Zürich

«Nacktwandern ist zutiefst unnatürlich»

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 02.09.2011 81 Kommentare

Ein Wanderweg für Nackte in Wald würde alle andern vergraulen, findet Thomas Widmer.

Bild: Illustration: Ruedi Widmer

«Wanderer der Nation»: Thomas Widmer schreibt seit Jahren über Wanderwege in der Schweiz – jeweils Freitags auch im Outdoor-Blog auf Tagesanzeiger.ch (Bild: Beat Marti)

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Bis vor kurzem waren die Nackten stationär. Im Röhricht der Seen durften sie sich ihresgleichen zeigen; mit diesem Naturismus im Reservat konnte man leben. Heute aber greifen die Nackten aus: Sie wollen wandern, sie beanspruchen öffentlichen Raum. Und jetzt propagiert gar (TA von gestern) eine Maturandin einen Nacktwander-Rundweg bei der Höhenklinik Wald.

Das ist, mit Verlaub, eine schlechte Idee. Sie könnte den bescheidenen Tourismus im hügelig-zerklüfteten Grenzgebiet Zürich–St. Gallen ruinieren. Wer will schon wandern, wo Nacktwanderer wandern? In der Zone der Exhibition wäre ja doch die bewährte zweiteilige Maxime ausser Kraft gesetzt, die da lautet: Jeder soll selber bestimmen, wen er nackt sehen will. Respektive sollte keiner gezwungen werden, Fremdgenitalien zu betrachten, wenn er das nicht wünscht.

Schrumpfige männliche Geschlechtspendel mögen die wenigsten Leute sehen; und es sind ja vor allem Männer, die partout nackt wandern wollen. Und damit zum zweiten, prinzipiellen Argument gegen die Sache, das auf dieser Seite auch schon genannt wurde, als die Nackten im Appenzellerland umgingen: Nacktwandern ist gerade in seiner fanatischen Natürlichkeit etwas zutiefst Unnatürliches. Der Mensch ist nicht geboren, kleiderlos im Freien zu gehen. Brennnesseln versengen ihn, Dornen ritzen ihn, der Biswind pickt an seiner Blase. Stürzt er, wird er sich nackt ungleich stärker aufschürfen als im bekleideten Zustand. Schon Ötzi trug Hosen.

Fraglich ist zudem, ob sich die Nacktwanderer wirklich mit einem einstündigen Rundkurs zufriedengäben. Das genitale Sendungsbewusstsein in der neuen Freikörperbewegung scheint zu ausgeprägt für eine Beschränkung. Die Nacktwanderer dürften also von der Höhenklinik zur Farneralp ziehen und zur Chrüzegg. Oder sie streichen gar, nach der Rast bei der Lourdesgrotte, nach Libingen hinein und drängen sich der katholisch fühlenden Dorfbevölkerung auf.

Die Containment-Idee – Limitierung auf eine Route – kann nicht funktionieren. Denn die Nacktwanderei hat diesen fatal universalistischen, missionarischen Zug: Ist sie einmal freigesetzt, will sie sich weiter ausbreiten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2011, 10:59 Uhr

81

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81 Kommentare

Roland Strauss

01.09.2011, 20:01 Uhr
Melden 57 Empfehlung

Am Weg könnte man noch eine Tribüne für Spanner bauen, natürlich gegen Eintritt. Damit liessen sich noch viele Nacktwanderwege finanzieren. Antworten


Markus Lüthi

01.09.2011, 19:39 Uhr
Melden 48 Empfehlung

Im Grossen und Ganzen gesehen, ist das Nacktwandern eine weitere Form des Ausdrucks von menschlichen Individuuen. Ob in einem Lager in Frankreich, wo nackt gekocht, gegessen und geschlafen wird, gibt es auch neben FKK noch ganz andere Kulturen, die dieses Image leben. Ich glaube, diese Menschen fühlen sich noch mehr mit der Natur vereint, als wir in Kleidern. Locker nehmen und wie gewohnt grüssen. Antworten



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