Leistungsunterschiede

«Mädchen fällt strukturiertes Lernen leichter»

Die Gymi-Rektorin Ursula Alder stellt sich gegen die verbreitete Ansicht, dass Knaben heute in der Schule benachteiligt werden.

Mittagspause im Rämibühl: Mädchen und Knaben warten am Pfauen vor dem Schauspielhaus aufs Tram - geschlechtergetrennt.

Mittagspause im Rämibühl: Mädchen und Knaben warten am Pfauen vor dem Schauspielhaus aufs Tram - geschlechtergetrennt. Bild: Doris Fanconi

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Ein Blick in die Bildungsstatistik zeigt: Mädchen sind in der Schule erfolgreicher. Warum? Für Kinderarzt Remo Largo oder Kinderpsychologe Allan Guggenbühl werden die Knaben in einer Schule, die immer mehr von Frauen dominiert wird, benachteiligt. Ursula Alder, Rektorin des Realgymnasiums Rämibühl, widerspricht in einem Artikel in ihrer Hauszeitung und sieht andere Gründe für die weibliche Überlegenheit: «Die These, die Feminisierung der Schule sei dafür verantwortlich, greift zu kurz.»

Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Lehrerinnen Knaben nicht benachteiligten. Als Hauptursache für die Leistungsunterschiede nennt Alder das unterschiedliche Selbstvertrauen und zitiert dazu eine Studie. Knaben würden ihre Leistung tendenziell überschätzen und darum ihren Aufwand für die Schule möglichst gering halten. Bei den Mädchen sei es umgekehrt, was sich positiv auf ihre Leistungen auswirke.

Anderseits stellt Alder «erstaunt» fest, dass mit fortschreitender akademischer Karriere die Dominanz des weiblichen Geschlechts abnimmt. Sowohl in den Lehrkörpern als auch bei den Studierenden gibt es mehr Männer, je höher die Ausbildungsstufe ist.

In Ihrem Beitrag «Männerwelt versus Mädchenschule» schwingt eine Anklage gegen die Männerwelt mit. Haben Sie das beabsichtigt?
Nein, habe ich nicht. Mein Artikel ist nicht anklagend, sondern richtigstellend gemeint.

Was wollen Sie richtigstellen?
In der Volksschule und in den Gymnasien sind die Mädchen zwar erfolgreicher. Aber an den Hochschulen und im Berufsleben sind es die Männer.

Also doch ein bisschen Anklage an die Männerwelt?
Nein. Allerdings haben einige Schüler den Text so wahrgenommen. Sie meinten, ich wolle sagen, dass Mädchen besser für die Schule geeignet seien. Dies war nie meine Absicht. Ich habe einen Überblick über die Forschung gegeben – da schneiden Mädchen zahlen- und notenmässig besser ab.

Sind Mädchen denn intelligenter?
Ich gehe davon aus, dass die Intelligenz gleichmässig verteilt ist. Kürzlich habe ich jedoch einen Artikel über Hochbegabte in Mathematik gelesen. Das Knaben-Mädchen-Verhältnis unter den absolut Intelligentesten lag in den 80er-Jahren bei 13:1 zugunsten der Knaben. Es verringerte sich in den 90ern auf 4:1 und ist seither etwa konstant.

Warum sind Knaben im frühen Alter in Sonderklassen in der Mehrzahl?
Ich kann dazu nur mutmassen. Mädchen scheinen Regeln besser akzeptieren zu können und möchten nicht aus der Reihe tanzen.

Sind Knaben auch am Gymi schwieriger zu führen?
Das würde ich nicht so pauschal sagen. Es zeigt sich aber, dass Knaben auch bei uns zu mehr Unruhe neigen. Vielen Mädchen fällt strukturiertes Lernen leichter: sich hinsetzen, analysieren, lernen und anwenden – etwa beim Erlernen einer Fremdsprache.

Unterrichten Sie lieber Mädchen?
Das Geschlecht steht bei mir im Hintergrund. Aber es gibt Lehrpersonen bei uns, die trennen ihre Klassen nach Geschlechtern und machen damit gute Erfahrungen. Ich habe das noch nie ausprobiert. Ich finde, wir haben die Zeit der Geschlechtertrennung überwunden, aber vielleicht liege ich da falsch. Es könnte ein Ansatz sein, ab und zu auch geschlechtergetrennt zu unterrichten.

Remo Largo sagt, dass Knaben in der Schule benachteiligt sind.
Womöglich sind die Schulen heute zu sprachlastig, da stimme ich ihm zu. Aber generell glaube ich nicht an eine Benachteiligung der Knaben und bin keine Freundin dieser Diskussion. Ich möchte darauf hinweisen, dass es den Mädchen in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, auf allen Schulstufen erfolgreich zu sein, und dies ohne spezielle Förderung und Anpassung des Schulstoffs oder der Lernmethoden und trotz vorwiegend männlicher Lehrpersonen. Dass wir uns heute im Gymi überlegen, ob unsere Aufgaben, unsere Literaturauswahl oder Aufsatzthemen beide Geschlechter ansprechen, finde ich aber gut. Das ist eine positive Folge der Gender-Diskussion.

Die Rektorate in den Zürcher Mittelschulen sind zu 75 Prozent von Männern besetzt. Wie fühlen Sie sich in dieser Männerwelt?
Mich interessiert nicht primär das Geschlecht, sondern der Mensch.

Es spielt also keine Rolle, ob eine Frau oder ein Mann ein Gymi führt?
Für mich nicht, aber vielleicht für die Lehrerschaft, die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern. Die einen finden: Super, eine Frau! Was ich davon halten soll, weiss ich nicht recht. Einerseits freue ich mich darüber, anderseits ist Frausein ja noch keine Leistung. Die Vorbildfunktion ist jedoch wichtig. Dank den fünf Rektorinnen im Kanton Zürich sieht man, dass Frauen auch an Schulen Führungspositionen innehaben können. Wenn ich zur Überwindung der stereotypen Geschlechterbilder beitragen kann, freut mich das besonders. Selber erlebe ich häufig, dass es diese Bilder noch gibt. Wenn ich etwa mit einem meiner Prorektoren unterwegs bin, wird automatisch angenommen, dass er der Chef sei.

Wie ist das für Sie?
Es nervt.

Mussten Sie mehr leisten, um Ihren Job zu bekommen, als ein Mann?
Ich glaube Nein. Um einen Rektorenjob zu bekommen, muss man – egal, ob Frau oder Mann – etwas vorweisen und zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Also war es Zufall, dass Sie Rektorin geworden sind?
Ich hatte mich als Lehrerin für Schulleitungsaufgaben interessiert und Gelegenheit gehabt, vor meiner Wahl zur Rektorin verschiedene Male ein Schulleitungsmitglied zu vertreten. So konnte ich beweisen, dass ich für diese Führungsposition geeignet bin.

Warum gibt es nur 5 Rektorinnen in den 20 Zürcher Mittelschulen?
Wenn man auch mit Teilpensen Rektorin werden dürfte, gäbe es möglicherweise mehr Frauen. Doch die Bildungsdirektion lehnt dies kategorisch ab. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2013, 07:26 Uhr

Ursula Alder (41)
Wurde 2010 zur ersten Rektorin des 1833 gegründeten Realgymnasiums Rämibühl gewählt. Sie ist eine von fünf Gymirektorinnen im Kanton Zürich.

Mädchenschule Gymnasium

1820 Mädchen haben diesen Frühling die Aufnahmeprüfung an ein Zürcher Gymnasium bestanden. Die Knaben waren weniger erfolgreich. Von ihnen haben es nur 1480 geschafft.

Gymnasien bleiben im Kanton Zürich auch nach den jüngsten Aufnahmeprüfungen überwiegend Mädchenschulen. Von den 3300 Jugendlichen, die den Sprung ans Gymi geschafft haben, sind 56 Prozent Mädchen. Diese Quote entspricht in etwa jener der Vorjahre. Die Mädchen sind aber an den Gymis nicht nur in der Überzahl, sie sind an den Prüfungen auch erfolgreicher.

Bei den Langgymnasien, die an die 6. Klasse anschliessen, waren dieses Jahr von den angemeldeten Mädchen 57 Prozent erfolgreich, bei den Knaben nur 54 Prozent. Bei den Kurz-Gymis, in welche die Jugendlichen nach der 2. oder 3. Sekundarschule übertreten, lag die Erfolgsquote bei den Mädchen bei knapp 48 Prozent bei den Knaben nur gerade bei 40 Prozent.

Knaben bevorzugen die Lehre

Dieses Ungleichgewicht der Geschlechter gibt es an den Gymnasien seit Jahren. Es war auch schon umgekehrt. In den 70er-Jahren waren die Knaben in der Überzahl, in den 80er-Jahren holten die Mädchen langsam auf und in den 90ern kippte das Verhältnis der Geschlechter. Dies ist einerseits darauf zurückzuführen, dass immer mehr Mädchen nach Berufen zu streben begannen, die höhere schulische Anforderungen stellten.

Andererseits erlebten auch die Lehre und die Berufsbildung einen Aufschwung. Es gab eine Berufsmaturität, es wurden Fachhochschulen gegründet. Dieser Bildungsweg mit praktischer Lehre, Lehrlingslohn und mit gleichzeitigem Zugang zu den Hochschulen spricht die Knaben bis heute mehr an. Ihr Anteil unter den Berufsmaturanden beträgt über 57 Prozent.

Für Marc Kummer, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes, ist der hohe Mädchenanteil in den Gymnasien kein Grund, in Panik zu verfallen, aber «Wir müssen das im Auge behalten». Seit an der Volksschule zwei Fremdsprachen unterrichtet würden, sei die Schule generell sprachlastiger geworden, was tendenziell eher die Mädchen bevorteile. Derzeit berät der Bildungsrat darüber, wie man an den Mittelschulen die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer aufwerten könnte. Es gehe dabei nicht nur um Knabenförderung. Man wolle auch der grossen Nachfrage nach Naturwissenschaftlern gerecht werden.

Unterschiede in den Schulen

Auch wenn Mädchen an den Gymis in der Mehrheit sind – sie sind es nicht an allen Schulen. In den Kantonsschulen Büelrain in Winterthur und an der Kantonsschule in Bülach gibt es etwas mehr Knaben. Im Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium Rämibühl liegt der Knabenanteil gar bei über 60 Prozent – allerdings mit sinkender Tendenz.

An den anderen zwei Rämibühl-Gymnasien gibt es zwar mehr Mädchen, aber ihr Anteil ist vergleichsweise tief. Grund: An den Zürichberggymnasien Rämibühl waren bis 1975 nur Knaben zugelassen. Anders an den Kantonsschulen Stadelhofen und Hohe Promenade. Dort gibt es überdurchschnittlich viele Mädchen. Die Hohe Promenade war einst eine Töchterschule und Stadelhofen ein Lehrerseminar. Diese «weibliche» Tradition hat sich bis heute erhalten – vor allem in Stadelhofen, das noch heute viel Gewicht auf die musischen Fächer legt. (sch)

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