«Männerversteherin» gesucht – für 2500 Franken im Monat

Eine deutsche Firma sucht Modeberaterinnen in Zürich, die zu Dumpinglöhnen arbeiten. Das legale Vorgehen zeigt Missstände auf.

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Der Mann scheut den Kleiderkauf wie der Teufel das Weihwasser. Diese Meinung vertritt das deutsche Unternehmen Outfittery: «Wir befreien die Männerwelt von der Qual des Shoppings», heisst es auf der Firmen-Website. Die Geschäftsidee: Eine «Taskforce von Männerverstehern» berät die «Shoppingmuffel» telefonisch, wie sie sich zu kleiden haben. Die «Versteher» sind vorwiegend Versteherinnen, junge Frauen also, die sich auf Facebook mit Kunden anfreunden. Sie lassen sich Porträtbilder senden und bieten eine kostenlose Beratung. Tage später trifft eine Kleiderauswahl per Post beim Kunden ein.

Das Konzept kommt an. Seit der Gründung durch die beiden ehemaligen BWL-Studentinnen Anna Alex und Julia Bösch im Jahr 2012 ist Outfittery zu Europas erfolgreichstem Personal Shopping Service angewachsen. Die Firma liefert ihre Produkte in acht Länder – auch in die Schweiz. Das Unternehmen beschäftigt rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und lockt Investoren aus der ganzen Welt an.

Nun möchte das Unternehmen «noch näher an seine Schweizer Kundschaft ranrücken», sagt Dominic Gaspary, Outfittery-Länderchef von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zurzeit gebe es «konkrete Überlegungen», eine Zweigstelle im Raum Zürich zu eröffnen.

«Luft, Liebe» und wenig Lohn

Aktuell sucht Outfittery Modeberater, die des Schweizerdeutschen mächtig sind. Weitere Voraussetzungen: eine Ausbildung im Einzelhandel, gute Webkenntnisse und «ein bedingungsloses Verlangen, jeden Mann gut aussehen zu lassen». Im Gegenzug bietet die Firma eine «revolutionäre neue Art der Kundenberatung» sowie «Luft, Liebe, Leben und Arbeiten in der Start-up-Welt».

Weniger hochtrabend ist hingegen das Lohnangebot: Für eine 100-Prozent-Stelle bietet das Unternehmen ein Grundgehalt von 2500 Franken. «Ich war geschockt, als mir dieser Lohn unterbreitet wurde», sagt Nina Meier*. Sie arbeitet seit Jahren in der Modebranche und hat sich auf die Stelle beworben. Sie sagt, den Bewerbern wurde der 1. Mai als spätester Arbeitsbeginn genannt.

«Auch die Provisionen sind lächerlich», sagt Meier. Das Lohnangebot, das dem TA vorliegt, sieht einen Zusatz von 0,5 Prozent vor, falls die Verkäuferinnen einen monatlichen Umsatz von 60'000 Franken erreichen – das entspricht 300 Franken. Zudem ist die Rede von einem zusätzlichen Provisionsprozent, wenn verschiedene Vertragsziele erreicht würden. «Ich war nicht die Einzige, der dieses Angebot unterbreitet wurde», sagt Meier. Die Modeberaterinnen arbeiten fünf Tage die Woche auf einer Basis von 40 Stunden. In «absoluten Ausnahmefällen» könne ein sechster Tag anfallen. Dieser würde aber «umgehend kompensiert», sagt Outfittery-Sprecher Gaspary.

Ein Paket für jeden Typ: Der deutsche Onlineversand bietet individuelle Stilberatungen an. Foto: PD

Für die Gewerkschaft Unia ist das ein klarer Fall von Lohndumping. «Wer in der Schweiz Leute anstellt, muss auch Schweizer Löhne bezahlen», sagt die Detailhandelsverantwortliche Natalie Imboden. Die Modebranche sei diesbezüglich schon immer ein Sorgenkind gewesen. Im Zuge der gescheiterten Mindestlohninitiative habe sich jedoch einiges zum Besseren gewendet. Der Gewerkschaft sei es gelungen, sich mit grossen Detailhändlern wie Coop oder Migros auf «existenzsichernde Löhne» zu einigen. «Das Vorgehen von Unternehmen wie Outfittery gefährdet die positive Entwicklung», sagt Imboden. Grundsätzlich würden alle Firmen, die hierzulande operieren, dem Schweizer Gesetz unterstehen. Nur: Für Löhne im Detailhandel gibt es keine Untergrenze – ein Gesamtarbeitsvertrag (GAV) wie in anderen Branchen existiert nicht. «Es braucht dringend einen GAV für alle Mitarbeitenden im Onlinehandel», sagt Imboden.

Wie tief das Lohnangebot von Outfittery ist, zeigt der Vergleich mit anderen Anbietern. Sämtliche Kleiderverkäufer, die der TA anfragte, bieten deutlich höhere Löhne. Bei Coop, Manor oder Chicorée variiert das Einstiegsgehalt für Modeberater zwischen 3850 und 4250 Franken – je nach Alter und Ausbildung. Gemäss Gewerkschafter Imboden kommt es immer wieder zu Problemen mit Online-Handelsfirmen. In Deutschland hätten sich in der Vergangenheit gravierende Arbeitsrechtsverletzungen ereignet – etwa bei Zalando oder Amazon. «Drängen die Firmen auf den Schweizer Markt, muss ihnen klargemacht werden, dass sie die Arbeitsbedingungen nicht à la carte wählen dürfen», sagt Imboden. Schon bei Lidl und Aldi habe es zu Beginn Schwierigkeiten gegeben. Nun hätten sie sich den hiesigen Bedingungen angepasst.

Outfittery weist Vorwurf zurück

Outfittery will den Vorwurf des Lohndumpings nicht gelten lassen: «Wir bieten unseren Stylisten ein Grundgehalt, das sich in der Regel an den Löhnen im Einzelhandel orientiert», sagt Sprecher Gaspary. Derzeit seien noch keine Verträge mit Arbeiterinnen in der Schweiz unterzeichnet worden. «Es gab lediglich erste Gespräche.» Das Lohnangebot, das dem TA vorliegt, sei bloss als Einstieg in Lohnverhandlungen anzusehen. Diesen Eindruck teilt Bewerberin Meier nicht: «Es war klar, dass das Fixgehalt nicht zur Debatte stand.»

Outfittery verweist auf die leistungsorientierte Vergütung, die von den Mitarbeiterinnen sehr geschätzt werde. «In Deutschland bezahlen wir Löhne, die für die Branche überdurchschnittlich sind», sagt Gaspary. Das Ziel von Outfittery sei es, die besten Stylisten zu rekrutieren und angemessen zu vergüten. In der Schweiz dürften sie dieses Ziel unter den aktuellen Konditionen kaum erreichen.

In der Branche ist die Firma trotz fragwürdiger Arbeitsbedingungen gefragt. Gaspary hätte vergangenen Donnerstag in Zürich beim Textile & Fashion Forum referieren sollen. Der Auftritt wurde jedoch kurzfristig abgesagt. Vortragsthema: «Handel 2.0 – Herausforderungen und Zukunftsszenarien für den Handel». Um faire Löhne wäre es dabei nicht gegangen.

*Name geändert (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.03.2016, 06:36 Uhr)

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