Lektion in deutscher Schlagfertigkeit

Rhetoriktrainer Matthias Pöhm bringt Schweizern die Kunst des verbalen Konters bei. Mit der deutschen Tugend lässt sich gutes Geld verdienen.

Papst der Schlagfertigkeit: Matthias Pöhm erklärt, wie man auch ohne Talent schlagfertig wird.

Papst der Schlagfertigkeit: Matthias Pöhm erklärt, wie man auch ohne Talent schlagfertig wird. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Nicht alle haben das Glück, dass ihnen Schlagfertigkeit in die Wiege gelegt worden ist», sagt Matthias Pöhm. «Also sitzen hier ein paar, die eher kein Glück hatten.» Die vermeintlich «Unglücklichen» lachen, der «Schlagfertigkeitspapst» auch.

Ein munteres Grüppchen hat sich an diesem Samstag morgens um 9 Uhr im Hotel Crown Plaza an der Badenerstrasse eingefunden. Sein Ziel: Es will schlagfertiger werden. Der Rhetoriktrainer Matthias Pöhm soll es richten. Vier Frauen und ein Mann haben 1160 Franken bezahlt, um «nie wieder sprachlos zu sein». Alle wollen einem konkreten Problem im Beruf beikommen.

Nadia (alle Namen der Teilnehmer geändert) muss im Job Reklamationen entgegennehmen, was ihr manchmal die Kehle zuschnürt und Herzklopfen bereitet. Peter arbeitet bei einer Versicherung. Er erzählt von Kollegen, die sich nur mit ihrer Lautstärke durchsetzen. Helga kam einst aus Deutschland und verdient ihr Geld als «Glückscoach für Menschen in schwierigen Situationen». Sie will noch mehr Sicherheit gewinnen. Die junge Maria muss im Beruf vor gestandene Manager treten und will ruhiger werden. Beatrice steigt nach vier Kindern wieder in die Berufswelt ein. Ihr Mann hat sie angemeldet.

Deutsche sind direkter

«Machen Sie sich keine Gedanken um Regeln», sagt Meister Pöhm. Der 52-Jährige weiss aus 15 Jahren Erfahrung: «Schlagfertige Menschen gehen nicht nach Regeln vor.» Wenn man ihre Aussagen analysiere, erkenne man Strukturen, ein System. Und wenn dieses sichtbar werde, sei es lernbar. Matthias Pöhm will also den Anwesenden beibringen, was sie intuitiv schon können. Dazu wirft er die Jüngste im Bunde, Maria, ins kalte Wasser. Sie muss die Vorteile eines Gesetzes, das am 1. Juli 2013 in Kraft treten soll, präsentieren. Pöhms fiktive Vorgabe: Künftig muss jede Schweizer Familie wöchentlich 10 Gramm Haschisch rauchen. Maria schlägt sich so-la-la durch, redet von Entspannung, geistiger Auflockerung, Kreativität und Stressabbau. Der Rest der Gruppe setzt ihr mit Fragen zu.

Die Analyse des Experten: zu viel «ich denke», «ich finde» und «ich bin der Meinung». Das wirke unsicher, öffne das Einfallstor für Gegenfragen. Je schärfer man formuliere, desto grösser sei die Schlagkraft in der Aussenwirkung. Auch «eigentlich» sei ein Weichmacher. Eine starke Behauptung sei besser als eine gute Begründung. «Sie müssen keine Fragen beantworten, Sie müssen wirken», versichert Pöhm.

Der ehemalige Softwareentwickler wuchs im bayerischen Lohr am Main als Jüngster von neun Geschwistern auf. Seit 1997 betätigt er sich als Trainer für Schlagfertigkeit, Rhetorik und TV-Auftritte. Pöhm sieht jugendlich aus, hält sich mit Liegestützen in Form und kommt lässig in Hemd, Jeans und Cowboystiefeln daher. Seit 1994 lebt er in Bonstetten. Er hält auch Seminare in Deutschland und findet Deutsche nicht schlagfertiger als Schweizer. Schweizer seien höflicher, es sei weniger Reibung spürbar, Deutsche seien direkter.

«Kommen Sie nie mit einer negativen Aussage!»

«Kommen Sie nie mit einer negativen Aussage! Fragen Sie nie einfach nach mit ‹Warum?›, dann übernehmen die anderen!» Nachfragen sei eine grosse Gefahr, aufs Glatteis geführt zu werden. Pöhms Trick: zum Fragenden Blickkontakt aufnehmen, antworten, den Blick kurz halten, entziehen und andere anschauen. Politiker kennen den Trick. In die Nachfrage wird gleich eine Bewertung eingebaut. Etwa: «Wie kommen Sie zu dieser falschen Einschätzung?» Somit hat der Gegenspieler Mühe, ins Gespräch zurückzukommen.

Es gibt drei Bausteine der Schlagfertigkeit, nämlich die Fähigkeit, ruckartig einen Vorwurf in sein Gegenteil umzuwandeln. Auf «Du bist ein richtiger Geizkragen!» könnte man entgegnen: «Wäre dir lieber, ich wäre am Monatsende pleite?» Als Zweites lebe Schlagfertigkeit von der Fähigkeit, masslos und absurd zu übertreiben. Beispiel: «Ihre Krawatte ist schief gebunden.» Antwort: «Stimmt, ich wollte mich gerade erhängen.» Der dritte Baustein heisst «Lösung anbieten». Zum Vorwurf: «Das gefällt mir gar nicht, was Sie anhaben», würde man fragen: «Was würde Ihnen denn gefallen?»

Die meisten würden sich in Argumentationen verstricken. «Rechtfertigung ist schlecht», sagt Pöhm, «das Gegenteil von Schlagfertigkeit. Wer argumentiert, rennt um sein Leben.»

Nicht verteidigen und rausreden

Nicht verteidigen und rausreden, sondern elegant das Thema wechseln und rückfragen seien gute Tricks. Ein gutes Instrument, sich in einer bedrohlichen Situation zu entlasten, man gewinne Zeit und könne die Initiative wieder an sich reissen. Matthias Pöhm liefert gleich ein Beispiel von einem kürzlichen Auftritt in der Sendung «Stern TV». Der Moderator provozierte mit der Bemerkung: «Herr Pöhm, Sie haben auch immer weniger Haare.» Darauf entgegnete dieser: «Das haben Sie wunderbar beobachtet, Herr Hallaschka. Haben Sie Kinder?»

Abends um 17 Uhr rauchen die Köpfe. Alle Seminarteilnehmer kaufen noch schnell ein paar Bücher oder Hör-CDs des Schlagfertigkeitsmeisters Pöhm, und dieser entlässt sie mit der Bemerkung: «Gehen Sie jetzt nach Hause, und üben Sie mit Ihrem Partner, und wenn er fragt: ‹Wie wars im Seminar?›, dann antworten Sie: ‹Welches Seminar?›.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 03.12.2012, 09:59 Uhr)

Stichworte

Zehn Tipps für mehr Schlagfertigkeit

Es gibt einige Faustregeln, wie man auf kritische Fragen kontern kann und die Führung des Gesprächs elegant übernimmt. Die wichtigsten aus Pöhms Seminar:


  • Bleiben Sie locker, strahlen Sie Sicherheit aus. Lassen Sie ruhig eine Hand in der Hosentasche, das wirkt lässig, souverän.

  • Bei einer kritischen Frage halten Sie Blickkontakt, geben Sie eine knappe, klare Antwort. Dann entziehen Sie den Blickkontakt und wenden Sie sich wieder der Runde zu. Am besten mit einer Werbebotschaft.

  • Vermeiden Sie weiche Formulierungen wie «ich würde», «eher», «eigentlich». Stimmen Sie eindeutig zu oder verneinen Sie.

  • Wechseln Sie im Zweifel die Ebene: «Das ist nicht das Entscheidende», um danach ihre eigene Botschaft durchzubringen.

  • Senden Sie nonverbale Signale: Nicken Sie mit dem Kopf, wenn man Ihnen zustimmen soll, schütteln Sie den Kopf, wenn Sie Ablehnung erwarten.

  • Platzieren Sie Feststellungen, bevor Sie eine Frage stellen. Man wird eher auf die Frage achten und die Feststellung stehen lassen. Beispiel: «Üblicherweise werden zwölf bestellt. Wie viele bestellen Sie?»

  • Glaubt man Ihnen nicht, spielen Sie den Ball mit Rückfragen zurück. Etwa: «Was fehlt, damit es für Sie glaubhaft wird?»

  • Finden Sie witzige Antworten, indem Sie auf die Worte in der Frage achten und etwas absichtlich missverstehen: «Spreche ich zu schnell? Kommen Sie noch mit?» – «Wohin?»

  • Akzeptieren Sie Vorwürfe, stehen Sie zu Schwächen. «Sie rauchen aber viel heute.» – «Das haben Sie gut beobachtet.»

  • Antworten Sie auf peinliche Fragen mit komplettem Nonsens: «Lieben Sie Personen Ihres eigenen Geschlechts?» – «Ja, meinen Goldfisch.»

(roc)

Artikel zum Thema

«Die Deutschen sind überangepasst»

In Zürich wurde vor einem halben Jahr eine Selbsthilfegruppe für Deutsche gegründet. Warum deutsche Neuzuzüger in regelrechte Identitätskrisen schlittern, weiss Gruppenbetreuerin Désirée Kellner. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Marktplatz

Die Welt in Bildern

Gut geröhrt: In Ekeholt, Deutschland macht sich Klaus-Heinrich, ein fünfjähriger Hirsch lautstark bemerkbar. (29. September 2014)
(Bild: Carsten Rehder (EPA, Keystone)) Mehr...