In Ketten
Von Patrick Kühnis. Aktualisiert am 03.10.2011 76 Kommentare
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Flug 970 von Thai Airways nach Zürich stand schon bereit. Doch als es um 22.55 Uhr an der Sicherheitsschleuse vor Gate 25 piepste, war alles vorbei. Alphons Barandun (Name geändert) musste zur Leibesvisitation. Fündig wurden die Drogenfahnder des thailändischen Zolls vorn in seiner Hose. Dort hatte der damals 34-Jährige einen Plastiksack voller Thai-Pillen versteckt.
8500 kleine Tabletten, die exakt 815,13 Gramm schwer waren, wie der Laborbefund im Flughafen ergab. Sie enthielten 149,313 Gramm Methamphetamin. «Der Rest war Dreck», sagt Barandun. Er gestand sofort alles. Die Polizei führte ihn ab. Noch in derselben Nacht filmten ihn thailändische TV-Reporter, um den Schweizer Verbrecher im Frühstücksfernsehen vorzuführen – vor Millionen von Fernsehzuschauern. Das alles geschah am 23. Juli 2003.
Rückblickend sei es «eine Riesendummheit» gewesen, was er in seinen 14-tägigen Thailandferien vorgehabt habe, sagt Barandun heute. Er kaufte die Pillen zu 50 Rappen pro Stück in Bangkoks Amüsierviertel, der Sukhumvit Road. Angeblich ohne zu wissen, wie hart das Königreich Drogendelikte bestraft. «Ich war naiv. Ich dachte, das sei nur in Singapur oder Malaysia so. Darum machte ich mir keine grossen Sorgen.»
Verhängnisvoller Kleinkredit
Zu dieser Zeit habe ihn ohnehin ein ganz anderer Gedanke beherrscht: dass er mit den kleinen Pillen auf einen Schlag all seine Probleme lösen könne, wenn er sie in der Schweiz mit Gewinn weiterverkaufe. Alphons Barandun hatte Anfang Jahr seine Stelle in einer Transportfirma gekündigt, weil er einen Job als Möbelmonteur in Aussicht hatte. Doch die neue Firma hielt sich nicht an ihr Versprechen. Der Zürcher war arbeitslos.
Weil die Arbeitslosenkasse erst nicht zahlte, nahm er einen Kleinkredit über 20 000 Franken auf. «Ich hörte in Zürich, dass Thaipillen gerade wahnsinnig gefragt sind.» Also kratzte der 34-Jährige alles Geld zusammen – und flog ab.
Zuerst sah es so aus, als würde er nie mehr zurückkehren. Das Königreich stuft Thaipillen gefährlicher ein als Heroin – Barandun drohten 100 Jahre Haft. Weil er geständig war, halbierte sich die Strafe nach dem ersten Gerichtstermin. An seinem 35. Geburtstag eröffnete ihm das Kriminalgericht Radschadan das definitive Urteil, das dem TA vorliegt: 25 Jahre Gefängnis und umgerechnet 15 000 Franken Busse – weil er sich äusserst kooperativ verhalten habe. In der Schweiz wäre Barandun laut seinem Anwalt Christoph Hohler wohl mit einer bedingten Strafe davongekommen, «weil die Strafe praxisgemäss keinesfalls mehr als zwei Jahre betragen hätte».
Die ersten vier Monate der Haft verbrachte Barandun in Bambat Phiset, Hochsicherheitstrakt für Drogenkriminelle im berüchtigten Klong-Prem-Knast von Bangkok. «Dort schnitten sie mir als Erstes die Hosen ab.» Wärter drückten ihm die Zahnpasta aus. Dann kam er in eine Werkstatt, in der ein Schmied wartete. Dieser legte dem Schweizer zwei Stahlringe um die Waden. Dann verband er die Ringe mit einer 75 Zentimeter langen, rostigen Kette. Der Häftling trug sie fortan Tag und Nacht. Beim Gehen habe ihn das Eisen nicht gross gestört, beteuert er. «Aber versuchen Sie einmal, sich damit die Hosen an- und auszuziehen.»
Eingesperrt war er in einer 50-Quadratmeter-Zelle, die er sich mit 60 Gefangenen teilte. In der Nacht brannte ständig Neonlicht. Er musste auf dem Boden schlafen. Das WC, das nur durch ein kleines Mäuerchen abgetrennt war, stand genau unter dem Fernseher.
Nur wenig erträglicher wurde die Haft, als Barandun vier Monate später in einen anderen Trakt verlegt wurde. Auch dort schlief er am Boden, dafür war die Hygiene besser. Die rasselnde Kette behielt er an, wenn er ass, schlief oder Besuch empfing. Eine Schweizer Wohltäterin brachte eingesperrten Landsleuten Seife, Essen oder Zigaretten. Erst nach acht Monaten wurde die Kette auseinandergeschweisst.
Es gab Häftlinge, die Klong Prem nicht überlebten. 1995 starb dort ein Schweizer an Hirnhautentzündung – Folge einer verschleppten Mittelohrentzündung. Barandun schaute, dass er sich fit hielt. Er ist ein kräftiger, gedrungener Mann, der einst eine Maurerlehre absolvierte. Den Militärdienst leistete er als Füsilier-Korporal, arbeitete später als Chauffeur und Vorarbeiter, war kurz mit einer Thailänderin verheiratet.
Als Blaufahrer vorbestraft
Auch mit dem Gesetz kam er schon in Konflikt. Ende der 90er-Jahre fuhr er nach der Fasnacht betrunken ein Firmenauto in den Bach und wurde noch einmal als Blaufahrer erwischt. Er sass darauf eine sechsmonatige Strafe in Halbgefangenschaft ab, behielt aber seine Arbeitsstelle. Danach habe er seinen Freundeskreis ziemlich ausgetauscht: «Ich suchte mir Leute, die akzeptierten, dass man abends auch einmal nur einen Tee trinkt.»
Im Knast von Bangkok freundete sich Barandun mit anderen Ausländern an: Portugiesen, Afrikanern, Engländern. Gleichzeitig hoffte er auf eine Überstellung in die Schweiz. Ein erstes Gesuch blieb in Bern drei Jahre liegen. 2008 stellte sich plötzlich ein anderes Problem: Mit einer – dank einer Teilamnestie reduzierten – Reststrafe von 22 Jahren, 2 Monaten und 20 Tagen nahm ihn kein Schweizer Gefängnis auf. Ein solches darf nur Haftstrafen von maximal 20 Jahren vollziehen. Unter diese Schwelle schaffte es Barandun erst, als ihm Thailand im Juli 2008 weiteren Straferlass gewährte – auf 19 Jahre und 160 Tage.
Nach fünf Jahren und sieben Monaten Klong Prem brachten drei Polizisten den Häftling am 16. März 2009 in die Schweiz. Barandun befand sich seither in der Kolonie Ringwil und der Strafanstalt Saxerriet, wo ihm der Direktor «einen absolut guten Vollzugsverlauf» bescheinigt. Der heute 42-Jährige ist in der Landwirtschaft tätig. Das sei harte Arbeit – «aber kein Vergleich zu Bangkok».
Schon am 30. Juni 2009 hatte sein Anwalt Christoph Hohler beim Kanton Zürich ein Begnadigungsgesuch eingereicht, damit sein Mandant nicht noch bis zum 14. Juli 2016 in Haft bleiben muss. Der Zürcher Strafrechtler arbeitet gratis für ihn – aus Mitleid. Wieder gab es Verzögerungen: Der Bund musste erst in Bangkok abklären lassen, ob Thailand mit einer Begnadigung in der Schweiz einverstanden ist. Zwei höfliche Depeschen später war klar: Das thailändische Aussenministerium hat nichts dagegen.
Kommission sagt Nein
Die Zürcher Regierung auch nicht: Im letzten März beantragte sie dem Kantonsrat, Alphons Barandun zu begnadigen. Vor einigen Wochen dann der Schock. Die vorberatende Justizkommission beriet den Fall mehrmals – und lehnt es nun grossmehrheitlich ab, Barandun freizulassen (siehe Kasten). Damit zeichnet sich auch im Kantonsrat eine Niederlage ab – was nach dem Ja der Regierung sehr ungewöhnlich wäre.
Doch Barandun gibt nicht auf. Er will sich dem Verdikt des Parlaments stellen. «Wenn ich mich nicht wehre, komme ich erst als 48-Jähriger raus. Dann werde ich es schwer haben, einen Job zu finden.» Er müsse aber Geld verdienen, um seine leere Pensionskasse zu füllen. Was die Kommission gegen ihn habe, weiss er nicht. «Die einzige Möglichkeit ist, dass die Politik ein Exempel an mir statuieren will. Ich frage mich nur: Warum?» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.10.2011, 06:59 Uhr
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76 Kommentare
Das ist wirklich absoluter Verhältnisblödsinn. Der Typ hat zwar Scheisse gebaut, mit fast 6 Jahren im Klong Prem hat er aber härter gebüsst als die meisten Mörder in der Schweiz. Gebt ihm ein Chance, spart die massiven Gefängniskosten und lasst Vernunft walten Antworten

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