Zürich

«Man hat an meinem Stuhl gesägt»

Von Stefan Häne und Ruedi Baumann. Aktualisiert am 09.05.2011 25 Kommentare

Der abgewählte Regierungsrat Hans Hollenstein (CVP) sieht sich als Opfer einer politischen Intrige der Grünen und der Wirtschaft. Was der 62-Jährige in Zukunft machen will, weiss er noch nicht.

«Ihre Zeitung hat mir vorgeworfen, harmoniesüchtig zu sein. Das stimmt einfach nicht!»: Hans Hollenstein.

«Ihre Zeitung hat mir vorgeworfen, harmoniesüchtig zu sein. Das stimmt einfach nicht!»: Hans Hollenstein.
Bild: Keystone

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Hans Hollenstein

Abgewählter Regierungsrat

Hans Hollenstein (CVP) schaffte am 3. April die Wiederwahl nicht – ein fast schon historisches Ereignis. Das letzte Mal geschah dies 1963, als Baudirektor Paul Ulrich Meierhans (SP) seinen Sitz den erstmals antretenden Christlichsozialen abtreten musste. Hollenstein wurde 2005 in die Regierung gewählt, in der er zuerst der Finanzdirektion (bis 2007) und danach der Sicherheitsdirektion vorstand. Zwischen 1990 und 2005 politisierte er als vollamtlicher Stadtrat in Winterthur. Hollenstein absolvierte eine kaufmännische Berufslehre in Winterthur und studierte auf dem zweiten Bildungsweg Wirtschaftswissenschaften. Er lebt in Winterthur. (sth)

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Herr Hollenstein, wir wollen in Ihrem letzten Interview als Regierungsrat mehr über Sie als Menschen erfahren. Einverstanden?
Sie haben Ihre Meinung über mich ja ohnehin schon gemacht.

Meinungen können sich ändern. Haben Sie sich im Wahlkampf unfair behandelt gefühlt?
Diesen Eindruck hat jeder Politiker wohl schnell einmal. Unter anderem Ihre Zeitung hat mir vorgeworfen, harmoniesüchtig zu sein. Das stimmt einfach nicht! Ich pflege eine intensive Streit- und Fehlerkultur mit dem Ziel, den Konsens zu finden. Dies ist mir in meiner Direktion und als Regierungspräsident sehr gut gelungen. Der Davoser Meistertrainer Arno Del Curto hat – übrigens in Ihrer Zeitung – jüngst gesagt, Harmonie sei das Wichtigste. Ohne sie bringe man nichts zustande.

Kennen Sie ihn persönlich?
Nein. Aber die Politik kann vom Sport generell lernen, nämlich die Kunst, unter extremen Bedingungen zu arbeiten und gleichwohl Spitzenresultate zu liefern, wie etwa Simon Ammann.

«Wenn wir Ziele nicht erreichen, liegt das Problem oft schon bei der Zielsetzung.» Kennen Sie diesen Satz?
Stammt er von mir?

Ja, von Ihrer Website. Sie haben Ihr Ziel, die Wiederwahl, nicht erreicht. Lag das Problem bei der Zielsetzung?
Nein. Ich wollte unbedingt wiedergewählt werden.

Lag es an Ihnen selber?
Mehrere Faktoren waren entscheidend. Der Japan-Effekt hat den rot-grünen Block mobilisiert, SVP und FDP haben stärker als 2007 für sich selber geschaut. Zwischen diesen beiden Blöcken bin ich vergessen gegangen. Die beiden Isopublic-Umfragen haben mir schliesslich eine sichere Wiederwahl vorausgesagt.

Sind Sie Opfer einer politischen Intrige geworden?
Man hat die Missstände im Migrationsamt just am Tag meiner Ernennung zum Regierungspräsidenten den Medien gesteckt und die Thematik auch noch am Köcheln gehalten, als ich einen externen Untersuchungsbericht zur Abklärung der Porno- und Schlampereivorwürfe in Auftrag gegeben hatte.

Wer war das?
Ich nenne keine Namen. Widerstand gegen mich kam von der Grünen Partei. Aber auch von einzelnen bürgerlichen Politikern. Dazu kommt das Forum Zürich: Dieser Dachverband der Zürcher Wirtschaft hat mir noch im Dezember 2010 zugesichert, Teil seiner Kampagne für einen starken Wirtschaftskanton Zürich zu sein. Im Januar wurde ich rausgeworfen, nachdem mir der kantonale Gewerbeverband die Unterstützung versagt hatte, weil die von mir geplante Reform der Motorfahrzeugsteuer zu ökologisch sei. Dabei habe ich nur ein Postulat der FDP erfüllt.

Politik als schmutziges Geschäft?
Man hat an meinem Stuhl gesägt.

Sie gehören der CVP an. Ist das «C» zum Handicap geworden?
Nein. Ich habe als Vertreter einer kleinen Partei als Winterthurer Stadtrat stets glänzende Wahlresultate erzielt. 2005 habe ich mich bei der Ersatzwahl für Christian Huber unter anderem gegen SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi durchgesetzt. 2007 habe ich die Wiederwahl mit dem zweitbesten Ergebnis geschafft, weil ich auch von links und rechts viele Stimmen erhalten habe.

Machen Sie Ihrer Partei Vorwürfe?
Nein. Tatsache ist aber: Meine Partei hat am 3. April ein Drittel ihrer Wählerstärke eingebüsst. Meine Hausmacht ist also geschrumpft. Trotzdem habe ich mehr als 118'000 Stimmen geholt. Zur Wiederwahl haben mir rund 2400 Stimmen gefehlt. So besehen, habe ich ein gutes Ergebnis erzielt.

Was muss die Partei tun, um Erfolg zu haben?
Es ist nicht an mir, öffentlich Ratschläge zu erteilen. Die Strategieplanung obliegt der Führung der CVP Schweiz. Ich bin nicht Christoph Darbellay.

Nicht Ihre Aufgabe oder Ihre Art?
Mit meinem Charakter hat das nichts zu tun. Ich habe als Exekutivpolitiker Führungsstärke beweisen müssen – und dies während mehr als 20 Jahren getan.

Gehört das «C» weiterhin in den Namen? Philipp Kutter, ihr Parteikollege, stellt zur Diskussion, die Partei umzutaufen auf LSP: Liberal-soziale Partei.
Ich persönlich würde beim «C» bleiben. Das ist ein Label, mit der sich die CVP in der Mitte gut positionieren kann. Die Familienpolitik würde ich künftig noch stärker ins Zentrum stellen.

Sie zählen viele externe Ursachen für Ihre Abwahl auf. Haben Sie selber keine Fehler gemacht?
Natürlich frage ich mich, was ich hätte besser oder anders machen können. In meiner Direktion arbeiten 4500 Leute.Da passieren jeden Tag Fehler. Ohne selbstkritische Analyse liesse sich ein so grosser und lebendiger Laden wie die Sicherheitsdirektion nicht führen.

Das tönt ein wenig vage.
Sie wollen nun hören, welch grossen Fehler ich gemacht habe.

Wir möchten eine ehrliche Antwort.
Ich bin sehr selbstkritisch, sehe aber keine entscheidenden Eigenfehler, die mich die Wiederwahl gekostet haben. Unterschätzt habe ich, wie viel Zeit das Parlament für seine Beratungen braucht. Gerächt hat sich dies beim Gesetz über die Familienzulagen, dessen Verzögerung mich ins Gerede gebracht hat.

Was ist mit dem Migrationsamt?
Ich hätte die gesamte Reorganisation des Amts wohl besser bereits vor drei Jahren angepackt – nicht in der zweiten Etappe erst vor einem Jahr. Andere Vorgänge entziehen sich meinem direkten Einfluss. Die Ausländerpolitik ist emotional aufgeladen. Immerhin ist es mir gelungen, mit der Auswechslung von Kaderleuten und der Einführung einer Härtefallkommission das Migrationsamt aus den Schlagzeilen zu bringen. Ich habe es auf einen nachhaltigen Kurs gebracht.

Kehren wir zur Selbstkritik zurück, die ein Pfeiler im Christentum ist. Sie sind Katholik – sind Sie auch ein wahrer Christ?
Ich möchte jetzt nicht über meine Ethik sprechen. Das ist nicht das Thema.

Sie sitzen gerne in der Kapelle auf dem Rossberg in Winterthur. Waren Sie nach der Abwahl dort?
Nein. Aber ich besuche regelmässig Gottesdienste. Die Kirche ist ein Kraftort, wo ich zu mir selber finden kann. Ich bin immer mal wieder gerne allein, etwa beim Wandern. Am liebsten, wenn es Bindfäden regnet und weit und breit kein Mensch ist.

Das klingt so, als ob Sie ein Melancholiker wären und nicht die Frohnatur, als die Sie gelten.
Ich bin kein Melancholiker. Ich habe jede Art von Wetter gern. Ganz speziell mag ich den Mai mit seinem Sonnenlicht und den leuchtenden Buchenblättern.

Aus Ihrem Umfeld heisst es, Sie seien in der Woche nach der Abwahl nicht mehr sich selbst gewesen.
Das stimmt so nicht. Klar, die Niederlage macht mir zu schaffen, sie zu verdauen, braucht eine gewisse Zeit. Aber ich habe am Tag der Wahlniederlage Haltung bewahrt, und bewahre sie bis zum letzten Tag im Amt. Ich erhalte Komplimente für die Art, wie ich die Direktion nun weitergeführt und als Regierungspräsident Zürich weiter repräsentiert habe.

Aber wie tief sitzt der Stachel der Niederlage?
(Energisch) Sind Sie zwei Psychoanalytiker, dass Sie solche Fragen stellen?

Sie sind seit über 20 Jahren Berufspolitiker. Da fragt sich doch, ob ein solcher Schnitt Ihr Selbstverständnis erschüttert.
Ich wäre weiterhin gerne und mit Begeisterung Regierungsrat gewesen. Dass mir weitere vier Jahre verwehrt geblieben sind, gilt es zu akzeptieren.

Regieren heisst nicht zuletzt: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Hat Ihnen das Amt körperlich zugesetzt?
Die Belastung ist gross, speziell als Regierungspräsident. Bei 70-Stunden-Wochen besteht die Gefahr, auszubrennen. Ich habe früher manchmal ganze Nächte durchgearbeitet. Mit dem Resultat, dass ich zu wenig erholt war. Seit einiger Zeit schlafe ich regelmässig etwa sieben Stunden, auch ernähre ich mich gesünder, esse weniger, fahre täglich mit dem Velo an den Bahnhof Winterthur. Während die meisten Regierungsräte im Amt zunehmen, habe ich abgespeckt.

Könnte die Abwahl auch eine Befreiung bedeuten?
Ich denke schon. Nur spüre ich das noch nicht, weil ich noch im Amt bin. Ich werde mir jetzt zuerst Ferien gönnen und überlegen, wie es weitergeht. Sicher werde ich mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen; darauf freue ich mich. Ich bin jetzt 62, fühle mich noch voll im Saft. Ich bin offen für Neues, etwa im sozialen Bereich. Nur ein politisches Amt auf Bundesebene – das schliesse ich jetzt schon aus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2011, 22:36 Uhr

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25 Kommentare

Hans Meier

09.05.2011, 10:05 Uhr
Melden 40 Empfehlung

Von wegen Intrige. Dass er wegen Unfähigkeit nicht mehr gewählt wurde, darauf kommt der Mann wohl nicht. Ich habe selten einen so aalglatten Politiker erlebt. Zu nichts hatte er eine klare Meinung, nie Partei ergreifen, sich überall rausreden um ja nicht anzuecken, die totale Windfahne. Mir sind solche Poliker ein Graus. Nur immer auf die eigene Wiederwahl bedacht. Tja, das Volk hat's durchschaut. Antworten


Edgar Schaad

09.05.2011, 11:08 Uhr
Melden 16 Empfehlung

Herr Hollenstein, suche Sie die Gründe für Ihre Abwahl in Eigenschaften wie Führungsschwäche, Unentschlossenheit, Entscheidungsschwäche, Aussitzen von Problemen, usw. Antworten



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