Karl Zweifels Straffantasien vom Vierteilen
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 12.01.2010 47 Kommentare
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Ein Mensch kann nicht viel Brutaleres erleiden als die Vierteilung. Manchmal ist es der Henker, der die Arme und Beine ausreisst, manchmal sind es Pferde, Ochsen oder ein Flaschenzug. In der Regel lösen sich die Glieder aber erst vom Rumpf, wenn mit einem Messer oder einem Beil die Sehnen und Knorpel durchtrennt werden.
Diese Hinrichtungsart illustriert und inszeniert den rasenden Zorn des Königs gegen den Untertan, wenn er rebelliert - wie der Kosakenführer Stenka Rasin im Zarenreich, der Schottenheld William Wallace im mittelalterlichen England, der Sonderling Robert-François Damiens im Frankreich Louis’ XV. Angesichts der Pein des Gemarterten leuchtet ein, dass während der Französischen Revolution die Neuerung Guillotine als human empfunden wurde: ein Ratschen, ein Schnitt, Kopf ab, Besitzer tot.
Grausames vom Arzt
Nun sagte Karl Zweifel, Stadtratskandidat der SVP in Zürich, kürzlich an einem Parteianlass, Verräterinnen wie Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf habe man im Mittelalter gevierteilt. Und weiter bemerkte Zweifel, auf die Pferde-Variante anspielend, er wäre bei dieser Exekution «einer der vier Reiter gewesen». Selten hat man hierzulande in den letzten Jahren im Politischen eine derart finstere Aussage gehört; es ist ja inzwischen doch mehr als 20 Jahre her, seit Auto-Partei-Mann Michael E. Dreher davon redete, Linke und Grüne an die Wand zu nageln und mit dem Flammenwerfer drüberzugehen. Die Zweifelsche Vierteilungsfantasie von eben ist umso gruseliger, als ihr Urheber Arzt ist. Chirurg. Ein Anatomiekenner, der genau um die Schmerzfähigkeit des menschlichen Körpers und also um das Grausamkeitspotenzial dieser Tortur weiss.
Vormoderne Vorgänge
Seine Aussage sei übertragen gemeint gewesen, nicht real-blutig, macht Zweifel inzwischen geltend. Auf der symbolischen Ebene wird es allerdings erst recht interessant: Vierteilen ist rechtshistorisch gesehen definiert als - siehe die erwähnten Beispiele - Strafe für Hochverrat oder Königsmord. Bundesrat Christoph Blocher war demnach ein König, gemeuchelt von Widmer-Schlumpf. Und Bundesbern wäre der Ort vormoderner Geschehnisse. Vierteilen gehört zum Justizrepertoire der uneingeschränkten Monarchien. Der religiöse Eiferer François Ravaillac stach 1610 zu Paris Henri IV. nieder. Er wurde gevierteilt, nachdem man ihm die Tathand in brennendem Schwefel verkohlt hatte.
Solche Vorfälle sind Geschichte im Tragödienformat. Und genau darum geht es hier: Zweifels Worte geben preis, wie hiesige Rechte Politik machen und begreifen. Nämlich: Sie mythisieren sie, steigern sich selber dabei mit ins Monumentale. Die Schweiz: ein Volk, das von der Elite verkauft wird. Die EU: das düstere Reich des Bösen. Christoph Blocher: der Erretterkönig. Blochers Abwahl: eine Urszene des Verrats. Und Eveline Widmer-Schlumpf, die sich Blochers Sitz im Bundesrat holte: sozusagen Lady Macbeth aus Graubünden.
Nicht Königsmord, Ausbootung
Dabei hat unser politisches System wenig mit Heroismus zu tun und viel mit Pragmatismus. Wenig mit Shakespearescher Grösse und viel mit Mittelmass und Alltag. Es geht um Absprachen, Taktik, Bündnisse. Christoph Blocher allerdings forcierte stets eine Notstandsrhetorik und empfahl sich als alleinige Kraft des Guten. Als man ihn abwählte, war das dennoch kein Königsmord. Es war banal eine Ausbootung. Vierteilen? Das Wort passt nicht in die Demokratie.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.01.2010, 14:25 Uhr
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47 Kommentare
@ simon walser Lächerlich ist eher, was der Zweifel Karli von sich gegeben hat. Das zeugt von viel unbewältigter Wut. Die Abwahl eines Magistraten durch die Vereinigte Bundesversammlung ist KEIN Königsmord, und die SVP-Exponenten täten daher gut daran, mal wieder eine andere Platte aufzulegen. Nach zwei Jahren der Dauerberieselung nervt die aktuelle Platte nämlich massiv. Zumindest mich. Antworten


