«Hotel Suff» in der Urania-Wache soll ein weiteres Jahr geöffnet bleiben
Von Martin Huber. Aktualisiert am 23.02.2011 5 Kommentare
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Betrunkene, die die öffentliche Ordnung, sich selbst oder andere gefährden, kann die Polizei auch künftig in spartanisch eingerichteten Zellen unterbringen:Die Zentrale Ausnüchterungsstelle (ZAS) in der Urania-Hauptwache nahe dem Hauptbahnhof habe sich «sehr gut bewährt», sagt Reto Casanova, Sprecher von Zürichs Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne). Das Polizeidepartement will den Pilotversuch deshalb um ein Jahr verlängern.
Das letzte Wort in der Sache hat der Stadtrat, der Anfang März über den Antrag entscheiden wird. Ein Ja dürfte allerdings Formsache sein. Casanova: «Wir rechnen damit, dass der Versuch verlängert wird.» Die beteiligten Institutionen, das Polizeidepartement und das Gesundheits- und Umweltdepartement, seien für das Weiterbestehen der Einrichtung. Der Bedarf dafür sei «klar ausgewiesen».
Die Ausnüchterungsstation war im vergangenen März als ein auf ein Jahr befristetes Pilotprojekt in Betrieb genommen worden mit dem Ziel, die Regionalwachen der Polizei und die Notfallstationen der Spitäler zu entlasten. Seither ist die Einrichtung jeweils von Freitag, 22 Uhr, bis Sonntag, 15 Uhr geöffnet. Die Betrunkenen stehen in den Zellen unter medizinischer Aufsicht. Die Stadt rechnet unter dem Strich mit Kosten von rund 330'000 Franken pro Jahr.
Nur wenige Minderjährige
Laut Departementssprecher Reto Casanova wurden bis Ende 2010 insgesamt 510 Betrunkene in der ZAS eingeliefert. Im Durchschnitt brachte die Polizei pro Wochenende 12 Personen dort unter, wovon im Schnitt eine in ein Spital überwiesen werden musste. 75 Prozent der «Gäste» stammten aus Stadt und Kanton Zürich, lediglich 5 Prozent waren Frauen. Die ursprüngliche Annahme, dass viele minderjährige «Komasäufer» in die Ausnüchterungszellen gebracht werden, hat sich nicht bewahrheitet. Laut Casanova waren nur sehr wenige Personen unter 18 Jahre alt, der Hauptharst der Aufgegriffenen war zwischen 18 und 40 Jahre alt. Drei Viertel aller ZAS-Klienten seien von Drittpersonen bei der Polizei gemeldet worden, was zeige, dass die Stadtpolizei nicht aktiv Jagd auf Betrunkene auf Zürichs Strassen mache.
Die eingewiesenen Personen verhalten sich in der ZAS nicht selten renitent. Aber darauf sei man vorbereitet, wie Casanova betont. Die Überwachung der Betrunkenen hat die Stadtpolizei einer privaten Sicherheitsfirma übertragen, was anfänglich auf Kritik stiess. Laut Casanova hat es in dieser Hinsicht bisher keinerlei Probleme gegeben.
Ausnüchtern auf eigene Kosten
Als Novum in der Schweiz werden die Kosten für die Ausnüchterung in der ZAS auf die Eingelieferten überwälzt. Damit unterscheidet sie sich von den Notfallstationen der Spitäler, wo nicht die Betrunkenen zur Kasse gebeten werden, sondern in aller Regel die Krankenkassen die Kosten für die Ausnüchterung übernehmen. Wer dagegen in der Ausnüchterungszelle eine ganze Nacht lang betreut werden muss, bezahlt 950 Franken – gleich viel wie für ein Doppelzimmer im Luxushotel. Wer in weniger als drei Stunden wieder auf den Beinen ist, muss 600 Franken berappen.
Die Zahlungsmoral der Ausgenüchterten hat sich laut Casanova in den vergangenen Monaten «wesentlich verbessert». Anfänglich hatte es mit dem Inkasso für die teuren Süffelzellen gehapert. Nach sechs Monaten Betrieb waren erst 90'000 von 250'000 Franken, die in Rechnung gestellt worden waren, bezahlt. Allerdings muss sich die Stadt mit Rechtsstreitigkeiten bezüglich der Ausnüchterung und deren Verrechnung in der ZAS auseinandersetzen. «Es gab einige wenige Einsprachen», sagt Casanova. Nähere Angaben wollte er mit Blick auf die laufenden Verfahren nicht machen.
Standortfrage ungeklärt
Die Zentrale Ausnüchterungsstelle soll vorerst weiter in der Hauptwache Urania untergebracht bleiben. Pläne, die Einrichtung mit dem seit 15 Jahren in der Kaserne im Kreis 4 bestehenden Vermittlungs- und Rückführungszentrum für Drogenkonsumenten zusammenzulegen, sind laut Casanova immer noch aktuell, allerdings noch nicht spruchreif.
Die Suche nach einem neuen gemeinsamen Standort dauere an. Ein Entscheid werde frühestens nächsten Herbst fallen. Das Zürcher Projekt stösst auch in anderen Schweizer Städten auf Interesse. So hat sich das Berner Kantonsparlament Ende Januar für die Einrichtung einer zentralen Ausnüchterungszelle ausgesprochen. Auch im Kanton Luzern hat sich die Regierung zu einem ähnlichen Vorstoss positiv geäussert. Sie würde Ausnüchterungszellen begrüssen, will aber zuerst die Erfahrungen aus Zürich abwarten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.02.2011, 22:27 Uhr
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