Martullo: Zwischen Intrige, Machtspiel und Dorfposse

Blochers Schwiegersohn Roberto Martullo wird nach dem grössten Erfolg abgesägt. Ob Mörgeli auch zum Intrigantenstadl gehört, ist noch unklar.

Steht Blocher hinter der Intrige? Roberto Martullo in seiner Firma in Zollikon.

Steht Blocher hinter der Intrige? Roberto Martullo in seiner Firma in Zollikon. Bild: Esther Michel

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Nach diesem Rohstoff kann sich jeder Theaterregisseur die Finger lecken: Da sind ein Milliardär und Ex-Bundesrat, seine unzimperliche Tochter, ihr Ehemann mit süditalienischen Wurzeln und nicht ganz lupenreiner Vergangenheit, ein smarter Banker mit politischen Ambitionen, ein abgehalfterter Medizinhistoriker und in der Nebenrolle der Moderator des Lokal-TV. Einzige Knacknuss des Regisseurs ist die Schlussszene. Denn noch gehts nur darum, ob der Schwiegersohn Präsident der lokalen Partei bleiben darf.

Die Rollenverteilung: Christoph Blocher, Tochter Magdalena, Ehemann Roberto Martullo, Banker Thomas Matter, Nationalrat Christoph Mörgeli und Lokal-TV-Legende Markus Gilli. Ob Mörgeli seine Rolle bekommt, ist noch unklar, solange nicht bewiesen ist, dass er auch zum Intrigantenstadl gehört.

Nach den Medienberichten gehen die Vorschläge der Zuschauer in den Internetforen auseinander. Erste Version: Nach dem Sieg Martullos zugunsten der Abzockerinitiative gegen Blocher und Matter schlägt die Bankenlobby mit einer fiesen Intrige zurück, um Martullo abzusägen, bevor er noch steiler rauskommt. Detailfragen sind: Steht Blocher hinter der Intrige, oder duldet er sie bloss? Und: Gehts bloss um die Abzockerinitiative, oder will man Martullo loswerden, bevor neben seinen Konkursen noch andere Jugendsünden ans Tageslicht kommen? Der Schock, dass Blocher & Co. einen Bruno Zuppiger praktisch ungeprüft zum Bundesratskandidaten gekürt haben, sitzt noch tief.

Der Ciriaco Sforza der Politik

Zweite Version: Martullo ist zwar ein durchaus sympathischer und umgänglicher Typ, aber nicht der einfachste – er ist quasi der Ciriaco Sforza der Politik, den sein Clubpräsident einmal als «Stinkstiefel» bezeichnet hatte. Sforza wie Martullo stammen beide aus Wohlen AG. Letzterer möchte mehr sein als bloss Schwiegersohn und Hausmann und wendet sich mit viel Elan der Politik zu. Doch sein süditalienisches Temperament, der Anschauungsunterricht zu Hause und sein Drang nach Unabhängigkeit ergeben eine explosive Mischung. Martullo kann arrivierte Politiker ganz schön zusammenstauchen. Und er hat mit einigen erfrischenden, aber nicht sehr diplomatischen Aktionen einen Teil der Partei gegen sich aufgebracht. Dafür muss er nun büssen.

Die dritte Version, von den Protagonisten als einzig wahre bezeichnet, ist über den Dorfrand hinaus nicht relevant: Wie gut führt Martullo die SVP-Ortssektion Meilen? Ortsparteien gibts im Kanton etwa 500. Und bei 499 kümmert es niemanden, wer gerade Präsident ist.

Eine Analyse etlicher Gespräche, von Vorwürfen, Behauptungen und eigenen Beobachtungen ergibt: Das ganze Theater ist – noch – nicht viel mehr als eine harmlose Dorfposse. Ohne Schwiegervater Blocher, die Abzockerdebatte und den feurigen Hauptdarsteller würde es diese Geschichte nicht einmal im Lokalblättchen in die Schlagzeilen schaffen.

Ein Beweis für die These, dass die angebliche Intrige höchstens handgestrickt ist: Martullo behauptet, dass TeleZüri-Moderator Gilli vor der Sendung anonyme Unterlagen zu seinen Konkursen Anfang der Neunzigerjahre erhalten habe. Damit habe man ihn gezielt als Winkelried gegen die Abzocker schwächen wollen. Gilli dementiert energisch, ein Couvert erhalten zu haben, und erklärt, dass jeder Journalismuspraktikant die Pleiten Martullos und seine verzögerte Einbürgerung innert zwanzig Sekunden aus der Mediendatenbank fischt.

Auch Dutti ging in Konkurs

Das stimmt zwar: Der «Blick» hatte 2006 darüber berichtet. Da leidet Martullo etwas unter Verfolgungswahn. Gilli wiederum wurde garantiert mit Informationen versorgt. Banker Thomas Matter betont, in die aktuelle Diskussion nicht involviert zu sein. Er bestätigt aber, zu einer Gruppe in Meilen zu gehören, die Martullo als Präsidenten schon seit einem halben Jahr als untragbar erachtet.

Der Schluss dieses Theaterstücks kann noch spannend werden. Martullo gewann mit seinem beherzten Votum gegen die Abzocker die Mehrheit der Zürcher SVP. Und sein Geständnis, vor 20 Jahren Konkurs angemeldet, aber alle Schulden zurückbezahlt zu haben, bescherte ihm viel Zuspruch. In Zuschriften wurde er gar in eine Reihe mit Gottlieb Duttweiler und Otto Ineichen gestellt, die auch schon pleitegingen. Bei den nächsten Nationalratswahlen wird sich auch weisen, ob Thomas Matters Kampf gegen die Abzockerinitiative und für das Bankgeheimnis seine Politkarriere tatsächlich befeuert hat. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.01.2013, 07:43 Uhr)

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