Lautes Sprechen über das stille Örtchen

Mit Plakaten und einem Strassentheater erregt Helvetas Aufmerksamkeit und sammelt Geld für das Menschenrecht auf Toiletten in der Dritten Welt.

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Toiletten waren lange ein Tabuthema. «Beim Geldsammeln für die Entwicklungszusammenarbeit haben wir immer nur vom Wasser geredet – über Brunnen bohren und Wasserleitungen legen», sagt Franz Gähwiler von der Entwicklungsorganisation Helvetas.

Der Programmkoordinator für Nepal und Bhutan kennt das Problem aus eigener Erfahrung. Als Ingenieur war Gähwiler viele Jahre im Himalaja am Bau von Hängebrücken beteiligt. Wochenlang war man zu Fuss unterwegs und übernachtete in abgelegenen Dörfern bei Bauernfamilien. «Dort wurde mir bewusst, wie es ist, wenn es nirgendwo im Dorf ein WC gibt. Wohin geht man dann? Hinter einen Busch – und natürlich schauen immer viele Leute lachend zu, wie der Fremdling sich hinkauert. Diese Verletzung der Privatheit war das Erste, was mich gestört hat.»

Toilette zum Statussymbol machen

Bald erkannte Gähwiler die viel schwererwiegenden Folgen: Wo – vor allem auf dem Land – die sanitären Einrichtungen fehlen, da stecken sich die Menschen immer wieder von neuem mit Durchfallkrankheiten an. Bei Kindern eine der häufigsten Todesursachen. Darum forderte Franz Gähwiler, dass beim Fundraising auch die Siedlungshygiene zum Thema wird: «Das ist mindestens so wichtig wie das Trinkwasser.» Den Kampagnenleitern und Textern in der Helvetas-Zentrale war das eher peinlich. «Man sagte mir, mit dem Wort Siedlungshygiene könne das Publikum nichts anfangen, und über Scheissdreck wolle man nicht schreiben.»

Doch auch Entwicklungsorganisationen machen Entwicklungen durch: Im Februar 2006 schaffte es das Thema Siedlungshygiene erstmals auf das Titelblatt des Helvetas-Heftes «Partnerschaft». In der Praxis legt Helvetas bereits seit fünf Jahren grossen Nachdruck auf den Bau von Toiletten. «Heute fordern wir von Dörfern in Nepal, dass in 50 Prozent der Haushalte eine Latrine gebaut haben müsse, bevor wir eine Wasserleitung ins Dorf legen. Dieser Druck wirkt», sagt Gähwiler.

Was hingegen weniger wirkt, ist ein erhobener Mahnfinger, der allgemein vor Krankheiten warnt. Damit ändern sich jahrhundertealte Sitten und Gebräuche nicht. Besser ist es, die Latrine zum Statussymbol zu erheben: Wenn der reiche Nachbar eine Toilette hat, dann will sich auch der ärmere Dorfbewohner eine anschaffen. Und ist einmal die Latrine eingerichtet, merken die Bauern rasch, dass ihre Kinder weniger oft krank sind.

Wichtig für den Erfolg ist auch das Marketing, die Zusammenarbeit mit lokalen Herstellern von Stehklo-Platten. Hier habe Helvetas ebenfalls dazugelernt, sagt Franz Gähwiler: «Es muss jemand etwas daran verdienen können. Ein Produzent, der einen Markt schafft und seine Kunden dazu bewegt, für das Produkt Geld zu zahlen.»

Strassentheater heute in Zürich

Helvetas hat die Toilettennot zum Thema der Herbst-Sammelkampagne gemacht. Ähnlich wie in den Ländern der Dritten Welt sollen Strassentheater das Publikum sensibilisieren. Heute Samstag, von 11 bis etwa 17 Uhr, spielen Michel Räber und Dirk Sikorski auf dem Hirschenplatz im Niederdorf die Szene «Am Dampfen – ein sanitäres Zwiegespräch» (Text: Stephan Teuwissen). Requisit ist eine Kloschüssel auf Rollen. Noch bis zum 3. November läuft der Wettbewerb für ein Kurzvideo zum Thema «No toilet, no ...» So bleibt das verschwiegene Örtchen auch bei uns im Gespräch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2008, 11:47 Uhr

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