Zürich

«Je zwei Schläge mit meinem Regenschirm direkt ins Gesicht»

Von Felix Schindler. Aktualisiert am 30.09.2010 9 Kommentare

Die meisten Tagesanzeiger.ch-Leser würden nicht tatenlos zuschauen, wenn sie Zeuge eines Verbrechens würden. Die Forschung zeigt jedoch ein anderes Bild.

Mutige Tagesanzeiger.ch-Leser: Laut Forschungsergebnissen unternehmen zwei von drei Personen nichts, wenn sie mit einer solchen Situation konfrontiert werden.

Mutige Tagesanzeiger.ch-Leser: Laut Forschungsergebnissen unternehmen zwei von drei Personen nichts, wenn sie mit einer solchen Situation konfrontiert werden.
Bild: Symbolbild/Keystone

Umfrage

Hätten Sie den Mut, in einer solchen Konfliktsituation einzuschreiten?

Ja, ich würde sofort die Konfrontation mit den Tätern suchen. Wenn nötig mit der Faust.

 
19.1%

Ja, aber meine Sicherheit gefährde ich nicht. Ich bleibe auf Distanz und gehe mit Fingerspitzengefühl vor.

 
41.6%

Mal ehrlich, wer riskiert schon, selbst verdroschen zu werden. Ich beschränke mich auf einen Anruf bei der Polizei.

 
32.8%

Gewalt in Zürich ist eine Tatsache. Ich alleine kann dagegen sowieso nichts ausrichten und gehe deshalb weiter.

 
6.4%

2331 Stimmen


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1416 Tagesanzeiger.ch-Leser sagen, sie würden eingreifen, wenn sie Zeuge eines Übergriffs von mehreren Männern auf eine Frau werden. Das sind 61 Prozent aller Teilnehmenden einer Umfrage, die seit gestern Nachmittag insgesamt 2331 Personen ausgefüllt haben. Auf die Frage «Hätten Sie den Mut, in einer solchen Konfliktsituation einzuschreiten?» wählten 19 Prozent die Antwort: «Ja, ich würde sofort die Konfrontation mit den Tätern suchen. Wenn nötig mit der Faust.»

Auch in der Kommentarspalte schreiben Leser, sie hätten nicht davor zurückgeschreckt, sich den sechs Tätern entgegenzustellen: «Vor 17 Jahren verpasste ich kraftvoll sechs mit Messern bewaffneten Männer je zwei Schläge mit meinem Regenschirm direkt ins Gesicht», schreibt René Karl Fenner. «Ich hätte mich auch für die junge Frau eingesetzt.»

Sechs Prozent sagen: «Ich allein kann sowieso nichts ausrichten»

42 Prozent halten sich ebenfalls für mutig genug, um einzuschreiten – Verletzungen in Kauf nehmen würden sie allerdings nicht. Sie würden auf Distanz bleiben und mit Fingerspitzengefühl vorgehen. 33 Prozent der Leser würden die Polizei anrufen, aber anschliessend das Weite suchen. Nur sechs Prozent oder 150 Leser schliesslich wählten die Antwort: «Gewalt in Zürich ist eine Tatsache. Ich allein kann dagegen sowieso nichts ausrichten und gehe deshalb weiter.»

61 Prozent der Teilnehmer der Umfrage würden also einschreiten, wenn sie Zeuge einer Gewalttat werden. Ist diesen Angaben zu trauen? «Konsultiert man die Forschung, stellt man fest, dass rund ein Drittel von Zeugen etwas unternimmt», sagt Andi Geu. Geu trainiert als Leiter des Projekts Stattgewalt Personen darin, sich in solchen Situationen richtig zu verhalten. Zwei Drittel dagegen würden sich aus zahlreichen Gründen dagegen entscheiden: etwa aus Angst, Zeitmangel oder Ohnmacht.

«Das Resultat ist ein sehr gutes Zeichen»

«Zuhause ist man zwar betroffen, aber auch weit weg», sagt Geu. In dieser Situation sei ein Klick mit einer Maus wesentlich einfacher als sich tatsächlich einer pöbelnden Gruppe Männer entgegenzustellen. Gleichzeitig sagt Geu, dass die Teilnehmer der Umfrage nicht zwingend eine repräsentative Gruppe darstellen. «Sie haben alle einen Artikel über Zivilcourage gelesen und sich entschlossen, an dieser Umfrage teilzunehmen.» Personen, die nicht einschreiten, weil ihnen das Opfer einfach gleichgültig ist, hätten möglicherweise auch nicht an der Umfrage teilgenommen.

Egal, ob die Leser mit ihrer Selbsteinschätzung etwas grosszügig waren oder ob vornehmlich die mutigen an der Umfrage teilgenommen haben: «Das Resultat ist ein sehr gutes Zeichen», sagt Geu. «Es zeigt, dass viele Leute der Gewalt nicht gleichgültig gegenüberstehen und sich mindestens den Vorsatz nehmen, einer Ungerechtigkeit nicht tatenlos zuzuschauen. » (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.09.2010, 13:30 Uhr

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9 Kommentare

Beat Wermelinger

01.10.2010, 08:40 Uhr
Melden

Weg sehen geht nicht für mich! Es sind schon sehr heikle Situationen. Und allem stell ich mich nicht entgegen. Was wirkt ,aus Distanz zu verlauten, dass man alles sieht und jetzt sofort die Polizei ruft. Aber ich kann nicht sagen, dass ich genau weiss, wie ich reagiere jeder Situation. Mein Anliegen ist an alle: Sieht nicht weg und solidarisiert euch! Antworten


Rolf Bleiker

01.10.2010, 08:40 Uhr
Melden

Ich wurde an einem grösseren Bahnhof nahe der Geleise ohne Vorwarnung mit Faustschlägen ins Gesicht traktiert und blutig geschlagen. Ich hatte mich bei betrunkenen Fussballfans über ihre Knallpetarden beschwert. Zahlreiche Leute waren in der Nähe. Niemand griff ein. Niemand rief die Polizei. Das tat schliesslich ich selbst. (Der Täter wurde vom Richter milde bestraft.) Antworten



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