Jesus, was für ein Kindergarten!

In Fällanden fetzen sich die Pfarrerinnen, die Kirchgemeinde ist überfordert. Tröstlich mag dies sein: An etlichen Orten im Land gibt es Streit im und ums Pfarrhaus.

Arbeitskonflikt eskaliert zum Hungerstreik: Pfarrer Daniel Fatzer im Sommer in seiner Kirche in Lausanne.

Arbeitskonflikt eskaliert zum Hungerstreik: Pfarrer Daniel Fatzer im Sommer in seiner Kirche in Lausanne. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Zwei Pfarrerinnen können sich nicht einigen, wie sie untereinander die Arbeit aufteilen wollen. Vermittler werden beigezogen, scheitern aber. Anonyme Briefe kursieren, in denen die eine Pfarrerin als «missratene Barbie» tituliert wird. Dann greift der Kirchgemeindepräsident ein, der mit Vornamen Huldrych heisst wie Zwingli. Er macht alles noch schlimmer.

Mittlerweile ist der Streit in der reformierten Kirche Fällanden Juristenfutter. Wer die Geschichte heute im Tagi liest, denkt am Schluss bloss eines: Was für ein Kindergarten! Halt, nein, stimmt nicht. Er denkt zusätzlich dies: Orientiert sich die Kirche nicht an Jesus? Dem Friedensboten.

Etwas mag die Leute von Fällanden immerhin trösten. Streitereien im und um das Pfarrhaus gibt es auch anderswo im Land. Immer wieder schwelt es in einer Gemeinde. Und oft wirkt das Drama unfreiwillig kurios oder gar komisch.

Streit um die Madonna

Zum Beispiel Andermatt im Urnerland. Dort sieht sich der Dorfpfarrer dieser Tage scharfer Kritik ausgesetzt. Er will die alte Marienstatue in den Kosovo ausschaffen. Dort soll sie eine frisch eröffnete Kirche schmücken. Nun gibt es aber eine Gläubige, die lehnt die neue Madonna ab, die zentral neben dem Altar steht. Sie will partout weiter der alten Madonna im Kirchenturm huldigen und mobilisiert Himmel und Hölle. Der Pfarrer hat, angeblich wegen der morschen Treppenstufen, neuerdings ein Turm-Zutrittsverbot verhängt. Die leidende Gläubige klagte vor zwei Wochen im «Blick»: «Ich kann kaum mehr schlafen und essen. Am liebsten nähme ich die Madonna mit nach Hause. In der Stube hätte ich Platz genug.»

In Andermatt will der Pfarrer die alte Marienstatue in den Kosovo ausschaffen. Eine Gläubige sagt, sie könne nicht mehr essen.

Streit um die Dorfmusik

Ein Fall, der eine ganze Gemeinde zum Wahnsinn trieb: der Pfarrer von Kerns, Kanton Obwalden, ein Deutscher. Er wurde dieses Jahr in Abwesenheit abgewählt. Die Krise hatte vor längerer Zeit offenbar damit begonnen, dass der Pfarrer sich weigerte, an der Feier zur Neuuniformierung der Dorfmusik teilzunehmen. Später hiess es, er sei «ununterbrochen krankgeschrieben». Der Kommentar des zuständigen Generalvikars der katholischen Kirche von unlängst: «So etwas ist mir noch nie untergekommen.» Der Pfarrer, längst nach Deutschland entflohen, wolle mit einer Beschwerde bei der Regierung «noch möglichst viel Geld machen».

Streit um den Hauskauf

Mal ist es die Theologie, die den Konflikt befeuert, mal der Charakter des Pfarrers, mal aber auch das Geld. In Münsingen im Kanton Bern wollte der Pfarrer das Pfarrhaus, in dem er seit Jahren mit der Familie wohnte, kaufen. Etwas über eine Million Franken hätte er bezahlt. Der Kirchgemeinderat wollte deutlich mehr. Und er wollte eine öffentliche Ausschreibung. An der nächsten Kirchgemeindeversammlung stellten sich die anderen Pfarrer gegen ihren Kollegen. Sie warfen ihm vor, an einer Versammlung gezielt Leute installiert zu haben, die den Verkauf des Pfarrhauses an ihn selber befürworteten. Das konnte dem Pfarrer freilich nicht nachgewiesen werden. Zum Abgang erhielt er eine Entschädigung von 74'000 Franken.

Liegt es am Amt?

Das klingt alles sehr unchristlich, Jesus schlug sich jedenfalls nie mit Hauspreis-Schatzungen herum. Aber vielleicht sind all die Zwistigkeiten um Pfarrer auch in der Natur ihres Amtes angelegt. Man bedenke dies:

  • Der Pfarrer (und auch die Pfarrerin) wird kraft seiner Stellung moralisch stets hart taxiert. Er steht im Fokus, im Visier, alle sehen ihn, alle haben zu ihm eine Meinung. Und natürlich haben sie gegenüber ihm (und seiner Familie) strengere Erwartungen punkto Verhalten. Wenn der Pfarrer mal in der Dorfbeiz ein Bier trinkt, wird das fies kommentiert. Wenn er beim Gemeindesingen der hübschen Lehrerin zulächelt, sowieso. Wenn er am Open Air tanzt, ist das Mass schon fast voll.
  • Der Pfarrer ist Ziel der Aggression gerade auf dem Land. Viele hart arbeitende Leute (Bauern, Handwerker) sehen ihn als Teil der Elite, die sich nicht die Hände schmutzig macht. Ein bisschen predigen, ein bisschen segnen, ein bisschen die Kranken der Gemeinde im Regionalspital besuchen und dabei günstig im schönen Pfarrhaus wohnen: Das scheint ihnen keine übermässige Leistung. Legt sich der Pfarrer dann einen gebrauchten Porsche zu, heisst es: Der verdient zu viel.
  • Der Pfarrer lebt Ideen. Er ist ein Träger geistiger Umwälzungen. Oder auch das Gegenteil, ein Bremser. Bisweilen muss er sich entscheiden, was das Evangelium sagen würde. Zum Beispiel zur Frage homosexueller Paare oder zur Frage, wie man Flüchtlingen begegnet. In der katholischen Kirche geben ihm päpstliche Strategieentscheide und bischöfliche Direktiven die Richtung vor; bisweilen aber pikt ihn das Gewissen, es anders zu machen. Was er auch tut, nicht alle werden es mögen.

Streit um die Politik

Und so kommt es immer wieder zu diesen Reibereien. Die Lausanner Kirche Saint-Laurent ist innerhalb der reformierten Waadtländer Kirche traditionell eine Treiberin des Progressiven; man gab dort schon Armensuppe aus oder montierte an der Fassade ein Bild des ermordeten schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King. Heuer eskalierte der Streit des ambitionierten Pfarrers Daniel Fatzer mit der Kirchenleitung, die offenbar mehr Kontrolle zu erlangen sucht. Ein Kollege von Fatzer wurde entlassen. Fatzer, mittlerweile ebenfalls entlassen, trat Mitte dieses Jahres in den Hungerstreik. In der Kirche legte er sich auf einen Liegestuhl und nährte sich allein von Bouillon: Arbeitskampf im Gotteshaus.

Streit um den Organisten

In Seelisberg UR geriet auch der Pfarrer ins Sperrfeuer, als es um das geplante Asylzentrum ging; es waren unschöne Diskussionen. In Zuzwil SG solidarisierte sich der Pfarrer mit der gekündigten Pfarreisekretärin; er musste auch gehen, nachdem er eine Unterschriftensammlung für «Menschlichkeit in der Pfarrei» lanciert hatte. Und in der Stadt Zug tobte dieses Jahr ein böser Streit um die Entlassung des langjährigen Organisten in der Kirchgemeinde St. Michael. Er hatte sich mit der Gemeindeleiterin ad interim angelegt in der Frage, welche Lieder man im Gottesdienst singen soll. Logisch, dass auch die Gemeindeleiterin unter schweren Beschuss kam.

Streit mit der Frau

O du heiliger Unfriede. Wenn man heutige Pfarrer an ihren Vorgängern früherer Zeiten misst, relativiert sich das Bild. Eine von vielen zutiefst unchristlichen Begebenheiten datiert aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts und spielt in Weiach im Norden des Kantons Zürich. Der dortige Pfarrer namens Hans Lux Wydler hatte ein paar Jahre zuvor aus Tegerfelden AG fliehen müssen; man verdächtigte ihn, dort den Altar aus der Kirche entfernt zu haben. 1618 bekam derselbe Pfarrer zu Weiach Krach mit der Frau. Er erstach sie und floh aus dem Land.

Das war damals ein Riesenskandal – und es zeigt: Mit Fällanden sind wir eventuell gut bedient. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2016, 13:02 Uhr

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