«Ich bin auch nicht dafür, dass man ‹Mein Kampf› verbietet»

Die rechtsextreme Schweizer Band Amok leugnet den Holocaust und pöbelt gegen Juden. Trotzdem verteidigt ausgerechnet der jüdische Rechtsanwalt Valentin Landmann, der im Zweiten Weltkrieg Dutzende Familienanghörige verlor, den Gitarristen der Band.

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Herr Landmann, Sie stammen selbst aus einer jüdischen Familie, deren Angehörige im Zweiten Weltkrieg von den Nazis verfolgt, gar getötet worden sind. Wieso vertreten Sie als Jude den Gitarristen einer Band, die antisemitische Lieder singt?
Als ich das Mandat bekam, dachte ich mir: Ja, es ist wichtig, dass ich das mache. Jedermann hat das Recht auf Verteidigung. Ein junger Mensch, der mal auf dem falschen Weg sucht, sollte nicht gleich verdammt werden. Als ich mit den Bandmitgliedern redete, hatte ich nicht den Eindruck, dass das böse Menschen sind, die extreme Gewalt befürworten.

Ihre Liedtexte beschäftigen sich vorzugsweise mit dem Hass auf Juden. In der Sendung Rundschau im Schweizer Fernsehen schreibt der Sänger: Das germanische Volk kann nur überleben, wenn es zusammensteht gegen die jüdischen Einflüsse. Das sind keine handzahmen Botschaften.
Es gibt zweifellos Liedtexte, die nach Schweizer Recht problematisch sind. Aber das macht nur einen kleinen Teil der CD aus. Aus meinen Gesprächen mit der Band geht hervor, dass es sich nicht um einen verwurzelten Antisemitismus handelt. Sie haben einfach eine Vorliebe für Soldatenlieder und haben nicht weiter reflektiert, welche Folgen diese Lieder haben können.

Damit sprechen Sie den Bandmitgliedern sämtliche Eigenverantwortung ab.
Nein, absolut nicht. Man muss für solche Dinge gerade stehen. Ein ernsthafter Terrorismus-Sympathisant erscheint mir viel gefährlicher. Ausserdem treten Amok, wenn ich richtig orientiert bin, nicht mehr mit diesen Liedtexten auf. Also haben sie bereits dazu gelernt.

Sie glauben effektiv daran, dass die Band keine antisemitischen Lieder mehr singt?
Niemand kann eine Garantie abgeben. Aber ich kann nirgends politischen Extremismus feststellen. Ausserdem hat man mit Verboten noch nie etwas Extremes aufgehalten. Ich bin auch nicht dafür, dass man «Mein Kampf» verbieten sollte, denn nur so kann man feststellen, was für ein übles Machwerk das ist.

Das bedingt allerdings eine Reflexion über die Thematik – Amok singt vor rechtsradikalem Publikum über Antisemitismus. Da findet keine Reflexion statt.
Genau deswegen wäre es richtig, dass wir darauf hinwirken. Diese Reflexion muss stattfinden. Wie das gehen soll, weiss ich auch nicht. Ich bin kein Alleskönner. Aber das sollte das Ziel sein: Eine offene Diskussion ist mir lieber als Geheimniskrämereien.

Verstehen Sie es als Ihre Mission, diese Männer auf den rechten Weg zu bringen?
Den rechten Weg müssen sie selber finden. Das Spektrum ist breit. Ich bin der Meinung, dass sie einen sinnvolleren Weg finden werden. Aber man kann nie ausschliessen, dass echter Mist passiert. Ich glaube jedoch, dass Gespräche mit den Leuten das beste Mittel sind, um genau das zu verhindern. Meine Verteidigung soll ihnen zeigen, dass auch der Staat sie nicht ausschliesst, dass man auch legal im Staat etwas bewegen kann.

Was müsste geschehen, dass Sie das Mandat wieder abgeben?
Ich würde es dann niederlegen, wenn sie etwas Unkorrektes von mir verlangen. Derzeit sehe ich allerdings keinen Grund dafür. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.09.2008, 09:06 Uhr

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