Jegge weckt Empörung. Gut so

Der Fall Jegge zeigt: Sexuelle Gewalt wird heute ernst genommen.

Steht zu seinen damaligen Taten: Pädagoge Jürg Jegge. Foto: Reto Oeschger

Steht zu seinen damaligen Taten: Pädagoge Jürg Jegge. Foto: Reto Oeschger

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Jürg Jegge, einst gefeierter Pädagoge und redegewandter Fürsprecher sogenannt schwieriger Schüler, hat ihm anvertraute Jugendliche sexuell missbraucht. Der heute 73-Jährige hat die Übergriffe zugegeben, nachdem ein ehemaliger Schüler in einem Buch entsprechende Vorwürfe erhoben hat.

Jegge hat durch seine Verfehlungen schwere Schuld auf sich geladen. Was er getan hat, ist schlimm. Es gibt dafür keine Rechtfertigung. Wenn er nun in Interviews sagt, er habe geglaubt, den Schülern zu helfen, dann ist das nur grotesk. Jegge disqualifiziert sich mit seinen Aussagen in jeder Beziehung, moralisch und fachlich.

Seine Argumentation ist eine einzige Selbstdemaskierung. Wenn Jegge davon spricht, dass er mit den Jugendlichen «auch regelmässig ins Theater oder zu Literaturvorlesungen gefahren» sei – oder wenn er einräumt, dass «wir natürlich zueinander gesagt haben, dass wir das geheim halten sollten»: Dann dekliniert er die Grundelemente sexueller Gewalt durch. Das vom Täter verordnete Redeverbot ist ein Fixbestandteil jedes Missbrauchs. Und bei den Theaterbesuchen handelt es sich um sogenanntes Grooming, das typischerweise sexuelle Übergriffe vorbereitet und begleitet.

Die Zeichen nicht gesehen

Dass Jegge auf den Zeitgeist verweist und auf die Diskussionen über sexuelle Befreiung, die nach 1968 in linksalternativen Pädagogenzirkeln geführt worden waren, macht die Sache auch nicht besser. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen war schon damals geächtet. Schon damals waren sich die Urheber solcher Missbräuche bewusst, dass sie etwas Schlimmes, ja eine Straftat begingen – sonst hätten sie ihre Opfer ja nicht zum Schweigen verpflichten müssen.

Damit sei nicht gesagt, dass der Vergleich des damaligen mit dem heutigen Zeitgeist verboten wäre. Solange er keinen Rechtfertigungsversuch darstellt, ist der Vergleich zulässig. Er ist sogar aufschlussreich, weil er den zivilisatorischen Fortschritt aufzeigt: Die Sensibilität und Ernsthaftigkeit, mit der die Gesellschaft heute auf Fälle sexuellen Missbrauchs reagiert, ist sehr viel grösser als vor vierzig Jahren. Vorbei sind die Zeiten, als Justiz, Behörden und oftmals auch die Eltern weder hingucken noch hinhören wollten, wenn sich ein Opfer zu artikulieren versuchte.

Man sah die Zeichen nicht oder wollte sie nicht sehen.

Ganz anders heute. Ob Justiz, Schulen oder Sportclubs: Sie alle nehmen das Thema ernst. Zudem gibt es Hilfs- und Beratungsangebote für Opfer (die allerdings in nicht wenigen Kantonen im Fokus von Sparbemühungen stehen). Dass die Öffentlichkeit auf den Fall Jegge einhellig betroffen und empört reagiert, zeugt von Reife und verbreitetem Bewusstsein. Man weiss um die schweren Auswirkungen von sexuellem Missbrauch auf die Opfer.

Ein Makel bleibt

Gerade wenn man den Fall und seine öffentliche Wahrnehmung als Ausdruck von zivilisatorischem Fortschritt versteht, gilt es aber auch diesen Aspekt zu beachten: Es ist ebenfalls eine zivilisatorische Errungenschaft, dass ein Angeschuldigter auf die Vorwürfe reagieren darf, die gegen ihn erhoben werden. Egal, wie schrecklich eine Tat ist: Der Beschuldigte darf sich mit seinen besten Argumenten dazu äussern. Doch Jürg Jegge kam im Buch seines Ex-Schülers, das dieser zusammen mit einem erfahrenen Journalisten herausgegeben hat, nicht zu Wort.

Dieser Makel bleibt. Daran ändert auch nichts, dass sich Jegge nun in Interviews erklärt hat und man inzwischen weiss, dass er keine guten Argumente hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2017, 21:47 Uhr

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