Zürich
Jeder vierte Briefkasten und jede zweite Telefonkabine sind weg
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 19.11.2012 59 Kommentare
Umfrage
Braucht es auch in Zeiten von E-Mail und Handy ein dichtes Netz an Briefkästen und Telefonkabinen?
Ja
Nein
1718 Stimmen
Artikel zum Thema
- Die Post baut 250 Stellen ab
- «Wir wollen weltweit die Nummer eins werden»
- «Ein Sieg für den Service public»
Teilen und kommentieren
SwissquoteExklusiver Trading-Partner
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an
4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
3.10 Franken will der Telefonapparat in der Glaskabine, damit er eine Verbindung zur Auskunft der Swisscom (SCMN 420.7 -0.38%) herstellt. Kaum hat er die vielen Münzen geschluckt, knackst es in der Leitung: «Auskunft, Sie wünschen?» Im Sekundentakt zählt der Apparat das Guthaben herunter. 2.50 Franken und noch kein Wort ist gesagt. 2.40 Franken. Das Geld wird nicht reichen. Also Hörer zwischen Schulter und Ohr klemmen, in der Tasche nach dem Portemonnaie wühlen und den Wunsch formulieren. «Meier mit I oder Ypsilon?» 70 Rappen. Gerade noch 1 Franken gefunden: 1.70 Franken. «Mit Ypsilon.» 1.20 Franken. Dann kommt der sprechende Automat. Am Ende bleiben 70 Rappen, die der Apparat auch redlich ausspuckt.
So kann es Zürcherinnen und Zürchern ergehen, die unfreiwillig zu Swisscom-Kunden werden. Die unterwegs vergeblich alle Taschen nach ihrem Mobiltelefon durchsucht haben. Die darauf zu einer Telefonkabine liefen, die nicht mehr da war. Die nicht aufgaben und schliesslich an der Bahnhofstrasse auf eine moderne Glaskabine stiessen. Auf eine, die zwar mit einem Telefonapparat mit Münzeinwurf und Kreditkartenschlitz ausgestattet ist, mit einer Musikanlage und sogar mit einem Defibrillator. Aber mit keinem Telefonbuch.
Gemeinden ohne «Publifon»
In den vergangenen Jahren haben Post und Swisscom, das P und die beiden Ts der früheren PTT, ihre Dienstleistungen spürbar abgebaut. Vor 20 Jahren bot die PTT im Kanton 1500 öffentliche Telefone an, heute sind es noch 752. In der Stadt Zürich ist ihre Zahl um mehr als die Hälfte auf 315 gesunken. Eigentlich muss die Swisscom noch bis 2017 in jeder Gemeinde mindestens einen Apparat anbieten. Sie kann aber auch diesen abbauen, wenn die Gemeinde einverstanden ist. So haben etwa Berg am Irchel, Wil oder Altikon kein «Publifon» mehr, wie die Swisscom ihre Kabinen nennt. Mittlerweile sind sie nur noch ein Nischengeschäft. Zwischen 2004 und 2008 sank die Zahl der Anrufe um 60 Prozent, innert der letzten 12 Monate um weitere 30 Prozent. Heute teilen sich die Kabinen Notfallnutzer nach einem Handyunfall, Touristen und sparsame Kunden, die ins Ausland telefonieren.
Telefonbücher aus Papier gibt es schon lange keine mehr, die elektronischen Teleguidegeräte werden laufend abmontiert. Viele Kunden, erklärt Swisscom-Sprecherin Annina Merk, würden heute Telefonnummern über Smartphone-Apps oder im Internet suchen.
Nur noch halb so viele öffentliche Telefone
Die verbliebenen Dienstleitungen von Swisscom oder Post können die Kundinnen und Kunden aber oft gar nicht nutzen. Etwa wenn sie in einer Telefonkabine nicht 3 bis 4 Franken für die Auskunft bezahlen wollen. Oder wenn sie einen Brief nicht einwerfen können, weil sie keine Marke haben; die Post hat vergangenes Jahr alle 650 Markenautomaten in der Schweiz abgebaut. Die Kunden treffen an ihrer Stelle auf eine nackte Wand – oder auf einen zweiten Briefkasten. Das ist kein Problem, wenn eine Poststelle in der Nähe ist oder auch nur ein Kiosk. Und wenn dieser geöffnet ist. Und wenn er noch Marken an Lager hat. In allen anderen Fällen bleibt der Brief in der Hand des Absenders.
Die Markenautomaten, so sagt Postsprecher Mariano Masserini, waren technisch völlig veraltet. Verbrauchsmaterial wie Farbrollen war nicht mehr erhältlich. Da die Automaten ohnehin immer weniger benutzt wurden – am Ende löste im Durchschnitt noch jeder Einwohner eine Marke pro Jahr – entschied die Post, diese nicht mehr zu ersetzen.
Tote Briefkästen
Gleichzeitig sind auch Briefkästen abgebaut worden. Das ging nicht immer schmerzlos an der Quartierbevölkerung vorbei. Die Bewohner der Zürcher Altstadt etwa hängten einen Trauerflor um ihren toten Kasten und schrieben dazu auf einer Karte: «Wir trauern um einen guten Freund!!! Und vermissen ihn.» An der Ecke Zweierstrasse/Ankerstrasse im Kreis 4 beklebten Anwohner ihren Briefkasten kurz vor seinem Verschwinden im Mai 2010 mit Klebern, mit denen sie ihr Bedauern ausdrückten.
Mariano Masserini spricht lieber von anpassen statt abbauen. Die Post habe zwischen 2007 und 2010 das ganze Angebot überprüft. Sie habe nicht nur Briefeinwürfe abgebaut, sie habe sie auch, neuen Passantenströmen folgend, umplatziert und wo nötig neue geschaffen. Gleichzeitig wurden die bisherigen Modelle ausrangiert und durch Kästen ersetzt, die nicht nur starre B4-Sendungen entgegennehmen können, sondern die auch diebstahlsicher sind. Tatsache ist jedoch, dass zwischen 2007 und 2010 jeder vierte Briefkasten in der Schweiz abgebaut worden ist. Den Stadtzürchern stehen heute noch 474 Kästen zur Verfügung, im ganzen Kanton sind es 2041.
Die Poststelle ist jetzt Agentur
Und nicht zuletzt hat die Post auch Poststellen aufgehoben. Die Zahl der «Kundenzugangsstellen» ist im Kanton mit knapp 300 zwar nicht gesunken. Nur sind davon nur noch 180 Poststellen. Die übrigen sind Agenturen mit eingeschränktem Service, oder der Pöstler bietet auf Bestellung einen Hausservice an.
Im September wurde etwa die Poststelle Deutweg in Winterthur in ein Einkaufszentrum integriert. Die Kundschaft kann dort Couverts, Schokolade und Filzstifte kaufen, aber nur wenig Geld abheben und gar keins mehr einzahlen; so musste ein Quartierbewohner, der zur Hochzeit viele Banknoten geschenkt bekam, wieder mit seinem dicken Portemonnaie abziehen. Das Geldwäschereigesetz verlange, dass die Angestellten eingezahltes Geld prüfen, sagt Postsprecher Masserini. Dafür seien ihre Partner, etwa Apotheken oder Lebensmittelgeschäfte, nicht geschult. Ebenso wenig könne die Post sie zwingen, ihr Geschäft mit Panzerglas auszustatten. «Da würde niemand mehr mit uns mitmachen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.11.2012, 07:19 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
59 Kommentare
Das ist bisherr bei jeder Privatisierung bzw. der Vorbereitung dafür so gewesen. Abgebaut werden nicht nur die einst sehr guten Dienstleistungen sondern auch die einst guten Arbeitsplätze. Dafür hat es jeweils jahrelange Kampagnen gebraucht bei denen man die einstigen Staatsbetriebe, deren Arbeit und Angestellte lächerlich gemacht hat. Dafür bezahlen wir heute mehr als früher... Antworten
Zürich
Abopreise vergleichen
Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.


Bitte warten

























