Jugendgefängnis in Bayern ist gar nicht kuschelig
Von Thomas Knellwolf, Ebrach. Aktualisiert am 09.03.2010 61 Kommentare
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Rundherum ist Wald, Wald und nochmals Wald. Doch beim fränkischen Marktort Ebrach lichtet er sich, und plötzlich steht sie da, diese prächtige Klosteranlage. Als Zisterzienserbrüder anno 1127 den Grundstein für ihre Abtei legten, hätten sie sich nie träumen lassen, dass hier Jahrhunderte später die gefährlichsten jungen Männern des Freistaats Bayern weggeschlossen würden. «Vorbestrafte, hochbestrafte oder ältere Jugendstrafgefangene» – so heisst es in einer Broschüre – sitzen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in der Nähe von Bamberg ein. 303 Kriminelle im Alter zwischen 17 und 24 Jahren teilen sich die von einer hohen Mauer umgebene 700 auf 700 Meter mit Schweinen und mit zotteligen Galloway-Rindern. Noch sind nur 81 der Insassen Ausländer. Doch aller Voraussicht nach fährt in rund einem Monat ein Häftlingstransporter im einstigen Klosterhof vor. Es entsteigen die ersten Schweizer, die ihre Zivilkleider gegen die Häftlingskluft eintauschen. Werden die drei Küsnachter Schüler verurteilt, die seit gestern in München vor Gericht stehen, erfüllen sie die drei Bedingungen für die Aufnahme in der alten Abtei: Ihr Strafregisterauszug – aus der Heimat – ist nicht leer; ihre Gefängnisstrafe wird laut Kennern der bayrischen Justiz wahrscheinlich mehr als drei Jahre betragen; zudem sind alle drei mit 17 Jahren knapp alt genug für den härtesten Jugendknast Bayerns. Obendrein würden sie aufgrund der Taten, die ihnen die Staatsanwaltschaft vorwirft, gut in die JVA Ebrach passen. Fast die Hälfte der Inhaftierten sind Gewalttäter, unter ihnen Mörder, Entführer, Vergewaltiger, Räuber oder eben Schläger.
Zum Geburtstag vergorenes Brot
So verbüsst hier Spyridon L. die ersten seiner achteinhalb Jahre hinter Gittern. Mit ihm sprechen dürfen wir nicht, denn es besteht laut den Wächtern die Gefahr, dass der 19-Jährige in seinen Erzählungen angibt. Vor zwei Jahren hat Spyridon in der Münchner U-Bahn-Station Arabella-Park einen 76-Jährigen mit Anlauf und voller Wucht gegen den Kopf gekickt. Der Rentner hatte ihn ans Rauchverbot erinnert. Aus gleichem Anlass und fast zur gleichen Zeit hat Mike B., der mutmassliche Anführer der Küsnachter Prügler, einem Passagier in der Zürcher S-Bahn das Nasenbein gebrochen.
In Ebrach sitzen aber auch viele ein, die als Drogenabhängige dealten und raubten. Rauschmittel gibt es innerhalb der Gefängnismauern offiziell keine. Spürhunde haben schon lange nichts mehr gefunden. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiss trotz Urinkontrollen niemand. Zum Ritual der Gefangenen gehört es, vor Feiertagen Brot und andere Zutaten zu Alkohol zu vergären. An Silvester oder an Geburtstagen wird der «Angesetzte» getrunken, was wegen des üblen Geschmacks eher eine Strafe sein soll.
«Zur Arbeit ausrücken»
Um sechs Uhr früh ist Tagwacht. Nach zehn Stunden in der Zelle dürfen die Häftlinge «zur Arbeit ausrücken» oder zur Schule. Jeder fünfte Gefangene bleibt aber eingeschlossen, weil er nicht arbeiten oder lernen will oder kann – zum Beispiel wegen gesundheitlicher Probleme, weil er zu oft ausrastet oder weil es zu wenig Stellen gibt. «Wir können niemanden an die Arbeit oder auf die Schulbank prügeln», erklärt Herbert Kusche, ein gutmütiger Herr mit Schnauz. Als Leiter des Vollzugsdienstes befiehlt er über die 140 Wärter, die wie er grüne Uniform und senfgrüne Hemden tragen.
Dutzende Gefangene verbringen fast den ganzen Tag weggesperrt. Noch immer gibt es Viererzellen. Doch die meisten Gefangenen haben ihren kargen «Haftraum» für sich allein. Dies gesteht das Bundesverfassungsgericht ihnen zu. Wir werfen einen Blick in den Raum eines jungen Mannes, der seine Mutter getötet hat. Darin befindet sich eine Toilette, ein Waschbecken, ein Pult, ein Bett. Der Linoleumboden glänzt. An der Wand hängen die obligaten Poster mit nackten Frauen. Durch das vergitterte Fensterchen lässt sich die einstige Stiftskirche sehen. Ein massiver Stacheldraht verhindert, dass Gefangene über das gotische Gotteshaus entweichen. Ältere unter den 1800 Einwohnern Ebrachs erinnern sich, dass früher oft der Sirenenalarm wegen Ausbrüchen losging. Doch seit 1986 schaffte es niemand mehr.
Bessere Schulnoten als draussen
«I love surfing» steht an der Wandtafel. In den Reihen sitzen junge Muskelpakete in Häftlingskleidung, die auf Englisch in ihre Schulhefte schreiben, dass sie sich auf Ferien in Australien freuen.
Beim Eintritt verfügt nur ein Drittel der Gefangenen über einen Schulabschluss. Die Küsnachter Schüler, von denen zwei in der Schweiz eine Lehrstelle in Aussicht hatten, würden zur Minderheit gehören. «Unsere Gefangenen erreichen einen besseren Notenschnitt als Schüler in Freiheit», sagt Jörg Hinney, der stolze Oberlehrer im Justizvollzug. Die Motivation in seinen Klassen ist auch monetär. 1 Euro und 36 Cent verdient ein Häftling pro Schulstunde. Mit dem kleineren Teil des Geldes kann er sich einmal im Monat Kaffee, Süssigkeiten, Tabak oder Esswaren kaufen. Der grössere Teil landet auf einem Sperrkonto, als «Überbrückungsgeld» nach der Haftentlassung. Ein Schul- oder Lehrabschluss vermindere die Rückfallquote um ein Drittel, sagen die Verantwortlichen in Ebrach.
Wer nicht arbeitet oder zur Schule geht, kann eine vorzeitige Entlassung vergessen. Zwar kommen viele jugendliche Gefangene bereits nach Verbüssung der halben Haftstrafe frei. Bei Gewalttätern ist der Freistaat Bayern aber weniger freigiebig: Sie müssen auch bei guter Führung meist mindestens zwei Drittel der Strafe absitzen. Auch ein TV-Gerät kann nur mieten, wer arbeitet
oder den Unterricht besucht. Erst seit zwei Jahren ist fernsehen frühmorgens, abends und an Wochenenden erlaubt. Seit das strikte TV-Verbot gefallen ist, sind die Disziplinprobleme, die Gang-Bildung, die Gewalt zurückgegangen. Zuvor hatte die grosse Gruppe der Russlanddeutschen hinter Gittern das Sagen. Heute macht sie noch immer ein Zehntel der Gefangenen in Ebrach aus. Doch die fetten Jahre der «Russenmafia», als Eltern und sogar Grosseltern Drogen reinschmuggelten, scheinen vorbei zu sein.
«Gewalt kann vorkommen»
Kerry, ein Gefangener, der für uns seine Arbeit in der Schreinerei unterbricht, sagt, es gäbe «Angstpersonen, denen man besser aus dem Weg geht». Ins Detail geht er nicht. Vielleicht würde er das eine oder andere aus dem geheimen Innenleben des Gefängnisses verraten, stünde nicht die Anstaltsdirektorin in Hörweite. Der 22-jährige Kerry, der Gewalttäter, der Räuber, will seine letzte Chance nutzen, seine Lehre machen, sich um seine fünfjährige Tochter kümmern, die ihren Vater nicht kennt.
«Gewalt kann vorkommen», sagt Renate Schöfer-Sigl, die dritte Frau, die ein bayrisches Gefängnis führt, «aber sie wird nicht toleriert.» Fünf bis zehn Strafanzeigen pro Jahr erstattet die Anstaltsleitung gegen ihre Insassen. Wegen blauer Augen, wegen gebrochener Kiefer, wegen Drogenkonsums. Wer sich innerhalb der historischen Klostermauern schuldig macht, bekommt – um es mit den Worten der Anstaltsdirektorin zu sagen – «Nachschlag», Haftverlängerung. «Wir sollen umkrempeln, was über Jahre schiefging», sagt die zuvorkommende Niederbayerin Schöfer-Sigl. «Das ist nicht möglich. Aber wir müssen es versuchen.»
Kein guter Ruf
Die Jugendgefängnisse der Bundesrepublik haben keinen guten Ruf. Laut deutschen Experten gibt es vielerorts eine ausgeprägte Gewaltkultur mit Erpressungen und Vergewaltigungen, mit Faustrecht. Vergangenes Jahr quälten zwei Jugendliche in einer Anstalt bei Leipzig einen Mithäftling fast zu Tode. «Einzelne dieser deutschen Jugendgefängnisse sind Kriminellenschulen», sagt Renato Rossi, der den Arxhof leitet, das Massnahmenzentrum für junge Erwachsene im Baselbiet. Institutionen in Deutschland, Frankreich oder Italien hätten eine Rückfallquote von bis zu 80 Prozent. Im Arxhof würden nur 16 Prozent der Ausgetretenen erneut straffällig. «Ich glaube nicht, dass einer bei uns von den anderen lernt», entgegnet die Ebracher Gefängnisdirektorin Schöfer-Sigl. Wie viele Ex-Insassen ihrer Anstalt rückfällig werden, weiss niemand. Doch immerhin macht Ebrach keine negativen Schlagzeilen. Das Ausbildungs- und Berufsangebot ist in der bayrischen Provinz ähnlich umfassend wie in vergleichbaren schweizerischen Einrichtungen. 57 Lehrplätze für 17 verschiedene Handwerksberufe gibt es.
Ins Auge fällt jedoch, dass das sozialtherapeutische Angebot in der bayrischen Provinz deutlich weniger ausgebaut ist als in ähnlichen Institutionen in der Schweiz. Dort gehört die Therapie oft vom ersten Tag bis zum Austritt für alle Insassen zum Pflichtprogramm. In Ebrach hingegen kümmert sich erst seit drei Monaten ein kleines Therapeutenteam um gerade 10 der über 300 Häftlinge. Anti-Gewalt-Kurse oder Erlebnispädagogikwochen auswärts im Allgäu gibt es aber schon länger. Regelmässig Dampf ablassen können Insassen, die sich angepasst benehmen, beim Sport. Die Turnhalle ist in den Boden versenkt, damit sie den Blick auf die Klosteranlage nicht beeinträchtigt.
Jugendlich seien immer kranker geworden
Wo einst 500 Mönche lebten und zur NS-Zeit Zwangsarbeiter aus dem Osten, ist Gefängnisseelsorger Hans Lyer der letzte Profi-Katholik. Ausser ihm gehen ein evangelischer Kollege und ein Imam im früheren Konvent ein und aus. Lyer kommt sich bei seiner Arbeit je länger, je mehr vor wie in einer psychiatrischen Klinik: «Die Jugendlichen, die hier landen, sind draussen durch Drogen und Gewalt immer kranker geworden.» Er erzählt von einem jungen Mann, der das Kleinkind seiner Partnerin so lange gegen eine Wand schleuderte, bis es starb. Lyer wertet es als Erfolg, dass derselbe Mann kürzlich einer schwangeren Frau sagte, sie habe einen schönen Bauch.
Vier Stunden pro Monat können die Gefangenen Besuch empfangen. Telefonieren dürfen sie nur ausnahmsweise – so bei Todesfällen – und immer unter Aufsicht. Die schnellste Verbindung von Küsnacht nach Ebrach mit Zug und Bus dauert acht Stunden. Mit dem Auto ist man etwas schneller.
Um 21.15 Uhr ist «Einschluss». Ab 23 Uhr schalten sich die Fernseher automatisch aus. Dann ist Nachtruhe. Dann beginnt das «Kopfgeficke». Viele Häftlinge wälzen sich in den Betten, wälzen Gedanken und kriegen keine Ruhe. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.03.2010, 04:00 Uhr
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61 Kommentare
Die Rückfallquote beträgt in der Schweiz durchschnittlich 2/3, ist also nicht weit von Deutschland entfernt. Wann endlich lernt die Schweiz, dass Kriminalität, insbesondere Gewaltverbrechen, BESTRAFT und nicht angeblich resozialisiert gehört. Wir sollten von Deutschland lernen, d.h. die Strafen höher setzen und ein härteres Regime in den Gefängnissen einführen. Alles andere ist teurer Humbuck. Antworten


