«Kein Auto zu haben, ist eine sehr hohe Lebensqualität»

In Zürich streiten sich die Politiker darüber, ob Mietern ihr Auto verboten werden darf. Während autofreie Siedlungen im Bau sind, ist Bern viel weiter. Dort verzichten 80 Personen vertraglich auf das Auto.

Siedlung im Leutschenbach: Nicht einmal jede dritte Wohnung hat einen Parkplatz.

Siedlung im Leutschenbach: Nicht einmal jede dritte Wohnung hat einen Parkplatz.

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Autofreies Wohnen sorgt in Zürich für rote Köpfe. Während sich die Leser von Tagesanzeiger.ch in Hunderten Kommentaren einen Schlagabtausch liefern, ob das angebracht ist, kämpfen Bürgerliche auf der politischen Ebene um Parkplätze und die «persönliche Freiheit». Die Stadt befragt derweilen 1600 Mieter nach ihren Verkehrsmitteln – und realisiert Siedlungen, deren Bewohner ohne Autos auskommen sollen oder gar müssen. Damit werden diese Neubauten auf die Energieziele der 2000-Watt-Gesellschaft ausgerichtet.

Bern ist in dieser Hinsicht einige Jahre weiter. Im Quartier Bümpliz gibt es bereits seit rund einem Jahr eine Siedlung, deren Bewohner kein Auto haben. Die 80 Personen in der Überbauung Burgunder haben sich sogar vertraglich verpflichtet, auf motorisierten Individualverkehr zu verzichten. Sogar das ZDF bewertete diese Wohnform als derart aussergewöhnlich, dass ein Fernsehteam nach Bern reiste, um darüber zu berichten.

«Autofraktion wird es immer geben»

Gegenüber dem deutschen Staatsfernsehen sagte Katharina Gallizzi, dass sie auf nichts verzichtet, im Gegenteil: «Kein Auto zu haben, ist eine sehr hohe Lebensqualität.» Da sie jeden Tag pendle, habe sie Zeit, im Zug ein Buch zu lesen und müsse sich nicht mit Staus abkämpfen. Dabei ist Gallizzi auch das ökologische Engagement wichtig: «Gemeinsam etwas für die Umwelt zu tun gibt einen Zusammenhalt und ist besonders mit Kindern sehr schön.»

Günther Ketterer, Mitbegründer der Siedlung, sieht sich nicht als Kämpfer gegen die Autos: «Die Autofraktion wird es immer geben. Wir bauen nur für ein anderes Bedürfnis.» Und wenn es doch einmal ein Auto braucht, dann mieten die Burgunder-Bewohner ein Mobility-Vehikel.

Hunderte Neuwohnungen ohne Parkplätze

In Zürich werden in den nächsten Jahren hunderte Mieter in autofreie Wohnungen ziehen. 240 Personen werden in der Siedlung Kalkbreite einziehen. Sie alle verzichten ebenfalls vertraglich auf ein Auto. Der Bezug ist für Frühling 2014 vorgesehen. Das Interesse an den Wohnungen ist laut der Genossenschaft sehr gross.

Eine zweite autofreie Überbauung mit 94 Wohnungen ist auf der Kronenwiese geplant. Dort will die Stadt Zürich bis 2016 eine Siedlung erstellen, die möglicherweise ohne Tiefgarage auskommen muss. Und im Leutschenbach plant die Baugenossenschaft «Mehr als Wohnen» 450 Wohnungen, die mit 106 Parkplätzen auskommen müssen.

Bereits in Bau ist eine andere autoarme Siedlung: Der Sihlbogen in Leimbach. Dort haben die Behörden erstmals erlaubt, die vorgeschriebene Parkplatzzahl zu unterschreiten. Statt 131 Plätze muss die Genossenschaft nur 66 erstellen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.02.2012, 11:25 Uhr)

Katharina Gallizzi aus Bern: Schätzt das autofreie Wohnen als gemeinsamen Beitrag zur Umwelt. (Bild: Screenshot ZDF)

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Siedlung Burgunder in Bern: Höchstens Mobility-Autos erlaubt. (Bild: npg-ag.ch)

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