klagten über kaum mehr lesbare Zeugnisse.

Wie die Reform aussehen könnte, zeigt eine neue Studie von Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation an der Uni Zürich. Er kommt zum Schluss, dass das Schulmodell allein kaum Einfluss auf die durchschnittliche Leistungsfähigkeit der Jugendlichen hat. Zwischen einer Schule mit zwei Abteilungen (A und B) und einer mit drei Abteilungen (A, B, C) gibt es keine signifikanten Unterschiede. Allerdings sei es erwiesen, dass die Differenz zwischen ganz guten und ganz schlechten Schulleistungen grösser wird, je mehr Abteilungen geführt werden. Das heisst: Gute Schüler sind im Vorteil, wenn sie unter sich sind. Für die schlechten ist es ein Nachteil, wenn sie keine guten Vorbilder haben.

Moser warnt dennoch davor, eine reine Strukturreform zu machen. Es sei zwar nötig, über die Reduktion oder Vermeidung von «Restschulen» zu diskutieren, aber die guten Schüler dürften nicht behindert werden. Er empfiehlt transparentere Anforderungen. Heute würden Umteilungsentscheide häufig nach undurchsichtigen Kriterien gefällt. Weiter schlägt Moser eine neue Beurteilung vor, die nicht mehr an die Stufe gebunden sei. «Dass heute Kinder als A-, B- oder C-Schüler stigmatisiert werden, ist unhaltbar.» Es brauche eine einheitliche Potenzial- und Kompetenzbeurteilung für alle Jugendlichen.

Lehrer unterschiedlicher Meinung

Die drei Lehrerverbandsvertreter Urs P. Loosli (SekZH), Lilo Lätzsch (Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband) und Urs Loppacher (VPOD) betonten alle, dass sie sich an den Reformdiskussionen aktiv beteiligen wollen. Allerdings zeigte sich bereits, dass die alten Gräben noch nicht überwunden sind. Loosli will keine Strukturdebatte, die sich in der Abschaffung der Sekundarschule C erschöpft. Lätzsch plädierte für neue Standards, und Loppacher will eine Gesamtschule ohne Stufen.

Die Debatte soll bis im Frühjahr 2010 dauern. Es wird Diskussionsrunden in allen Regionen des Kantons geben. Eine 28-köpfige Kommission formuliert Ziele. Anschliessend wird, falls nötig, eine Gesetzesänderung vorbereitet. Weitere Interessierte können sich in die Diskussion einbringen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2008, 10:33 Uhr

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