Zürich
«Martin Graf trägt die Verantwortung für die Erkrankung von Gefängnisinsassen»
Interview: Pascal Unternährer. Aktualisiert am 29.11.2012 75 Kommentare
Arud-Chefarzt Philip Bruggmann. (Bild: PD)
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Martin Graf (Grüne) hat in der «NZZ am Sonntag» gesagt, es sei für ihn «absolut undenkbar», dass Gefängnisinsassen saubere Spritzen zum Drogenkonsum abgegeben werden. Wie kommt das bei Ihnen an?
Diese Absolutheit hat mich erschreckt. Das ist ein Rückfall in die 1980er-Jahre, als der Kantonsarzt sehr ähnlich argumentiert hatte. Die Folge waren die prekären Verhältnisse am Platzspitz und später auf dem Letten. Die Drogenkonsumenten steckten einander mit dem Tausch unsauberer Spritzen an. Viele starben an den Folgen der Infektionen, die man damals noch nicht behandeln konnte.
Geschieht das heute in den Zürcher Gefängnissen auch?
Wir sind nicht in Gefängnissen präsent. Aber viele unserer Patienten sind immer wieder mal im Gefängnis. Deshalb kann es fatal sein, wenn die hygienische Kontinuität nicht gegeben ist: saubere Spritzen bei uns, unsaubere im Gefängnis. Ausserhalb der Gefängnisse haben wir in der Schweiz heute eine gute Prävention mit flächendeckender Abgabe von Spritzen. Zum Glück will dies der Bund nun auch in Gefängnissen einführen.
Kennen Sie Fälle von Patienten, die mit Infektionen aus den Gefängnissen kamen?
Wir haben immer wieder Patienten, die sich neu infizieren. Ganz sicher geschieht das auch im Gefängnis. Den Beweis, dass sie sich im Gefängnis angesteckt haben, können wir aber nicht erbringen.
Ist Justizdirektor Graf mit seiner Haltung schuld an der Erkrankung von Gefängnisinsassen?
All jene, die verhindern, dass in Gefängnissen saubere Spritzen abgegeben werden, sind verantwortlich für Infektionen, die man mit der Spritzenabgabe hätte verhindern können. Zum Glück führen die Infektionen heute meist nicht mehr zum Tod. Hepatitis ist heilbar, HIV kann man viel besser behandeln als in den 80er-Jahren.
Wäre es nicht besser, wenn Gefängnisinsassen von den Drogen wegkommen?
Das ist realitätsfern. Harte Drogen werden in den Gefängnissen immer konsumiert werden. Aus gesundheitlicher Sicht geht es darum, dass die Suchtkranken dies auch unter hygienischen Verhältnissen tun können. Jetzt herrschen in den Gefängnissen bedenkliche Verhältnisse.
Gibt es Gefängnisse, die Spritzen abgeben?
Meines Wissens im Kanton Zürich nicht. In der Schweiz gibt es ein paar. So hat das Berner Hindelbank-Gefängnis sehr gute Erfahrungen damit gemacht.
Können die Spritzen nicht als Waffen gegen das Wachpersonal oder andere Insassen eingesetzt werden?
Ich habe keine Kenntnis von Zwischenfällen. Die Insassinnen und Insassen wissen, dass sie das System gefährden, wenn sie die Spritzen missbrauchen. Dies gereichte ihnen zum Nachteil.
Martin Graf befürchtet, dass eine Spritzenabgabe den Drogenkonsum fördert.
Das ist eine haarsträubende Aussage. Alle wissenschaftlichen Studien widerlegen das.
Könnten nicht Einsteiger zum Drogenkonsum animiert werden, wenn das Gefängnis signalisiert: Hier habt ihr auch noch das Material dazu?
Nach 20 Jahren Spritzenabgabe darf man getrost behaupten, dass dies nicht geschieht. Der intravenöse Konsum von Drogen nimmt ohnehin ständig ab.
Weshalb, denken Sie, sträubt sich Martin Graf gegen die Spritzenabgabe in Gefängnissen?
Ich weiss es nicht. Das Problem ist, dass die Gesundheit in Gefängnissen nicht der Gesundheitsdirektion unterstellt ist, sondern der Justizdirektion. Dort fehlt das Fachwissen.
Philip Bruggmann ist Chefarzt Innere Medizin der Arud (Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen), die es seit 20 Jahren gibt. In den vier Zürcher Zentren für Suchtmedizin werden rund 2300 Drogenabhängige behandelt.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.11.2012, 14:46 Uhr
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75 Kommentare
Grundsätzlich bin ich sehr erstaunt, dass Drogen scheinbar unbemerkt in ein Gefängnis kommen. Für mich erübrigt sich die Diskussion, denn für mich wäre es eine Selbstverständlichkeit den abhängigen Insassen, sowohl die Drogen wie auch das entsprechende Werkzeug kontrolliert, mit dem Ziel "Entzug" abzugeben. Alles andere Fördert die Kriminalität und das wäre ein Paradoxum sondergleichen. Antworten
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