Herzliche Grüsse aus ...

Urdorf, Mettmenstetten, Meilen etc.: Alle bisher verschickten Postkarten aus dem Kanton Zürich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

UrdorfBlau und bunt in Grau

Urdorf ist im Radio immer wieder eine Meldung wert: Stau auf dem Westring zwischen Urdorf Süd und Urdorf Nord. Doch es gibt ein Urdorf dazwischen. Dort wachsen Lilien und Dahlien in überschwänglicher Farbigkeit. Die Blumenfelder zum Selberpflücken gehören zu den grössten im Kanton. In der Ferne sehen wir einen grünen Hügel und ein unspezifisches Wohnquartier. Auf der anderen Seite herrscht Grau vor: graue Agglo, Einkaufszentrum, Verkehrskreisel. Doch unweit davon wirds wieder farbig, Königsblau. Und die Agglo hat eine Stippvisite in der Weltgeschichte. Beim Bahnhof Urdorf mischt seit mehr als hundert Jahren die Firma Sax Farben. Einer ihrer Stammkunden war Winston Churchill. Der britische Premier liess sich dort ein spezielles Blau mischen, das niemand so hinkriegte wie der Willy Sax aus Urdorf. Und wo ist denn die Autobahn? Mitten im Grünen und nirgends zu sehen, ein stetes Rauschen – wie Blätter im Herbstwind. Helene Arnet

MettmenstettenMeeresrauschen im Säuliamt

Hier geht alles drunter und drüber: Skispringen im Sommer, Meeresrauschen im Säuliamt, Luftsprünge ins Wasser. Dass am Rande von Mettmenstetten eine der weltbesten Schanzenanlagen für Freestyle-Skispringer entstanden ist, hat mit einem Olympiasieger zu tun, mit Sonny Schönbächler, der 1994 in Lillehammer Gold gewann, in der Gegend wohnt, und 1996 diese Anlage realisiserte. Andreas Isoz verteilte als Bub Flyer für das Projekt. Dafür durfte er später selbst springen, nahm an Weltmeisterschaften und einmal, wie sein Held Sonny, an Olympischen Spielen teil. Heute ist er Geschäftsführer von Jumpin, auf der Profis aus der ganzen Welt ernsthaft üben und Laien aus Spass runterrutschen. Er selbst springt spasseshalber wie ein Profi. Er schultert die Skier, stampft die Rampe hoch, begibt sich auf die Schanze. Ein Kollege setzt die Bubblemaschine in Betrieb, damit der Aufprall weniger hart ist. Das Wasser schäumt auf. Hoch hinaus, kopfüber, einige Schrauben und platsch. Helene Arnet

MeilenAuf dem neuen Dorfplatz

Der Brunnen mit den drei ungleich grossen Marmorkugeln passt perfekt auf den Dorfplatz in Meilen. Doch weshalb heisst er Fischli-Brunnen? Da sind weit und breit keine Fischli. Nur ein kleines Mädchen, das sein Röckchen über die Knöchel hochhebt und die Füsse im Wasser des Brunnens kühlt. Nur ein Knirps, der sein Dreiradvelo fallen lässt und sie anspritzt. Es ist überhaupt ein gelungener Dorfplatz mit dem grauen Gneis-Boden, der grosszügigen Freitreppe, dem eigentümlichen Gemisch an Baustilen: Gegen den Bahnhof zeigt das Gemeindehaus ein historisierendes monumentales Gesicht, gegen den Platz wirkt es wie eine Spiegelung davon in die Gegenwart. Und das Café ist flockig gebaut. Doch weshalb heisst der Brunnen Fischli-Brunnen? Weil sein Schöpfer der Bildhauer Hans Fischli (1909 bis 1989) war, Mitinitiant und Erbauer des Kinderdorfes Pestalozzi in Trogen, Direktor der Kunstgewerbeschule Zürich und Vater von Peter Fischli des Künstlerduos Fischli/Weiss. Helene Arnet

DietikonDie Alp am Stadtrand

Eine kleine Alp am Rand der Stadt: Milchkannen im Vordergrund, Hochhäuser dahinter. Auf der Hofkäserei im Basi bei Dietikon zeigt sich, wie nah sich Stadt und Land im Limmattal sind. Auch dass sich die beiden gut ergänzen können: Die kooperative Käserei hätte wohl ohne die Städter, die sich fair und biologisch produzierte Lebensmittel etwas kosten lassen, einen schweren Stand. Die zwei Dutzend Basi-Kühe hören auf ihre Namen, sind behornt und leben in einem Laufstall. Gerade verarbeitet eine Käserin deren Milch. Es dampft, riecht nach Molke. Immer wieder schaut sie auf das Thermometer, während sie die Milch rührt, und schüttet kesselweise Wasser nach. Sie erzählt von Käsebruch, Sirte und Lab. Der Käse und die anderen Milchprodukte werden für die Genossenschafter an verschiedenen Orten zum Abholen deponiert. Nirgends steht Emmi drauf. Helene Arnet

TiefenbrunnenFrühsommer im Seefeld

Unter der Hochstrasse im Zürcher Quartier Seefeld, hinter dem Kieswerk im Tiefenbrunnen, herrscht Ferienstimmung. Ein Vater wassert zusammen mit seinem Sohn das Segelboot ein, Primarschüler haben sich auf dem Steg zum Fischen eingefunden: «Ich han äine», jauchzt der eine, eine kleine Schwale zappelt am Haken. Er macht sie los und wirft sie zurück ins Wasser. Zwei Hunde räkeln sich in der Sonne – gibt es Streuner hier am Rande der Stadt? Und auf einer Plattform hoch über dem Wasser sitzend, spüren zwei Teenager den Frühling. Nun kommen zwei Kolosse anmarschiert: Taucher in Trockenanzügen, die Flaschen auf dem Rücken, die Flossen unter den Armen. Sie steigen schwerfällig die Treppe hinunter, ziehen Flossen und Taucherbrillen über, kontrollieren die Instrumente und tauchen ab. Jetzt scheinbar schwerelos. Grüsst die Schwalen! Helene Arnet

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2017, 16:15 Uhr

Postkarte

Was wir auch noch erzählen möchten



Wir sind an einer Gemeindeversammlung, an der die Wogen hochgehen, oder porträtieren einen Bauern, der sich gegen die zu tiefen Milchpreise wehrt. Wir treffen einen Gemeindepräsidenten, um von ihm vorgeführt zu bekommen, weshalb seine Gemeinde unbedingt eine Umfahrungsstrasse braucht. All diese Geschichten können Sie danach auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet lesen.

Andere Geschichten jedoch bleiben auf der Strecke. Nicht zwingend, weil sie weniger interessant oder relevant sind. Doch sind sie nicht tagesaktuell, manchmal sogar uralt, und im Dorf kennt sie jedes Kind. Sie regen niemanden auf, polarisieren nicht, es gibt dazu keine politischen Vorstösse. Sie sind einfach da, vielleicht hübsch oder witzig, unterhaltend, exemplarisch, für Aussenstehende überraschend.

Grüsse an Zürich aus Zürich

Diese Geschichten möchten wir künftig in einer losen Serie erzählen. In Bild und Schrift. Wir werden Ihnen Postkarten aus dem Kanton schreiben, bunte Ansichtskarten mit kurzem Text. Dabei schlüpfen wir in die Rolle des Touristen, der mit neugierigen Augen durch die Gegend geht und darüber berichtet, was ihn erfreut, verblüfft, berührt hat. Wir sind die Touristen in der Fremde, welche darüber staunen, wie anders es anderswo ist. Oder eben wie genau gleich. Wir werden uns dabei nicht auf die gängigen Ansichtskartenmotive beschränken – nicht immer strahlt die Sonne und lächelt der See. Auf unseren Karten gibt es auch schlechtes Wetter, und Sehenswürdigkeiten offenbaren sich vielleicht erst auf den zweiten Blick. (net)

TA Marktplatz

Kommentare

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen. Flexibel und jederzeit kündbar
Neu nur CHF 18.- pro Monat

Die Welt in Bildern

Ein kleines Kunstwerk: Webervögel bauen ein Nest auf einem Bambusbaum in Lalitpur, Nepal.
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...