Im Schraubstock
Von Felix Schindler. Aktualisiert am 20.09.2011
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Wir sind Beobachter. Wir geben die Fakten wieder; wir ordnen sie ein, wenn wir beide Seiten kennen. Das ist unsere Aufgabe, und ich versuchte, sie an den Krawallen vom letzten Samstag wahrzunehmen. Als sich die Zerstörungswut von zahlreichen Krawalltouristen entlud und die Polizei ihnen mit schwerem Geschütz entgegentrat, standen wir Journalisten irgendwo dazwischen.
Was wir dabei erleben, behalten wir normalerweise für uns. Heute mache ich eine Ausnahme, denn der Einsatz am Samstagabend brachte mich an meine Grenzen. In meiner Karriere berichtete ich schon über zahlreiche 1.-Mai-Krawalle und weiss: Wenn es knallt, dann will niemand die Journalisten dabei haben. Die Gaffer pöbeln, die Demonstranten drohen uns und die Polizisten wollen uns das Fotografieren verbieten.
Das bin ich gewohnt. Ich kenne den Geruch von Tränengas, ich wurde schon von Gummischrot getroffen und von Pflastersteinen knapp verfehlt. Am Samstagabend ergriff mich allerdings zum ersten Mal die pure Furcht.
Die Polizei rückte über die Bahnhofbrücke vor, drängte die Krawallmacher Richtung Bahnhofplatz. Dort stand ich mit einer Kollegin an einer Hausmauer und liess die Gaffer vorbeiziehen. Plötzlich überrollte uns das Zentrum des Konflikts. Wir standen mitten in den Randalierern, die vor dem Gummischrot der Polizei flüchteten. Einer entdeckte meine Kamera, packte mich und schleifte mich mit.
«Warum fotografierst Du uns?», brüllte er mich an, zerrte an meiner Kamera und streckte mir seine Faust entgegen. Er war aufgeladen, aggressiv, seine Wut schlug mir entgegen. Ich bin nicht klein, doch meinem Widersacher war ich körperlich hoffnungslos unterlegen. Erst, als ich an seine Kehle griff und die Schüsse aus den Schrotgewehren der Polizei immer näher kamen, liess er von mir ab.
Bereits zuvor schlug mir ein Gaffer meine Kamera ins Gesicht, als ich durch den Sucher blickte und die Verhaftung dreier Vermummter fotografierte. Und ein Kollege von «TeleZüri» wagte sich zu nahe an eine Gruppe Chaoten und kassierte dafür einen Faustschlag ins Gesicht. Das ist eine Dimension der Gewalt, der wir Journalisten in Zürich bisher nicht begegneten.
Doch es waren nicht nur die Zusammenstösse mit den Krawallmachern, die einen schalen Nachgeschmack haben. Während die Jugendlichen überzeugt sind, wir würden sie in unseren Berichten ungerecht behandeln und nur die Position der Polizei vertreten, nehmen es offenbar viele Polizisten genau umgekehrt wahr.
Wir waren da, als der Polizei der wichtigste Schlag gegen die Randalierer gelang. Sie kesselte mindestens 20 von ihnen ein und verhaftete sie. Für einen Beamten war das der richtige Moment um uns seine Verachtung für uns auszudrücken. Mit einem hämischen Ton wollte er wissen, für welches Medium meine Kollegin und ich arbeiten. «Von euch möchte ich irgendwann in meinem Leben ein einziges wahres Wort lesen». Er unterstellte uns, Unwahrheiten zu verbreiten, wir seien nicht in der Lage, die Situation an den Bellevue-Krawallen richtig einzuschätzen.
Ich war auch damals vor Ort, entgegnete ich. «Sie hätten neben mir stehen müssen», sagte er. Dass ich dann nur seine Perspektive hätte abbilden können, liess er als Argument nicht gelten. Wir konnten uns mit ihm auch nicht darauf einigen, dass wir genau wie er nicht freiwillig mitten in der Nacht im Regen stünden und den Abend lieber mit unseren Familien verbracht hätten. Er liess erst locker, als wir ihm den Rücken kehrten.
Anders als die Kollegen vom Fernsehen, die mit grossen Kameras unterwegs sind, waren wir nicht offensichtlich als Journalisten erkennbar. Gleichzeitig sind wir beide schlicht zu alt, um zu den Zuschauern zu gehören. Für viele liess das nur einen Schluss zu: «Schau, das sind Zivilbullen.»
Polizisten in zivil sind unter den Krawallmacher besonders verhasst, weil sie sich mehr oder weniger unerkannt unter die Menge mischen und so einzelne Exponenten isolieren können. Wenn sie allerdings vom Mob erkannt werden, dann müssen auch sie mit dem Schlimmsten rechnen. Nichts hat uns an jenem Abend mehr beunruhigt als die Furcht, nicht nur von Gaffern, sondern auch von Chaoten mit ihnen verwechselt zu werden.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.09.2011, 15:32 Uhr



