Zürich

Jährlich gibt es über zehn Unfälle wegen Autofahrern mit Epilepsie

Von Stefan Hohler. Aktualisiert am 11.01.2012 18 Kommentare

Epileptiker dürfen sich nur hinters Steuer setzen, wenn ihr letzter Anfall über ein Jahr zurückliegt. Dennoch ist der tragische Unfall vom Bürkliplatz kein Einzelfall.

Unfall wegen Epilepsieanfall: Aufnahme nach dem Unfall am Bürkliplatz im Juli 2010, bei dem zwei Fischer getötet wurden.

Unfall wegen Epilepsieanfall: Aufnahme nach dem Unfall am Bürkliplatz im Juli 2010, bei dem zwei Fischer getötet wurden.
Bild: Markus Heinzer, Newspictures.ch

Der Weg des Unfallautos: Von der Talstrasse aus geriet er auf die Fussgängerunterführung.

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Der schwere Verkehrsunfall am Bürkliplatz vom Juli 2010, bei dem zwei Fischer von einem Epileptiker zu Tode gefahren wurden (TA von gestern), ist kein Einzelfall. Über zehn Unfälle ereigneten sich im Kanton Zürich jährlich, weil ein Motorfahrzeuglenker einen Anfall erleide. Dies sagt Rolf Seeger, Verkehrsmediziner am IRM, dem Institut für Rechtsmedizin an der Universität Zürich. Seeger hat in seiner Dissertation die Fälle von Bewusstseinstörungen am Steuer im Kanton Zürich zwischen 1993 und 1997 untersucht: Von den 172 Unfällen, die sich in den fünf Jahren ereigneten, geschahen 27 Prozent wegen Unterzuckerung, 23 Prozent wegen Epilepsie (in Zahlen: 40 Fälle) und 15 Prozent wegen «banalen» Ohnmachtsanfällen im Rahmen von akuten Krankheiten oder Kreislaufregulations-Störungen. Herzbedingte Bewusstseinsstörung (Herzattacken) folgen in der Rangliste erst an fünfter Stelle mit 6 Prozent.

Seeger: «Die Untersuchung betrifft zwar nur Fälle von Personen, die sich nach einem Unfall beim IRM untersuchen lassen mussten, sie widerspiegelt aber in grossen Zügen die Realität.» Nicht eingerechnet waren Patienten, die auf den Führerausweis in Zukunft verzichteten und sich deshalb nach einem solchen Unfall nicht beim IRM untersuchen lassen mussten.

Bessere Polizeirapporte

Warum spricht Seeger von mehr als zehn Unfällen pro Jahr, wenn sich in den fünf untersuchten Jahren insgesamt 40 durch Epileptiker verursachte Unfälle ereignet haben? Die höhere Zahl begründet der Verkehrsmediziner mit einer unbekannten Dunkelziffer. Zudem seien die Zahlen in der Untersuchung gestiegen, bedingt durch ein verbessertes Rapportwesen der Polizei. Seeger betont, dass man die Zahl in Relation zur Gesamtzahl der Unfälle im Kanton Zürich stellen müsse. 2010 verzeichnete die Statistik 14 000 Verkehrsunfälle.

Trotz der nicht unerheblichen Zahl von Unfällen verursacht durch Bewusstseinstörungen am Steuer sind Beispiele wie der Unfall vom 11. Juli 2010 äusserst selten. Eine spezielle Statistik führt die Staatsanwaltschaft nicht. Parallelen hat der Unfall vom Bürkliplatz mit einem Unfall am Paradeplatz. Im Jahr 2003 verlor ein 70-jähriger Mann die Herrschaft über seinen Wagen und erfasste eine auf einer Bank sitzende Frau frontal. Die 38-jährige dreifache Mutter wurde getötet, zwei in der Nähe befindliche Personen schwer verletzt. Später stellte sich heraus, dass der Mann an einem Hirntumor erkrankt war und einen epileptischen Anfall erlitten hatte. Er starb fünf Wochen nach dem Unfall.

Der Lenker vom Bürkliplatz hatte seinen letzten epileptischen Anfall vier Jahre vor dem tödliche Unfall. Laut Daniela Erb, Geschäftsführerin der Schweizerischen Liga gegen Epilepsie, ist dies gemäss Richtlinien im Allgemeinen eine genügend lange Zeit, um wieder Auto fahren zu können. Sie kennt den konkreten Fall aber nicht. «Die Messlatte wird im Strassenverkehr für Epileptiker aber sehr hoch gelegt», betont sie.

Zwei Drittel sind behandelbar

Die Richtlinien für die Fahrtauglichkeit sagen, dass eine Erst- oder Wiederzulassung für Autolenker erst dann erfolgt, wenn der Betroffene – mit oder ohne Anti-Epileptika – ein Jahr lang anfallsfrei ist, also keinen epileptischen Anfall mehr erlitten hat.

Erb betont, dass rund zwei Drittel aller Epileptiker behandelt werden und praktisch anfallsfrei leben können. Beim restlichen Drittel handelt es sich um schwer behandelbare Epilepsie.

So vielfältig die Formen von Epilepsie sind, so verschieden sind die Anfälle. Bei einigen Menschen kündigt sich ein Anfall körperlich oder gefühlsmässig an. Bei anderen kommt er wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sagt Daniela Erb. Einige Patienten verlieren dabei das Bewusstsein vollständig, andere bleiben bei Bewusstsein.

Das Risiko, an Epilepsie zu erkranken, ist bei jüngeren und älteren Personen grösser als bei Menschen im mittleren Alter. In der ganzen Schweiz wird die Zahl der Epileptiker auf rund 70 000 Menschen geschätzt. Grundsätzlich kann jede Person einen «Hirnanfall» erleiden, wie Erb sagt. Dies kann ohne äusser Ursachen erfolgen, er kann aber auch durch Faktoren wie Alkohol, Schlafentzug, falsche Medikamente oder Fotosensibilität (hell/dunkel) ausgelöst werden. Erb: «Jeder hat das Risiko eines Erstanfalls.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2012, 07:20 Uhr

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18 Kommentare

Peter Vogler

11.01.2012, 08:59 Uhr
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Da erklärt man eine Gruppe als besonders gefährlich im Strassenverkehr und das bei 10 Unfällen pro Jahr.Andererseits führt die 24 Stundengesellschaft dazu,dass heute viele Leute zu wenig schlafen.Auf einen Unfall wegen Epilepsie kommen vermutlich hunderte Unfälle wegen sogenanntem Sekundenschlaf.Dabei kann sich ein Schlafmanko am Steuer genau veheerherend auswirken,wie Alkohol am Steuer. Antworten


Peter Steiner

11.01.2012, 11:24 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Wenn ich gewisse Beiträge hier lese, bin ich froh, dass es ein Mindestmass an Intelligenz und Bildung benötigt um an Gesetzgebung und Verordnungen mitarbeiten zu können. Antworten



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