Kokain, Kompost und 40 Tonnen Bananen

Von Thomas Hasler. Aktualisiert am 09.09.2010

Im grössten Drogenfall der Schweizer Justizgeschichte hat das Bezirksgericht Bülach die beiden Angeklagten zu Freiheitsstrafen von zwölf und acht Jahren verurteilt. Sie hatten über 600 Kilo Kokain im Wert von 100 Millionen Franken in die Schweiz importiert.

Verhängnisvolle Tarnung: Beim Entsorgen der Bananen fielen die Schmuggler auf. (Bild: Keystone )

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Der 39-jährige italienische Gelegenheitsarbeiter wurde zu zwölf Jahren verurteilt, der 53-jährige Schweizer Geschäftsmann mit acht Jahren bestraft. Das Bezirksgericht Bülach sah es als erwiesen an, dass sie 670 Kilo respektive 510 Kilo Kokain in die Schweiz eingeführt hatten. Gerichtspräsident Rainer Hohler sprach von einem «krassen, extrem hohen Verschulden» und einer Drogenmenge, «die man sonst in der Schweiz nicht ansatzweise hat».

Staatsanwalt Roger Elgi, hatte für die beiden «Mitglieder eines international operierenden Drogen-Grosshändler-Rings» Freiheitsstrafen von dreizehn und acht Jahren gefordert, während die Verteidiger Strafen von lediglich sechseinhalb und 24 Monaten für angemessen hielten. Die Angeklagten hätten keine Entscheidungskompetenz und keine Führungsrolle gehabt. Sie hätten «auf tiefster Stufe eine Teilaufgabe erfüllt». Sie waren nicht Mitglieder eines Drogenkartells, sondern «ein Werkzeug auf unterster Hierarchie-Stufe».

In fast 4000 Bananenschachteln versteckt

Der Fall, den das Bezirksgericht Bülach den ganzen Donnerstag verhandelte, war nicht nur wegen der einmalig hohen Drogenmenge spektakulär. Auch die Art war aussergewöhnlich, wie das Kokain, das einen Reinheitsgrad von bis zu 89 Prozent aufwies, in die Schweiz gelangt war. Die Drogen wurden in Plastiksäckchen zu 80 oder 110 Gramm in die Kartonböden von Bananenschachteln eingearbeitet. Eine Lieferung, die fast 1000 Schachteln mit zwanzig Tonnen Bananen umfasste, enthielt 150 bis 210 Kilo Kokain. Vier solcher Lieferungen gelangten auf dem Seeweg von Santa Marta in Kolumbien nach Zeebrugge in Belgien, wurden dort auf Lastwagen verladen und in ein Lager im Embraport in Embrach gebracht.

In Embrach wurden die Bananen in unverdächtige Schachteln umgepackt, die Drogen gebündelt nach St. Gallen transportiert, dort neu portioniert und verpackt und teilweise in Waschmittel-Boxen an verschiedene Orte in der Schweiz gebracht. Der angeklagte Italiener war für die Logistik zuständig, der Schweizer organisierte den Transport von Belgien in die Schweiz.

Ein bisschen zu viel Kompost

Der Drogenbande waren die italienischen und spanischen Behörden im Herbst 2005 auf die Spur gekommen. Eine dieser Spuren führte zum in der Schweiz lebenden Italiener. Gleichzeitig aber erhielt auch die Zürcher Staatsanwaltschaft einen seltsamen Hinweis. Einer Kompost-Firma war nämlich aufgefallen, dass 40 Tonnen einwandfreie grüne Bananen entsorgt wurden. Bei einer weiteren Anlieferung von 20 Tonnen stand dann die Polizei bereit.

Während der zwei Jahre dauernden verdeckten Ermittlungen erhielten die Behörden einen guten Einblick in das Funktionieren der Grosshändler-Rings. An der Spitze stand «Dottore», der nach Erkenntnissen der Behörden im kolumbianischen Drogenkartell «hierarchisch ziemlich hoch angesiedelt» sein dürfte, und der «halb Europa mit Kokain beliefert». Der Mann wurde inzwischen in Spanien verhaftet, die Schweiz wartet auf seine Auslieferung.

Vor Gericht zeigten sich die beiden Angeklagten grundsätzlich geständig. Lediglich die Drogenmenge bestritten sie. Sie machten geltend, sie seien davon ausgegangen, dass sich in den Schachteln pro Lieferung höchstens dreissig Kilogramm Kokain befunden hätten. Das sei unglaubwürdig, meinte der Staatsanwalt. Sie hätten pro Lieferung eine Belohnung von 100'000 Franken erhalten. Zudem habe der Italiener, der in direktem Kontakt mit «Dottore» stand, gewusst, dass pro Lieferung «Lohnkosten» für die diversen Mittäter und Gehilfen von etwa einer Million Franken angefallen seien. Einer dieser Mittäter, der den Drogentransport von Embrach nach St. Gallen und die dortigen Weiterverteilung organisierte, wurde inzwischen in St. Gallen erstinstanzlich zu zehneinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, ein weiterer Importeur kassierte vom Bezirksgericht Bülach eine Strafe von dreieinhalb Jahren.

Tagesanzeiger.ch berichtet direkt vom Gericht in Bülach. Das Urteil ist für den Abend vorgesehen. «»«» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.09.2010, 13:35 Uhr

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