Lehrermangel: «Wir schaffen es nicht, alle offenen Stellen zu besetzen»

Der Lehrermangel nimmt dramatische Ausmasse an. Zum Beispiel im Schulhaus Mettmenriet in Bülach. Wenn nichts passiert, haben die Sekundarschüler bald jeden Nachmittag frei.

Lehrermangel: Den Bülacher Schulleitern Susanne Walther und Peter Gerber graut vor «Riesenlämpen».

Dominique Meienberg

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Susanne Walther und Peter Gerber führen gemeinsam das Lehrerteam im Bülacher Sekundarschulhaus Mettmenriet. Mit ihren 12 Jahren Erfahrung gehören sie zu den amtsältesten Schulleitern im Kanton. Doch trotz ihrer Erfahrung: Einen Lehrermangel wie den jetzigen haben sie noch nicht erlebt.

Im letzten Dezember haben sie die ersten Stelleninserate geschaltet. Am Anfang gingen einige Bewerbungen ein, und die beiden konnten fünf Lehrerinnen und Lehrer anstellen. Vier von ihnen sind ganz jung mit höchstens drei Jahren Erfahrung. Alle haben ein Sekundarlehrerdiplom – einer allerdings aus einem anderen Kanton.

Bewerbungen von Rentnern

Doch damit ist der Bedarf im Mettmenriet längst nicht gedeckt – vor allem, weil die Neuen nicht voll arbeiten. Sie übernehmen zwar die Verantwortung für je eine Klasse, doch nur mit Pensen zwischen 60 und 90 Prozent. Zu ersetzen sind aber viel mehr Stellenprozente: Zwei Lehrerkollegen werden pensioniert; zwei Lehrerinnen haben Kinder bekommen und wollen nach den Sommerferien nur noch mit Kleinstpensen wieder einsteigen; ein Lehrer steigt aus dem Beruf aus und lässt sich zum Industriedesigner umschulen; eine Werklehrerin hat eine Stelle am Zürichsee angenommen, um ihren Arbeitsweg zu verkürzen: ein Lehrer geht für drei Jahre nach Afrika in die Entwicklungshilfe. Und einige Lehrpersonen haben zwar nicht gekündigt, aber ihr Pensum reduziert.

So haben die Schulleiter im Mettmenriet unter dem Strich noch rund 300 Stellenprozente zu vergeben, und sie suchen dafür noch 4 Lehrpersonen. Doch woher sollen sie diese nehmen? «Seit dem letzten Februar sind nur noch drei für uns nicht brauchbare Bewerbungen auf die permanent aufgeschalteten Inserate eingegangen – eine von einem 69-jährigen Ex-Lehrer, eine von einer Frau ohne Lehrerpatent und eine von einer Lehrperson, die nicht ins Team passt.»

Vielleicht fallen Stunden aus

Susanne Walther und Peter Gerber haben sich engagiert, sie haben Ex-Kollegen telefoniert, die Beziehungen von jungen Kollegen angezapft, in der Pädagogischen Hochschule angerufen. Und Peter Gerber, der auch Präsident des Zürcher Schulleiterverbandes ist, hat an seinen Sitzungen in der ganzen Deutschschweiz die Schulleiter-Kollegen nach möglichem Personal angefragt – mit ernüchterndem Resultat: «Ich ernte immer nur ein müdes Lächeln.»

Glück haben Walther und Gerber mit ihren beiden Heilpädagogen. Weil sie ihre Stellen behalten, bleibt ihnen dieses Jahr wenigstens die besonders schwierige Suche nach einem Heilpädagogen erspart. Die Zeit drängt zwei Wochen vor den Sommerferien. Schüler und Eltern wollen wissen, wer ihre neuen Lehrer sind. Die beiden Schulleiter wollen aber noch nicht zu weit in die Zukunft schauen: «Wir lösen die Probleme, wenn sie da sind», sagt Walther. Dennoch ist Kollege Gerber wenig optimistisch: «Wir werden es nicht schaffen, alle offenen Stellen zu besetzen.» Vielleicht gelinge es im letzten Moment, irgendeine Notlösung zu finden, eine Vikarin für einige Wochen vielleicht, oder wenigstens eine Studentin aus der Pädagogischen Hochschule.

Terminplan im schlimmsten Fall

Doch was passiert, wenn es auch keine Notlösung gibt? Für dieses Szenario haben Walther und Gerber einen Terminplan. In der letzten Ferienwoche werden sie die Situation anschauen und allenfalls Klassen auflösen und die Jugendlichen auf andere Klassen aufteilen. Gerber graut davor, denn er weiss: «Das gibt Riesenlämpen.» Einerseits im Kollegium und vor allem mit den Eltern. «Warum mein Sohn? Warum zu diesem Lehrer? Warum nicht mit diesem Kollegen zusammen? Warum, warum, warum?»

Die Schulleiter ziehen auch in Erwägung, entgegen den Vorschriften auf Werklektionen zu verzichten und die Schüler früher nach Hause zu schicken. Am Morgen werde der Unterricht auf jeden Fall voll stattfinden, aber für den Nachmittag könne er heute keine Garantie abgeben, sagt Gerber.

Aeppli muss Zeichen setzen

Heute Freitag wird Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) zusammen mit ihren Amtskollegen aus Bern und Solothurn Massnahmen gegen den Lehrermangel präsentieren.

Natürlich machen sich auch Walther und Gerber Gedanken, welche es sein müssten. «Den Anfang muss Aeppli selber machen», meint Gerber. Sie müsse endlich aufhören, das Problem herunterzuspielen und mit der Wirtschaftslage zu begründen. Sie müsse hinstehen und bekennen, dass es sich um eine grosse Misere handle. Mit diesem Bekenntnis allein könne etwas in Bewegung kommen, in der Politik, in den Pädagogischen Hochschulen und in der Bevölkerung. Walther warnt aber vor Schnellschüssen. Es sei falsch, in der Not unqualifizierte Personen vor die Klassen zu stellen. Damit werde auf die Dauer noch mehr kaputtgemacht: «Am Schluss wäre unser Beruf gar nichts mehr wert, und niemand würde ihn mehr ergreifen.»

Peter Gerber erwartet nachhaltige Lösungen: bessere Arbeitsbedingungen, mehr Lohn und weniger Unterrichtsverpflichtung. Und er erwartet Rückendeckung von Economiesuisse: «Die haben nämlich gemerkt, dass sie mit abgesägten Hosen dastehen, wenn der Nachwuchs in Zukunft nicht besser ausgebildet wird.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2010, 22:40 Uhr

Selbst an der Goldküste fehlen die Lehrer

Gestern waren auf der kantonalen Stellenbörse noch 246 offene Dauerstellen auf Beginn des nächsten Schuljahres aufgeschaltet. Vor allem Fachlehrer und Heilpädagogen werden gesucht und Dutzende von Klassenlehrern.

Wer glaubt, der Lehrermangel betreffe nur Schulen in der anonymen Agglomeration, täuscht sich. Selbst in der Goldküstengemeinde Küsnacht, in der die Lehrerinnen und Lehrer eine moderne Infrastruktur und wenig Kinder aus «bildungsfernen Schichten» antreffen, waren gestern noch drei Lehrerstellen unbesetzt. Schulpräsident Max He-berlein schätzt die Situation als «aussergewöhnlich» ein. «Das habe ich in den letzten zwanzig Jahren noch nicht erlebt.» Auf die bereits im März geschalteten Inserate habe man keine akzeptablen Bewerbungen erhalten. Dass ausgerechnet Küsnacht keine Lehrer mehr findet, kann Heberlein zum Teil nachvollziehen: «Wir haben anspruchsvolle Eltern.» Das setze Lehrpersonen unter erheblichen Leistungsdruck. «Bei uns ist für viele nur das Gymi gut genug.»

Ein etwas anderes Publikum lebt in Zürich-Nord. Doch auch hier schätzt der Personalverantwortliche im Schulkreis Glattal die Situation als «prekär» ein. Er ist zuversichtlich, dass er bis Mitte August für alle Klassen eine Lehrperson gefunden hat, doch bei den Heilpädagogen ist er pessimistisch: «Hier werden wir kaum alle Stellen vergeben können.» Auf die Inserate gebe es manchmal null Echo. Oft müssten sie mehrmals publiziert werden, und die Bewerbungen seien teilweise unbrauchbar. Gesucht wird auch in der Ostschweiz und in Deutschland.

Im Zürcher Schulkreis Letzi amtet seit zwanzig Jahren Schulpräsident Ernst Weibel. Noch nie hat er nach den Sommerferien eine Klasse ohne Lehrer gehabt – auch wenns schon knapp war. Dieses Jahr sind zwei Wochen vor den Sommerferien etliche Stellen unbesetzt, zum Beispiel im Schulhaus Kappeli, wo auch noch ein Schulleiter gesucht ist. In einem Brief wurde den Eltern die Klasseneinteilung ihrer Kinder mitgeteilt. In der Zeile Lehrkraft steht «vakant». Weibel ist aus Erfahrung zuversichtlich, aber gleichwohl beunruhigt. Für ihn liegt einer der Fehler in der Ausbildung: «Nicht nur die Qualität muss stimmen, sondern auch die Quantität.» Für ihn ist der Lehrerberuf auch ein Handwerk, für das es viel Herz und Intuition braucht und nicht nur den Kopf. Es sei höchste Zeit, über die Akademisierung des Lehrerberufes nachzudenken und neue Wege in den Beruf zu öffnen. (sch)

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