Zürich

Kluge Köpfe, gratis importiert. Wo liegt das Problem?

Von Dario Venutti und Judith Wittwer. Aktualisiert am 05.02.2010 6 Kommentare

Hochqualifiziert, jung, alleinstehend: Die deutschen Einwanderer sind genau das, was die Schweizer Wirtschaft braucht. Und trotzdem sind die Ängste gross.

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Ein Gespenst geht um in der Schweiz und in Zürich - das Gespenst der deutschen Gefahr für den hiesigen Mittelstand. Die Konjunktur ist eingebrochen, die Arbeitslosigkeit steigt und deshalb auch die Angst vor sozialem Abstieg. «Bei Arbeitnehmenden und mittleren Kadern macht sich Besorgnis über die deutsche Zuwanderung breit», sagt der Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm.

Seit Einführung der Personenfreizügigkeit vor acht Jahren sind 125'000 Deutsche in die Schweiz eingewandert, mehr als ein Viertel von ihnen allein in den Kanton Zürich (siehe Grafik). Sie sind derzeit die grösste Immigrantengruppe. Die Deutschen in der Stadt Zürich verdienen durchschnittlich 80'000 Franken brutto, 5000 Franken mehr als Schweizer. Viele wohnen in beliebten Quartieren: im Seefeld, am Zürichberg, unterhalb des Käferbergs und in der Gegend des Escher-Wyss-Platzes. Sind die Ängste des Mittelstandes also berechtigt?

Die Zeche zahlt Deutschland

Für die Wirtschaft sind die Deutschen die idealen Einwanderer. Ihr Profil entspricht exakt den Bedürfnissen jener Branchen, die in den letzten Jahren stark gewachsen sind: Zwei von drei Deutschen haben einen Hochschulabschluss. Drei von vier sind zwischen 21 und 40 Jahre alt. Neun von zehn sind alleinstehend, die Hälfte Frauen.

Allein im Kanton Zürich ist die Gesamtzahl der Stellen seit 2002 um 64 000 gewachsen, vor allem in der IT-Branche, im Finanzsektor und im Gesundheitswesen. «Man musste die Suche nach Arbeitnehmern auf Deutschland ausweiten», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse. Der Grund: Die Schweiz bildet zu wenig kluge Köpfe aus, um all die anspruchsvollen Stellen zu besetzen. Hingegen bekommt sie die hochqualifizierten Arbeitnehmer gratis: Die Zeche für deren Ausbildung zahlt der deutsche Staat.

Dank dieser Einwanderung bewältigte die Schweiz den Strukturwandel ihrer Wirtschaft. Seit der Rezession in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre sind hauptsächlich Jobs entstanden, die eine akademische Ausbildung, einen Fachhochschulabschluss oder eine höhere Berufsausbildung erfordern: für Betriebswirte, Ingenieure, Chemiker. Obwohl viele Arbeitsplätze für schlechter qualifizierte Menschen vernichtet oder ins Ausland verlegt wurden, sind jetzt insgesamt mehr Stellen vorhanden. Ökonomen sprechen deshalb von einem «Beschäftigungswunder». Es hat den Charakter der Einwanderung verändert: Statt kosovarischen Bauarbeitern kommen indische Informatiker und deutsche Versicherungsexperten.

Die Polemik der politischen Rechten gegen Deutsche ist weitgehend unbestimmt und appelliert an diffuse Ängste. Jedenfalls lassen sich Schlagworte wie «Einwanderung ins Sozialsystem» nicht gegen Deutsche verwenden. Mit ihren hohen Einkommen sind sie gute Steuerzahler. Die Deutschen zahlen auch deutlich mehr in die AHV, die IV und in die Arbeitslosenkasse ein, als sie aus den Sozialwerken beziehen: Die Arbeitslosenquote der Schweizer liegt derzeit bei 3,1 Prozent, jene der Deutschen bei 2,8.

Öffentlich gut sichtbar

Dass die Abstiegsängste gerade auf sie projiziert werden, hat mit ihrer Präsenz in der Öffentlichkeit zu tun. Sie arbeiten wegen ihrer Sprachkenntnisse oft in Berufen, die sichtbar sind: als Ärzte, Kellner, oder sie machen Ansagen im Tram. «Dadurch werden sie stärker wahrgenommen als der amerikanische Aktienhändler, der auch hier wohnt», sagt Christof Meier, Leiter der Integrationsförderung der Stadt Zürich.

Am spürbarsten ist die Konkurrenz bei der Wohnungssuche. Die Einwanderung hat die Nachfrage besonders in Zürich erhöht. Familien und weniger gut situierte Menschen müssen die Stadt wegen steigender Zinse verlassen oder finden nur schwer eine Bleibe. Laut dem Berner Wirtschaftsprofessor Reto Föllmi birgt diese Entwicklung sozialpolitischen Sprengstoff. Einen Kampf um Arbeitsstellen sieht Föllmi hingegen nicht heraufziehen. Kurzfristig könnten die Löhne von Chemikern oder Informatikern sinken, weil das Angebot an Arbeitskräften steigt. Auf lange Sicht würden aber jene Wirtschaftszweige wachsen, die heute die Deutschen anziehen - und so wieder neue Stellen geschaffen.

«Eine virtuelle Diskussion»

Trotz Konjunktureinbruch haben Betriebe im Dienstleistungssektor weiterhin Mühe, geeignete Leute zu finden: In der Informatik und im Gesundheitswesen ist derzeit jede 20. Stelle frei, bei Banken und Versicherungen sogar jede 8. «Die Nachfrage nach Hochqualifizierten ist weiterhin hoch», sagt der Ökonom Minsch. Wie erklärt er sich dann die Angst vor den Deutschen, die den Schweizer Mittelstand angeblich bedrohen? «Das ist eine virtuelle Diskussion.»

Quellen: Stadt Zürich (2008): Die neue Zuwanderung Stadt Zürich (2006): Ausländische Personen in der Stadt Zürich Stadt Zürich (2006): Erwerbsstruktur der ausländischen Wohnbevölkerung Avenir Suisse: Die neue Zuwanderung, Zürich 2008 Bundesamt für Statistik (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2010, 06:29 Uhr

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6 Kommentare

Philippe Latscha

01.02.2010, 06:17 Uhr
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Ich kann den Beitrag nur unterschreiben. Die Schweiz zahlt jetzt die Zeche für die Abkapselung und für die katastrophale Ausbildung. Wenigstens die Ausbildung muss geändert werden (siehe Harmos). Bis dahin ist es doch nur vom Vorteil, qualifizierte Arbeitnehmer aus dem Ausland zu beschäftigen. Ich denke, das keiner will, dass die Schweiz in die Bedeutungslosigkeit rutscht. Und d. Gefahr ist gross! Antworten


Peter Müller

01.02.2010, 10:24 Uhr
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"Der Schweizer" sollte sich mal lieber darüber definieren Schweizer zu sein. Ich finde es echt lächerlich, wenn die Identität hauptsächlich über "Ich bin nicht Deutsch" definiert wird. Und mal ehrlich: wenn jemand soetwas sagt, dann ist das Beweis genug für einen Minderwertigkeitskomplex. Schweizer holen Deutsche ins Land, dann behandelt uns auch anständig und geht höflich mit uns um. Antworten



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