«Man spart sich Ampeln, verliert hingegen jede Menge Lebenserwartung»

Für Velofahrer in Zürich kann es gefährlich sein. Leserreporter sagen, welche Strecken in der Stadt und dem Kanton für sie einen alltäglichen Horror darstellen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Velowege in Zürich machen Lesern von Tagesanzeiger.ch zu schaffen. Auf den Aufruf von vergangener Woche meldeten sich in den letzten drei Tagen viele, die vor allem auf ihrem täglichen Arbeitsweg durch Zürich so manche Hürde auf sich nehmen müssen. Dabei zeigt sich: Einige machen Umwege, um den gefährlichen Direktweg zu vermeiden, andere wollen schnell vorwärtskommen und setzen sich zahlreichen Gefahren aus. Und eine dritte Gruppe steigt aus Angst gar nicht erst aufs Rad, obwohl sie dies gern tun würde.

Unhaltbar ist für mehrere Leserreporter der Weg zwischen Hardplatz und Bucheggplatz. Einer beschreibt, wie man sich zwar auf die Hardbrücke trauen kann, um möglichst schnell vorwärtszukommen: «Man spart sich Ampeln und Kreuzungen, verliert hingegen jede Menge Nerven und Lebenserwartung.» Autos würden ohne Rücksicht mit 60 Stundenkilometern hupend an einem vorbeibrausen. Wähle man den sichereren Weg über die Velo- und Fussgängerwege, müsse man die Hardbrücke schon in der Hälfte verlassen – und sich davor und danach zwischen Fussgängern durchschlängeln oder wegen Ampeln oder Passanten ständig absteigen.

Bucheggplatz: Zu schnell für die Velos

Beim Bucheggplatz scheinen die Belange der Velofahrer nur wenig berücksichtigt. Die Rosenbergstrasse, wo die Autofahrer gleich schnell unterwegs sind wie auf der Hardbrücke, einmal hinter sich gelassen, steht der Verkehr an einer Ampel: «Da man bergauf mit dem Velo selten mit 50 Stundenkilometern unterwegs ist, kommt es vor, dass man bei eigener Grünphase in die Grünphase der aus der Hofwiesenstrasse kommenden Autos gerät.»

Der Bucheggplatz scheint auch im Kreisel eine Herausforderung für Velofahrer zu sein, wie ein anderer Leserreporter erklärt: «Oft schneiden einem rechtsabbiegende Autos den Weg ab, die nicht realisieren, dass man mit dem Velo nicht nach rechts abbiegen will.»

Das Tram und der Vortritt

Auch die Vortrittsregelung für Trams bei Grünphasen anderer Verkehrsteilnehmer macht es den Velofahrern nicht leicht, unversehrt zu ihrem Ziel zu kommen. Eine Leserin fährt täglich von Thalwil zum Arbeitsplatz beim Bürkliplatz. Sie schreibt, wenn sie auf der Heimfahrt vor der Tramhaltestelle Rentenanstalt in Richtung Mythenquai einbiegen wolle, könne das Tram weiterfahren, wenn der Autoverkehr halten müsse. Autos würden von den Tramführern hier akzeptiert. «Wenn ich aber mit meinem Rad bei Rot anhalte und kein Auto auf der Spur steht, habe ich schon mehrfach Erfahrungen mit erbosten Tramführern gemacht.» Der Veloweg entlang des Sees sei aber – vor allem im Sommer – keine Alternative wegen der vielen Fussgänger.

Natürlich stehen auch die Rämistrasse oder die Situation am Bellevue, über welche Tagesanzeiger.ch schon vielfach berichtete, ebenfalls in der Kritik. Erstaunlicher ist jedoch die Tatsache, dass auch viele neueingerichtete Fahrwege offenbar an den Bedürfnissen der Radfahrer vorbeikonzipiert wurden, oder viele Velowege als zu gefährlich klassiert werden. Beispiel Bullingerstrasse: «Der schicke, einen Meter breite, weisse Streifen in der Mitte der Fahrbahn ist im Alltag eine sinnlose und gefährliche Angelegenheit», erklärt ein Leserreporter. So bringe er Autofahrer dazu, so weit am rechten Rand zu fahren, dass kein Velofahrer mehr durchkomme. Im Berufsverkehr komme es regelmässig zu Beinahekollisionen.

Was der Kanton ändern müsste

Eine Hausbesitzerin an der Mutschellenstrasse gibt an, sie wage sich nicht aufs Velo. Obwohl ihre Wohnstrasse einen durchgehenden Radweg aufweise, dürften Autos dort nach wie vor mit Tempo 50 unterwegs sein. «Täglich beobachte ich, wie Autofahrer angebraust kommen und den Velofahrern bei den Fussgängerinseln auf wenige Zentimeter auffahren oder sogar noch vorbeidrängeln.» Die Leserreporterin spricht von einem «misslungenen Kompromiss zwischen den Interessen aller Verkehrsteilnehmer». Auch die Wehntalerstrasse, die Freiestrasse, die Gutstrasse oder der Weg Albisriederstrasse bis Albisriederplatz machen einigen Velofahrern Angst. Kritisiert werden dort meist fehlende oder so angelegte Velowege, dass man sich dem Autoverkehr schlichtweg ausgeliefert fühlt. Und: «Die Liste liesse sich leider beliebig verlängern.»

Doch auch ausserhalb der städtischen Grenzen – im Hoheitsgebiet der kantonalen Veloplaner – sieht die Situation für viele nicht rosig aus. Ein Leserreporter, der täglich zwischen Boppelsen und Zürich-Affoltern unterwegs ist, kritisiert gleich mehrere Punkte: So seien die Landvelowege zwar vorhanden, allerdings ohne ihnen wirklich Priorität beim Vorwärtskommen beizumessen. Beim Autobahnkreuz Affoltern sei man mehrfach gezwungen, abzusteigen, weil man bei Rotlichtsignalen, die mit einem Knopf bedient werden, halten müsse.

Zudem sei kein Konzept erkennbar, wie man mit Randsteinen beim Veloweg verfahre: «mal versenkt, mal abgeflacht, mal angeschliffen, mal halb versenkt». Auch zuvor müsse man aufpassen: Bei Eingängen zu Gewerbegebieten entlang der Wehntalerstrasse rechne offenbar niemand mit Velofahrern auf dem Radweg. Das lakonische Fazit eines Velofahrers zu den bereitgestellten Radwegen: «Wieso einen einfachen, durchgehenden und geraden Veloweg planen, wenn es auch anders geht?» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.11.2012, 13:56 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

«In Zürich ist viel mehr möglich»

Mikael Colville-Andersen, Velobotschafter aus Kopenhagen, stellt dem Zürcher Radwegnetz ein schlechtes Zeugnis aus. Der Velobeauftragte der Stadt nimmt Stellung zur heftigen Kritik. Mehr...

«Das Velo ist in Zürich ein Schönwetter-Verkehrsmittel»

Die Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wünschen sich dänische Verhältnisse auf Zürichs Strassen. Denn unter der aktuellen Veloführung würden auch die Autofahrer und Fussgänger leiden. Mehr...

«Zürich ist Lichtjahre im Hintertreffen»

Auf einer Stadtrundfahrt schüttelt der Velobotschafter aus Kopenhagen nicht nur den Kopf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Marktplatz

Blogs

Blog Mag Die Wahrheit über Pferde
Nachspielzeit Das beste Fussballmagazin

Die Welt in Bildern

Schirmrevolution: Das Symbol der pro-demokratischen Proteste in Hongkong (24. Oktober 2014).
(Bild: Damir Sagolj) Mehr...