Kommt das Atomendlager doch ins Unterland?

Kantonsexperten widersprechen der Nagra: Der Standort an der Lägern sei durchaus eine Option. Regierungsrat Markus Kägi steht dahinter – obwohl er vor Ort wohnt.

Warten auf den Entscheid: Zwischenlager radioaktiver Abfälle in Würenlingen.

Warten auf den Entscheid: Zwischenlager radioaktiver Abfälle in Würenlingen. Bild: Dieter Enz/Comet

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Vor einem Jahr gab die Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) überraschend bekannt, dass der Standort Nördlich Lägern im Zürcher Unterland und im aargauischen Zurzigebiet für den Standort eines Endlagers atomarer Abfälle nicht infrage komme. Es müsse zu tief gelegt werden und habe zu wenig Platz.

Dem widersprechen nun die Kantonsexperten. In einer Medienmitteilung sprachen sie sich heute Morgen für den Weiterzug des Standorts aus. Laut Thomas Flüeler, Bereichsleiter Kerntechnik beim Awel, sind alle vier vom Kanton zugezogenen Experten einhellig zum Schluss gekommen, dass die Nagra Nördlich Lägern zu früh aus dem Spiel genommen habe.

Sicherer vor Erosion

Das Fazit lautet: Man soll in der nächsten Etappe neben den Standorten Zürich Nordost im Weinland und Jura Ost AG auch Nördlich Lägern genauer unter die Lupe nehmen. «Alle drei Standorte weisen Schwächen und Stärken auf», sagt Flüeler. Diese sollten sauber gegeneinander abgewogen werden.

Diese Standorte sind für ein Endlager im Gespräch.

So wertet Flüeler den Umstand, dass an der Lägern das Lager vergleichsweise tief gelegt werden müsste, als Vor- und Nachteil. Durch den Stollen müsse zwar eine breitere Gesteinsschicht gestört werden, dafür sei das Lager geschützter vor Erosion durch Gletscher und Durchbruchsrinnen.

Alle drei weiter untersuchen

Die Nagra habe hier falsch gewichtet. «Die Gründe der Nagra, dass sie Nördlich Lägern zurückgestellt hat, halten einer kritischen Überprüfung nicht stand», sagt Flüeler. So sei die Störung des umliegenden Gesteins durch den Stollen weniger problematisch als angenommen, auch stehe deutlich mehr Platz zur Verfügung.

Gleichzeitig haben die beiden anderen Standorte laut Kantonsexperten grössere Schwächen als angegeben. Der Schluss lautet: Es sollten zwingend alle drei Standorte weiter untersucht werden. Nur so sei gewährleistet, dass der sicherste Standort übrig bleibe.

Markus Kägi doppelt gefordert

Regierungsrat und Baudirektor Markus Kägi (SVP) hat sich mit dieser Stellungnahme gewissermassen doppelt ein Ei gelegt: Nun sind es im Kanton Zürich wieder zwei Regionen, die für ein Endlager atomarer Abfälle infrage kommen – und darüber wohl nur mässig erfreut sind. Und seine Wohnregion, das Zürcher Unterland, das zuvor aus dem Schneider schien, ist wieder im Gespräch.

«Hier geht es nicht um Politik und auch nicht um regionale Interessen, sondern um die Sicherheit», sagt Markus Kägi, der im Ausschuss der Kantone den Vorsitz hat. Er hatte bereits, als die Nagra Nördlich Lägern ausschloss, Zweifel geäussert, ob dies nicht zu früh komme. «Das hat sich nun bewahrheitet.» Für ihn stehe im Vordergrund, dass diese Standortwahl äusserst seriös und transparent durchgeführt werde.

Nagra selbst zweifelt wohl schon

In der Region Zürich Unterland reagiert man gefasst und sachlich. Hanspeter Lienhart, Präsident der Regionalkonferenz Nördlich Lägern, erwartet, dass man detailliert über die Ergebnisse informiert werde, und hofft, nicht in einen «Streit der Experten» hineingezogen zu werden. Um keine Zeit zu verlieren, arbeite die Regionalkonferenz ab sofort so, als komme der Standort noch infrage.

Ähnliches liess die Nagra selbst bereits Mitte Dezember verlauten: Sie werde auch für den Standort Lägern Nord die vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) verlangten Nachforderungen planen, um keine Zeit zu verlieren. Was ein Hinweis darauf sein könnte, dass sie sich ihrer Sache nicht ganz sicher war.

Entscheid fällt Ende 2018

Der Fachbericht der Kantone wird nun an den Bund weitergeleitet. Und die Nagra wird die vom Ensi geforderten Zusatzdokumentationen bis Mitte 2016 vorlegen. Darauf basierend wird das Ensi sein Gutachten im Frühling 2017 abschliessen und eine weitere Runde mit Beurteilungen und Vernehmlassungen einleiten. Der Bundesrat wird voraussichtlich Ende 2018 über die Standortvorschläge der Nagra entscheiden. Ursprünglich wurde der Entscheid auf Ende 2017 angekündigt.

Dann startet die Etappe 3: Es erfolgen Bohrungen zur vertieften Untersuchung der Geologie und das Bewilligungsgesuch und die Entschädigungsfrage werden vorbereitet. Der Bau der Stollen und Kavernen erfolgt zwischen 2035 und 2041. Die Inbetriebnahme ist für das Jahr 2048 vorgesehen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.02.2016, 15:10 Uhr)

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