«In der Nacht muss der Himmel leer sein»

Fluglärmgegner werfen dem Flughafen vor, dieser plane bewusst Verspätungen ein, damit die Nachtruhe nicht eingehalten werden könne. Das sei ein Denkfehler, kontert der Flughafen.

In den letzten zwei Jahren gab es mehr Flüge während der Nachtsperrzeit von 23.30 Uhr bis 6 Uhr: Anflug auf den Flughafen Zürich. (Archivbild Keystone)

In den letzten zwei Jahren gab es mehr Flüge während der Nachtsperrzeit von 23.30 Uhr bis 6 Uhr: Anflug auf den Flughafen Zürich. (Archivbild Keystone)

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Die Bürger fühlten sich nicht ernst genommen, sagt Ursula Moor (SVP). Die Präsidentin des Schutzverbands der Bevölkerung um den Flughafen Zürich (SBFZ) kritisiert, dass Flüge während der Nachtsperrzeit zwischen 23.30 Uhr und 6 Uhr ständig zahlreicher werden. In einer Auswertung der letzten vier Jahre aus dem Lärmbulletin des Flughafens Zürich zeige sich, dass diese Flüge von 2008 bis 2012 zugenommen hätten. Diese Steigerung müsse gestoppt und umgedreht werden. «Sonst werden wir innert weniger Jahre keine Nachtruhe mehr haben», so Moor.

Weiter kritisiert der Schutzverband, dass die Bewilligung der Nachtflüge intransparent sei. Flüge während der Sperrzeit müssen vom Flughafen einzeln abgesegnet werden. Die Vergabe dieser Erlaubnis wird von einer Monitoringgruppe beim Bundesamt für Zivilluftfahrt überwacht. Robert Bänziger, Geschäftsführer des SBFZ, stört sich daran, dass sein Verband keinen Einsitz in der Monitoringgruppe hat.

«In der Nacht muss der Himmel leer sein»

«Der Grundsatz ist klar: In der Nacht muss der Himmel leer sein. Daran gibt es nichts zu rütteln.» Die Genehmigung der Nachtflüge finde aber hinter verschlossenen Türen statt. Man wisse nicht, ob es sie wirklich brauche und ob sie den gesetzlichen Vorgaben entsprechen würden – oder ob der Flughafen bei der Genehmigung zu grosszügig sei.

Flughafen-Sprecherin Sonja Zöchling entgegnet, der Anstieg der Nachtflüge werde vom Schutzverband falsch dargestellt. «Da werden Äpfel mit Birnen verglichen.» Es gebe zwar in der Tendenz eine leichte Zunahme, dafür gebe es aber zwei Gründe: Im Juli 2010 sei die Nachtflugsperre um eine Stunde verlängert worden. Das habe automatisch zur Folge, dass mehr Flüge, die nicht verschoben werden können, in die Sperrzeit fallen – etwa Ambulanzflüge. Zudem habe der Flugverkehr allgemein zugenommen, was sich auch in den Ausnahmebewilligungen für Nachtflüge niederschlage.

Schnee, Streiks, Diplomaten

Es gebe aber starke Schwankungen bei den Nachtflügen, so Zöchling. Das hänge damit zusammen, dass sie nur erlaubt seien, wenn es dafür wichtige Gründe gebe, die im Gesetz vorgesehen seien. Am häufigsten seien starke Gewitter und Schnee schuld, dass sich Flugzeuge bis in die Sperrzeit hinein verspäteten – und dann ausnahmsweise noch starten dürften. Am zweithäufigsten gebe es Verzögerungen wegen technischer Probleme. Defekte Flugzeuge, die repariert oder gar ausgetauscht werden müssen. Dazu kämen Ambulanzflüge, Diplomaten- und Staatsflüge oder Verzögerungen wegen Streiks im Ausland. «Das Bundesamt für Zivilluftfahrt bestätigt uns aber, dass wir alles tun, um die Nachtflugbewilligungen eng zu beschränken.»

«Bewilligung der Nachtflüge intransparent»

Die Kritik des Schutzverbands geht aber noch weiter. Er wirft dem Flughafen vor, abends die Abflüge bewusst so zu planen, dass die Nachtruhe gar nicht eingehalten werden kann. Konkret: Laut Betriebsreglement dürfen Starts und Landungen bis 23 Uhr eingeplant werden. Danach folgt bis 23.30 Uhr eine halbe Stunde, die nur dazu benutzt werden darf, angehäufte Verspätungen des Tages abzubauen. Der Flughafen hat nun aber laut Schutzverband kurz vor 23 Uhr so viele Starts eingeplant, dass es unmöglich ist, bis zur 23-Uhr-Grenze alle Flugzeuge in der Luft zu haben. Zum Beispiel seien montags Flüge nach Bangkok, Johannesburg und Tel Aviv angesetzt, die allesamt um 22.45 Uhr vom Terminal weggeschoben würden. Bis ein Flugzeug auf der Startposition sei, vergingen im Minimum 12 bis 15 Minuten. Bei einem Startintervall von 2 Minuten sei es selbst an einem problemlosen Betriebstag schlicht unmöglich, dass alle Flugzeuge rechtzeitig starten. Fazit: «Die Verspätungen sind eingeplant, die halbe Stunde zum Abbau der Verspätungen wird vom normalen Linienverkehr belegt.»

Abheben oder zurückschieben?

Der Schutzverband mache einen Denkfehler, kontert Flughafensprecherin Zöchling: «Wenn man in der Luftfahrt von Startzeiten redet, meint man nicht das Abheben, sondern den Moment, in dem das Flugzeug das Fingerdock verlässt: den Pushback.» Um 23 Uhr müssten also lediglich alle Flugzeuge ihre Standplätze verlassen haben. Dies habe der Flughafen schon immer so gehandhabt. Es sei sogar eine Reserve eingebaut, indem die letzten Pushbacks auf 22.45 Uhr gelegt worden seien.

«Das kann nicht im Sinne des Gesetzgebers sein», entgegnet Robert Bänziger. Das Reglement sei zum Schutz der Bevölkerung vor Lärm aufgestellt worden, und darin stehe nun einmal 23 Uhr. Was genau ein Start sei, sei im Luftfahrtgesetz eindeutig festgelegt. Der Schutzverband will deshalb nun dafür kämpfen, dass das letzte Flugzeug künftig um spätestens 23 Uhr abhebt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.11.2012, 06:28 Uhr)

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