«In meinem Vogelnest bin ich König»

Baustelle Prime Tower: Monteiro Fernandes Rui arbeitet auf dem höchsten Kran im Kanton Zürich. Die 352 Stufen zu seinem luftigen Arbeitsplatz kletter er täglich viermal hinauf und hinunter.

Keiner kommt höher raus: Monteiro Fernandes Ruis Arbeitsplatz befindet sich in 96 Meter Höhe.

Keiner kommt höher raus: Monteiro Fernandes Ruis Arbeitsplatz befindet sich in 96 Meter Höhe.
Bild: Thomas Burla

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnetz wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS). Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Es ist keine 0815-Baustelle: Der Prime Tower, der auf dem Areal der ehemaligen Maag-Zahnradfabrik entsteht, ist ein Prestigeprojekt. Monteiro Fernandes Rui kennt die Eckdaten auswendig: «126 Meter hoch, 36 Etagen, 40 000 Quadratmeter Nutzfläche, Platz für bis zu 2000 Arbeitsplätze.» Und er hat auf der Homepage www.primetower.ch folgenden Werbespruch gelesen: «Die SkyLounge in der 35. Etage ist schwindelerregend.» Bei dem Wort «Schwindel» muss er schmunzeln. Dieses Gefühl kennt er nicht, und das ist auch besser so, denn Monteiro Fernandes Rui arbeitet in 96 Meter Höhe als Führer des Hauptkrans auf der Prime-Tower-Baustelle.

Sein Arbeitsgerät kostet eine halbe Million Franken und ist ein Wolff 6531. So heisst der rote Koloss aus Stahlträgern, Elektromotoren und Drahtseilen. Von Montag bis Freitag klettert der 39-Jährige die 352 Sprossen zu seinem luftigen Arbeitsplatz empor. Fünf Minuten braucht er dafür, die Hälfte für den Rückweg. Sein Turmdrehkran ist der höchste im Kanton Zürich und er «wächst» quasi mit dem Prime Tower: Am Schluss wird er die Höhe von 145 Metern erreicht haben. «Das ist auch für mich beachtlich, denn die durchschnittliche Höhe von Kränen auf Zürcher Baustellen beträgt 30 bis 70 Meter», sagt Monteiro Fernandes Rui.

Faszination Höhe

Rui ist in Portugal aufgewachsen und wollte immer schon einen Job, der sich in der Höhe abspielt. Als kleiner Junge hat er seine Eltern regelmässig zur Verzweiflung getrieben, wenn er wieder auf den höchsten Baum in der Umgebung geklettert war. «Kranführer ist mein Traumberuf. Die Höhe fasziniert mich.» Mit 16 Jahren steuert er erstmals einen Kran selber, danach lässt er sich in seinem Heimatland zum Kranführer ausbilden. Nach einem längeren Aufenthalt in Deutschland, zieht er vor sieben Jahren mit seiner Frau in die Schweiz. Das Land und die Leute gefallen ihm. Hier sei alles sauber, geregelt, und er schätze die Disziplin auf den Schweizer Baustellen.

Funk zum «Bodenpersonal»

Ruis Arbeitsalltag ist klar strukturiert: Er beginnt um 6.45 Uhr und endet gegen 17 Uhr. Einzig für die 45-minütige Mittagspause steigt er vom Kran herunter. «Bewegung tut gut, sonst sitze ich den ganzen Tag in der Führerkabine.» Ist ein schönerer Arbeitsplatz überhaupt denkbar? Mit einem traumhaften Rundpanorama über die ganze Stadt und den See, und wenn der Chef was will, muss er zuerst die 90 Meter überwinden. Da ist es nicht erstaunlich, dass sich Kranführer oft wie auf einem Thron fühlen. Monteiro Fernandes Rui lacht. «Mein Arbeitsplatz ist tatsächlich nah bei den Wolken. In meinem Vogelnest bin ich König.» Die Kranführerkabine sei für ihn fast schon ein wenig wie ein Himmelreich, aber man dürfe den Beruf bei allen Vorzügen auch nicht unterschätzen.

Die «höchste» Position, die der Kranführer auf der Baustelle einnimmt, ermöglicht nicht nur einen ausgezeichneten Überblick, sondern verlangt auch viel Verantwortung. Das Team am Boden muss sich auf seine Zuverlässigkeit verlassen können. Rui kann mit seinem Kraftpaket von Kran bis zu 7,8 Tonnen heben und die Verteilung von schweren Gütern wie Armierungseisen oder Betonelemente übers Baufeld braucht einen klaren Kopf. Damit er sich mit dem «Bodenpersonal» verständigen kann, steht er unter permanenter Funkverbindung. Die Kollegen teilen ihm auf diese Weise ihre Transportwünsche mit. So ist Rui trotz grosser Entfernung in den Arbeitsprozess am Boden eingebunden.

Die diffizile Frage zum Schluss

Es ist eine äusserst anspruchsvolle Arbeit. Neben Präzisionsarbeit muss ein Kranführer immer auch die Einflüsse des Windes im Griff haben. Darum, sagt Rui, sei es von Vorteil, wenn ein Kranführer bei hektischen Situationen oder bei Stress die Ruhe und Übersicht bewahrt. Ihm gelinge dies gut, denn er sei ein ausgeglichener Typ und könne nach Arbeitsschluss gut abschalten. Die ultimative Frage zum Schluss: Was macht ein Kranführer, wenn sich die Blase plötzlich meldet? Er nehme immer eine Wasserflasche mit, die müsse im Notfall genügen. Es sei aber erlaubt, bei einem «grösseren Geschäft» den Kran zu verlassen und eine Toilette aufzusuchen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2009, 16:50 Uhr

Meistgelesen in der Rubrik Zürich

Neues aus Ihrem Wohnort

  • Hier finden Sie Nachrichten, Veranstaltungen und das detaillierte Lokalwetter ihrer und hundert weiterer Gemeinden im Gebiet des Tages-Anzeigers. Mehr...
  • Gelangen Sie hier direkt zu Ihrer Gemeindeseite:

Die Top-Themen im

Umfrage

Soll in Zürich ein nächtliches Trinkverbot auf öffentlichem Grund eingeführt werden?

Ja

Nein


Hildegard Schwaningers Notizen zu Namen

Der Zwillingsmord von Horgen

Der Münchner Prozess

Regionenrating

Eva

Der grosse Kinoservice für Zürich & Region

Das Filetstück: die Gastro-Suche




© Tamedia AG 2010 Alle Rechte vorbehalten