Köppel und der Fahrplan für die Maurer-Nachfolge

Für die Nationalratskandidatur von Roger Köppel gibt es nur eine Erklärung.

Journalist, Unternehmer – und Politiker: Roger Köppel nachdem er seine Kandidatur angekündigt hat. (26. Februar 2015)

Journalist, Unternehmer – und Politiker: Roger Köppel nachdem er seine Kandidatur angekündigt hat. (26. Februar 2015) Bild: Keystone

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Konjunktive und Vorsichtsadverbien darf man sich sparen: Roger Köppel wird diesen Herbst Zürcher SVP-Nationalrat, so viel steht seit gestern fest. Die Parteileitung will ihn nominieren, er hat zugesagt, alles Weitere ist Form­sache. Daran zweifeln kann nur, wer den Starkult im äusseren rechten Politsegment um diesen Journalisten noch nicht im vollen Ausmass registriert hat. Wenn nach einer Köppel-Rede im SVP-Versammlungshaus der Applaus tost, müsste dies gestandenen Parteigranden die Neidblässe ins Gesicht treiben – wären sie nicht selber ebenso hingerissen von Eloquenz und Kraft des Rhetors Köppel, seiner Stilisierung als volksnahem Antipoden zum «linken Mainstream».

Nicht Köppels Wahlchancen, sondern die Wahlmotive geben Anlass zur Frage. Die Begründung von der gestrigen Medienkonferenz, das Land in Not verlange seinen Einsatz in Bundesbern – geschenkt. Köppel, der langjährige Papierli-Parteilose, ist faktisch seit einem Jahrzehnt der zweiteinflussreichste SVP-Politiker. Es ist faszinierend nachzuverfolgen, wie Köppels «Weltwoche» in diesem Jahrzehnt Sprache und oft auch Handeln des SVP-Personals prägte. Unvergessen, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, wie die «Weltwoche» und Chris­toph Blocher – der Einflussreichste, natürlich – die SVP-Fraktion vor fünf Jahren im Zusammenspiel dazu brachten, der anfänglich vehement verfemten Auslieferung von UBS-Kundendaten an die USA zuzustimmen. Wenn Köppel nun ins Parlament einzieht und dort als eines von 246 Mitgliedern den Ja- oder Nein-Knopf im Saal drückt, mehrt das seinen Einfluss kaum, im Gegenteil: Für seine publizistische Arbeit wird weniger Zeit bleiben. Wie unbezahlbar diese Arbeit für die rechte Sache ist, diese Feststellung stammt von Über­vater Blocher persönlich.

Libertärer Befreiungstheologe

Unwahrscheinlich auch, dass sich Köppel von der Arbeit des Parlamen­tariers als solcher angezogen fühlt. Kann man sich diesen marktlibertären Befreiungstheologen als Paragrafenschreiner vorstellen? In seinen Edito­rials predigt er gerne das Grosse und Ganze, den eidgenössischen Überlebenskampf gegen die übergriffige EU und den ausufernden Staat. In den Nationalratskommissionen kann er sich mit dem Verteilkampf um Trassenvergaben im Gütertransportgesetz oder mit Nutzungsziffern in der Zweitwohnungsgesetzgebung befassen. Das sind nicht die Felder der Ehre, auf denen die Schweiz gerettet wird.

Der Politgeograf Michael Hermann kommt der Sache wohl nahe, wenn er von der Installation Köppels als künftige SVP-Führungskraft und einzig denkbaren Blocher-Nachfolger spricht. Dass Köppel eine Art Antwort der SVP auf die Gesetze der Biologie darstellt, orakeln Beobachter schon länger. Selbst wenn Blocher seinen oft wiederholten Scherz wahrmacht und so lange wie Konrad Adenauer (der erste deutsche Bundeskanzler) politisiert: Irgendwann ist das 87. Altersjahr erreicht, irgendwann ist Schluss. Und unter den amtierenden SVP-Funktionsträgern ist seinesgleichen nicht auszumachen.

Doch Köppel kann zwar Blochers Nachfolger werden, aber eben kein neuer Blocher. Er hat nicht Blochers Geld, und er hat bei aller rednerischen Brillanz nicht Blochers Aura. Dieser ist donnernder Zeus, sinnierender Intellektueller, distinguierter Geschäftsmann und Stammtischkumpan in einem. Köppel kann man sich als Oberassistenten eines finanzwissenschaftlichen Uni-Instituts denken. Aber seinem Potenzial als Volkstribun sind Grenzen gesetzt.

Blochers Nachfolge erwartet Köppel, aber nicht in den Mehrzweckhallen der Landgemeinden. Es gibt nur eine logische Erklärung. Die SVP hatte ihre beste Zeit zwischen 2003 und 2007, als ihr Zentralgestirn Blocher im Bundesrat sass – und damit die einflussreichste Position im Lande bekleidete. Die SVP prägte in diesen Jahren die Schweizer Politik ebenso wie das Bild derselben, am Ende fuhr sie einen fulminanten Wahlsieg ein. Ueli Maurer kann die Blocher-Lücke im Bundesrat nicht füllen, Roger Köppel könnte es. Der Zeitplan geht perfekt auf. Der 64-jährige Maurer hat angekündigt, für eine weitere Legislatur im Bundesrat zu kandidieren. Köppel erhält damit vier Jahre, um den Parlamentsbetrieb kennen zu lernen. Wenn Maurer 2019 zurücktritt, ist Köppel mit seinen 54 Jahren im besten Alter. Er kann dann Erfahrung als Unternehmer, Führungsperson und Nationalrat vorweisen, und er stammt praktischerweise noch aus dem gleichen Kanton wie Maurer.

Es war interessant festzustellen, bis zu welchem Punkt Köppel gestern Blocher-Rhetorik übernahm. Letzterer entstammte unter anderem die ­Konstruktion einer ­«linken Mehrheit» in Bundesbern sowie das Ammen­märchen, die SVP werde in der Medienöffentlichkeit «geächtet». Anders als Blocher verzichtete Köppel aber explizit auf höhnische Sprüche über das Parlament als Institution. Er blieb respektvoll. Dachte da einer nicht nur an sein Wahlvolk von 2015, sondern bereits an jenes von 2019?

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.02.2015, 23:48 Uhr)

Köppels Kernaussagen beim PK-Auftritt vom Donnerstag in Zürich. (Video: Lea Koch/Lea Blum)

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