Zürich

«Ist das Kind in zwei Jahren nicht da, müssen sie umziehen»

Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 09.07.2012 46 Kommentare

Neben roten Kratern zeigt sich in Affoltern, was Verdichtung in Zürich fürs Zusammenleben bedeutet. Kinder spielen dabei eine zentrale Rolle – nicht nur auf dem Spielplatz.

1/9 Rote Hügellandschaft im Innenhof der Genossenschaft Frohheim: Hier sollen Kinder spielen und sich Erwachsene treffen.
Jvo Cukas

   

Serie: Verdichtetes Bauen

Der Wohnraum in Zürich ist knapp. Die Stadt will die vorhandenen Räume besser nutzen und setzt deshalb auf verdichtetes Bauen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet setzt sich mit dem Thema in dieser Serie aus verschiedenen Blickwinkeln auseinander: Wo kann Zürich verdichtet werden? Werden dadurch die Probleme des Wohnungsmarktes entspannt? Welche Schwierigkeiten entstehen, wenn wir immer näher aufeinander wohnen? Was gewinnen wir durch die Verdichtung, was verlieren wir?

Bisher erschienen sind:

«Die Goldküste muss verdichtet werden»: Interview mit Stadtwanderer Benedikt Loderer.

«In Schwamendingen hat es mehr Platz für Wohnungen»: Interview mit dem Direktor des Amtes für Städtebau, Patrick Gmür.

«Wie zwei Männer die Seefelder Familienwohnungen retten wollen»: Zwei Männer beraten Hausbesitzer, um Wohnungen zu erhalten.

«Leben auf dem Mars»: Reportage aus einer verdichteten Siedlung.

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Im Innenhof der Genossenschaft Frohheim in Zürich-Affoltern wähnt man sich auf der Oberfläche des Mars: Wie eine Kraterlandschaft sind kleine Hügel angelegt, alle aus jenem roten Belag, den man sonst bei Sportanlagen findet. Kinder tollen zwischen den Ausbuchtungen herum, auf einer lang gezogenen Tartan-Düne hat es sich ein Student mit seinen Unterrichtsunterlagen bequem gemacht.

«Kinder aus der ganzen Nachbarschaft kommen nach der Schule hierhin, um zu spielen. Wir sind der neue Hit im Quartier», meint Marco Reggio, Geschäftsführer der Genossenschaft Frohheim. Und er erwartet noch mehr Andrang. Bald sollen zwischen den neuen Gebäuden – eine zweite Bauetappe wurde kürzlich abgeschlossen – Sandkästen und Wasserspiele fertiggestellt sein.

Tartan-Hügel statt Gartensitzplatz

An der Stelle, wo sich heute in Pastellfarben gehaltene Neubauten in den Himmel recken, standen bis ins Jahr 2008 Gebäude aus den 40er-Jahren. 60 Wohnungen in zwei Mehrfamilienhäusern und 36 Reiheneinfamilienhäuser gab es damals auf dem Areal, vor jedem waren Grünflächen angelegt, die als Gartensitzplatz und Trennfläche genutzt wurden. Im Zeichen der Verdichtung ist nun einiges geschehen: Neu sind auf der gleichen Fläche 132 Wohnungen angelegt, die meisten verfügen über grosszügige Balkone. Einen Gartensitzplatz hat keine mehr.

«Wir mussten uns genau überlegen, wie wir die Grünflächen nutzen können, damit alle Bewohner etwas davon haben», meint Landschaftsarchitektin Andrea Fahrländer. Die Tartan-Hügel seien dafür ein gutes Beispiel: Einerseits hätten Kinder ihren Spass, aber auch für Erwachsene böten sich Sitzgelegenheiten und Begegnungszonen.

Kein Problem mit Kindern

Gemeinsam genutzte Aussenräume statt eigener Gartensitzplätze: Das Verdichtungskonzept wird in der ganzen Anlage umgesetzt. Für die Bewohner ist das Näherrücken kein Problem. «Wir hatten auch früher viele Kinder, die vor unserer Wohnung spielten», meint Werner Trutmann. Der 74-Jährige ist mit seiner fünf Jahre jüngeren Frau Margrith vor wenigen Monaten in eine 2,5-Zimmer-Wohnung gezogen.

«Wir hatten uns bereits 2007 angemeldet, und man sprach uns erst eine grössere Wohnung zu», erinnert sich Trutmann. «Dann sagte man uns plötzlich, dass wir sie trotzdem nicht bekommen.» Seine Frau sei in Tränen ausgebrochen. Noch am selben Abend habe man ihnen dann «die schönste 2,5-Zimmer-Wohnung der ganzen Siedlung» angeboten. Das Gute sei, meint Ehefrau Margrith, dass jetzt auch niemand umziehen müsse, sollte einer von beiden sterben.

Laut Genossenschaftsgeschäftsführer Reggio habe man in der Siedlung klare Belegungsvorschriften, die man auch klar durchsetze. Grundsätzlich gelte die Regel: Anzahl Zimmer minus eins. Bei älteren Ehepaaren habe man sich aber dafür entschieden, grundsätzlich grosszügige 2,5-Zimmer-Wohnungen zu vermieten. «Bei jüngeren sieht dies anders aus, weil ja noch Kinder kommen können.» Reggio gibt an, dass er sich nicht immer Freunde gemacht habe, wenn er auf die Belegungsvorschriften gepocht habe. Einem jungen Pärchen habe man eine 4-Zimmer-Wohnung gegeben, weil es bereits von seinem Kinderwunsch sprach. «Ist dieses aber in zwei Jahren nicht da, müssen sie in eine kleinere Wohnung ziehen.»

Moderate Mieten, aber teurer als früher

Anfangs sei man von Anfragen von Senioren fast überrollt worden. «Sie bewarben sich für alle Wohnungsgrössen.» Eine gute Durchmischung sei für die Genossenschaft aber zwingend gewesen. Heute lebt nun Jung neben Alt, rund 20 Prozent der Wohnungen seien an Senioren vermietet, 60 Prozent an Familien. «Zudem haben WGs mit Studenten oder Singles ein Zuhause gefunden.» Auch wolle man bei weiteren Projekten der Genossenschaft die Verdichtung weiter vorantreiben, wo dies Sinn macht. «Zwei Nasszellen in einer 2,5-Zimmer-Wohnung, wie bei den Trutmanns, wird es in Zukunft nicht mehr geben.»

Die Mieten im Frohheim sind für Neubauten sehr moderat. Zwei Zimmer gibts ab 1300 Franken, die teuerste Wohnung schlägt mit etwas mehr als 2700 Franken zu Buche: «Für die 5,5-Zimmer-Attikawohnung», wie Reggio deutlich macht. Sämtliche Wohnungen sind vermietet. Dennoch gibts einen Wermutstropfen: Von den Bewohnern der früheren Reihenhaussiedlung wollte kaum jemand in die Neubauten ziehen. Das dürfte auch am Preis liegen: Früher zahlte man am gleichen Ort für eine 4-Zimmer-Wohnung noch weniger als 1000 Franken.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.07.2012, 11:22 Uhr

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46 Kommentare

Hans Meier

09.07.2012, 12:31 Uhr
Melden 132 Empfehlung 0

Willkommen im Zeitalter des industriellen Wohnens. Analog zum Bienenvolk leben hier wohl die Arbeiter(innen), deren Funktion einzig und allein die Versorgung der Königin (obere Zehntausend) und der Drohnen (sosntige Schmarotzer) sind. Antworten


Philipp Sauter

09.07.2012, 13:09 Uhr
Melden 100 Empfehlung 0

Das Wort "verdichten" ist ein Euphemismus. Schlicht eine Frechheit. Das Tierschutzgesetz verbietet Hühner in Batterien zu halten, beim Menschen fördert man das. Ich will nicht verdichtet wohnen. Das Problem liegt schlicht und einfach darin, dass zu viele Menschen in Schweiz einwandern. Die Wirtschaft behauptet, man brauche das. Warum hat sie denn mit 6 Mio Leuten bestens funktioniert? Antworten



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