«Ich stehe dazu, was ich gemacht habe»

Pädagoge Jürg Jegge spricht im Interview über die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn. Er habe gedacht, sexueller Kontakt nütze den Schülern.

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Jürg Jegge begrüsst uns in seinem kleinen alten Riegelhäusschen, direkt an der Töss in Rorbas. Die Küchenfenster und Gartentür im Untergeschoss bieten direkten Blick auf Sportplatz und Gebäude der Stiftung Märtplatz, die der heute 74-jährige Pädagoge 1985 gegründet hat. Sie bietet Platz für 50 junge Erwachsene. Als Reaktion auf das Buch «Jürg Jegges dunkle Seite» ist er als Ehrenpräsident der Stiftung zurückgetreten. Jegge reicht freundlich Kaffee und wischt sich die Hände an den ausgewaschenen Hosenbeinen ab. Gestresst wirkt der rundliche kleine Mann nicht, aber etwas peinlich sind ihm die Fragen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das neu erschienene Buch von Markus Zangger lasen?
Ich las es mit Interesse, ich habe Herrn Zangger schon davor gesagt, dass es mich interessieren würde, wie er das alles damals erlebt hat. Andererseits habe ich natürlich viele Geschichten ganz anders empfunden als er, und ich habe mich beim Lesen gefragt: Bin ich wirklich so ein Untier? Ich war überrascht über den Hass, der aus dem Buch spricht.

Der Hass hat Sie erschreckt?
Ja, sehr. Ich habe unsere Geschichte ganz anders erlebt.

War die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Schüler Markus Zangger sexueller Natur?
Ja, das war sie, unter anderem.

Herr Zangger beschreibt, wie Sie ihn einer Art Therapie, dem «Durchatmen», unterzogen und sich dabei an ihm vergriffen haben.
Es stimmt, dass es zu sexuellen Handlungen gekommen ist, aber ich habe das anders erlebt. Natürlich haben wir zueinander gesagt, dass wir das geheim halten sollten, aber dass ich ihn immer wieder dazu überredet hätte und ihm gesagt hätte, diese Therapie sei gut für ihn, stimmt nicht.

Im «Blick» hat ein weiterer heute 51-jähriger Mann Sie ebenfalls beschuldigt, ihn missbraucht und die Streicheleinheiten als Therapie bezeichnet zu haben.
Ich habe ihm bloss von diesen Therapien erzählt. Das war ein erwachsener Mensch, und ich habe ihm Avancen gemacht.

Waren Sie der Auffassung, die sexuellen Handlungen zwischen Ihnen und Herrn Zangger geschahen im gegenseitigem Einvernehmen? Ja, ich habe das damals so empfunden. Im grün-linken Kuchen der 70er Jahre und in pädagogischen Kreisen wurde damals diskutiert, dass eine mentale Befreiung mit der sexuellen Befreiung einhergeht. Das war der Grund, warum ich solche Sachen ausprobiert habe. Der Mensch braucht eine gewisse seelische Selbstsicherheit und möglichst vielseitige Anregungen, um sich zu entwickeln. Ich fuhr auch regelmässig mit meinen Schülern auf meine Kosten ins Theater oder zu Literaturvorlesungen.

Und bei einzelnen Schülern ergänzten Sie diese Anregungen mit sexuellem Kontakt?
Ja, bei denen ich dachte, es könnte ihnen etwas nützen, machte ich das.

Mit wie vielen Schülern hatten Sie sexuellen Kontakt?
Im ganzen waren es etwas unter zehn.

Wie viele waren es genau?
Das möchte ich nicht sagen. Vielleicht wollen die Betroffenen nichts dazu sagen.

Und in all diesen Fällen ist es einvernehmlich zu sexuellen Handlungen gekommen?
Ja, wenn einer nicht mehr wollte, haben wir aufgehört. Wenn Herr Zangger nicht wollte, haben wir nichts gemacht.

Sie wollten Ihre Schüler sexuell befreien, indem Sie als Lehrer mit ihnen gemeinsam onanierten?
Zum Beispiel, ja. Damals waren das Dinge, die diskutiert wurden. Namhafte Wissenschaftler erklärten damals, dass Kinder nicht unter sexuellen Kontakten mit Erwachsenen leiden. Ausserdem habe ich damals als Lehrer versucht, mich eher als Kumpel und Freund der Schüler zu verhalten.

Sie haben Ihre Macht als Lehrer missbraucht, um mit Ihren Schülern sexuell zu verkehren.
Ich muss zugeben, dass ich mich in diesem Punkt geirrt habe. Ich habe bei aller Freundschaft nicht beachtet, dass ich als Lehrer immer noch die stärkere Figur war.

Das Machtgefälle war Ihnen nicht bewusst?
Nein, die landläufige Meinung war damals, dass man dieses aufheben kann. Ich habe das Machtgefälle ganz bewusst klein gehalten. Es sollte ein ebenbürtiger Umgang sein und wenn es dabei zu Sex kam, durfte das passieren.

Verfügt ein 13-Jähriger die Reife, um zu entscheiden, ob er mit seinem Lehrer Sex haben will?
Ich hielt das damals für möglich.

Sie haben schwache Schüler ausgenutzt, um mit Ihnen Ihre Sexualität zu leben.
Nein, ich habe sie nicht mal als schwächere Schüler angeschaut. Ich habe immer gesagt, dass sie genauso gescheit sind wie alle anderen.

Können Sie diese Therapie erklären, bei der es zwischen Lehrer und Schüler zu Sex kommen durfte?
Das war keine Therapie, sondern eher ein Umgang. Es ging dabei um ein gutes Körpergefühl und Atmung. Zum Körper gehören halt auch die Geschlechtsorgane, früher oder später kamen die auch in den Fokus.

Herr Zangger gibt auch an, dass Sie Ihren Samen auf seinen Bauch onaniert haben.
Daran habe ich keine Erinnerung.

Lügt Herr Zangger?
Nein. Das sind seine Erinnerungen, meine sind anders. Ich weiss es nicht.

Kam es auch zu Geschlechtsverkehr zwischen Schüler und Lehrer?
Das will ich nicht sagen. Das berührt die Privatsphäre anderer.

Hatten Sie das Gefühl, die Praktiken halfen Herrn Zangger?
Ja, das hatte ich. Ich hatte das Gefühl, er findet es schön.

Sie haben Herrn Zangger gegenüber gesagt, Sie würden diese Therapie auch in Ihrem Buch «Dummheit ist lernbar» thematisieren. Warum haben Sie das dann doch nicht gemacht?
Ich wurde als Sonderschullehrer stets angefeindet. Mit dem ersten Buch habe ich versucht zu zeigen, was ich mache und wie ich arbeite. Das Buch war damals eine Verteidigungsschrift, in der ich mich erklären wollte. Das war genug, ich musste das nicht auch noch thematisieren.

Sie hätten die erfolgreiche Therapie doch Ihren Kollegen empfehlen können.
Ich wusste natürlich, dass die Leute dann aufschreien würden.

In Ihrem Brief an Herrn Zangger, den er in seinem Buch veröffentlicht hat, schreiben Sie, dass sexuelle Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen erst heute stärker kriminalisiert werden als damals.
Das ist so. Aber es war natürlich schon damals etwas, das… Da hat sich einiges verändert im Denken in den letzten Jahren.

Ich denke, Sie wussten, dass sexuelle Kontakte zwischen Schülern und Lehrern nicht toleriert würden. Hatten Sie Schuldgefühle?
Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht. Aber einerseits wusste ich schon damals, dass Sex mit Jugendlichen strafrechtlich verfolgt und tabuisiert wird. Und andererseits hatte ich meine Gedanken dazu noch nicht ganz ausformuliert.

Haben Sie sie heute ausformuliert?
Nein. Aber mein Fokus hat sich verändert. Ich glaube nicht mehr an die Grundidee, dass die Befreiung der Sexualität in Zusammenarbeit mit Schülern zu schaffen ist.

Warum?
Einerseits, weil man so einen jungen Menschen in furchtbare Gewissensnöte bringt und andererseits, weil ich wie erwähnt meine Autorität als Lehrer unterschätzt habe.

Finden Sie, die Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen wird heute zu stark kriminalisiert?
Sie ist sicher ungleich stärker kriminalisiert als früher. Das hat viel Gutes, weil es Leute gab, die ihre Macht missbraucht haben, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Wie haben Sie es vor sich als Pädagogen gerechtfertigt, dass Sie Spass haben und zum Orgasmus kommen, während Sie ihre Schüler therapierten?
Ich finde es okay, wenn ein Lehrer Spass an seiner Aufgabe hat. Natürlich nicht auf die Kosten der Schüler. Jeder Mensch, der zärtlich ist mit einem anderen, befriedigt auch seine eigenen Bedürfnisse. Aber der Schüler musste natürlich mehr davon haben.

Was empfinden Sie, wenn Sie jetzt hören, dass Herr Zangger das, was Sie mit ihm machten «ekelhaft» und «schrecklich» fand?
Ich kann mich natürlich an ganz viele Einzelheiten nicht erinnern. An das meiste habe ich andere Erinnerungen als er. Aber ich wollte schon immer wissen, wie das damals für ihn war.

Tut es Ihnen leid, dass es für ihn so war?
Ja, falls es ihm schlecht geht, tut es mir leid.

Wer sexuelle Handlungen mit Kindern vornimmt, gilt als Pädophiler. Sind Sie das?
Nein. Das ist natürlich eine Frage der Definition. Wenn Sie mich nach meinen sexuellen Vorlieben fragen, würde ich sagen, dass ich homosexuell bin. Das war mir selber lange gar nicht klar. Ich habe mich nie von Kindern sexuell erregt gefühlt. Jugendliche, die langsam männlich wurden, damals möglicherweise schon.

Haben Sie Herrn Zangger geliebt?
Es sind in ein paar dieser Fälle in meinen Augen echte Freundschaften entstanden. Was natürlich nicht so im Buch steht. Irgendwann sagte mir Herr Zangger, dass er die sexuellen Kontakte nicht mehr will, dann habe ich das akzeptiert. Dass ich ihn unter Druck gesetzt haben soll, wüsste ich nicht.

Empfanden Sie es als ungerecht, dass Sie zu den gegen Sie erhobenen Vorwürfen im Buch keine Stellung nehmen durften?
Herr Zangger hat sich jetzt einfach entschieden und hat das so gemacht. Überrascht war ich, wie schnell das Buch da war. Ich hatte ja gewusst, dass eines kommt.

Werden Sie nun rechtlich gegen Herrn Zangger vorgehen?
Ich nehme erstmal das Buch zur Kenntnis und muss mir noch überlegen, wie ich darauf reagieren soll. Ich finde Schnellschüsse nicht gescheit.

Haben Sie Angst vor Strafverfolgung wegen allenfalls nicht verjährten Taten?
Nein, nicht wirklich. Ich stehe dazu, was ich gemacht habe.

Wie ist die Reaktion der Leute im Dorf?
Es gibt viele Leute, die sehr nett mit mir umgehen und mir ihre Solidarität erklärt haben.

Wollten Sie nie umziehen?
Das kann ich ja immer noch, wenn es mir dann mal stinkt. Ich stehe dazu, was ich gemacht habe. Aber aus heutiger Sicht war das ein Blödsinn.

Ein Buch belastet den Musterpädagogen: Jürg Jegge soll Schüler psychisch und physisch missbraucht haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2017, 07:25 Uhr

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