Merz-Operation ist Werbung für Berner Herzchirurgie - Zürich hat das Nachsehen

Bundesrat Merz ist in Bern am Herzen operiert worden – und nicht im näher gelegenen Zürich. Auch wenn private Gründe den Ausschlag gaben, schmerzt der Entscheid die Zürcher Uni-Klinik.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Thierry Carrel, der Bundesrat Merz in Bern operiert hat, ist nicht nur ein ausgezeichneter Chirurg, sondern auch ein Meister der psychologischen Kriegsführung. Im Juni sagte er gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «Ich möchte keinem Patienten empfehlen müssen, sich in einer Herzklinik behandeln zu lassen, die von einem Lungenchirurgen geführt wird.» Carrel spielte auf die Zürcher Konkurrenz an, die soeben Michele Genoni als Direktor der Uni-Klinik für Herz- und Gefässchirurgie fallen gelassen und die interimistische Leitung dem Lungenchirurgen Walter Weder übertragen hatte. Wenn man sich einer Herzoperation unterziehen muss, so Carrels Botschaft, sollte man das im eigenen Interesse besser im professionell geleiteten Inselspital tun als in der Zürcher Uni-Klinik.

Derselbe Carrel sagte heute vor den Medien, er «hoffe doch sehr, dass Bundesrat Merz nun nicht zum Objekt der teils mühseligen Diskussion» um die medizinische Vormachtstellung zwischen den Herzzentren in Bern und Zürich werde. Mit feinem Gespür für die nun angesagte Zurückhaltung beklagte Carrel die Diskussion, die er selber gerne anheizt.

Bern ist zweiter Lebensmittelpunkt von Merz

Der Entscheid, Bundesrat Merz bei Carrel in Bern operieren zu lassen, basierte offenbar nicht primär auf medizinischen Gründen. Laut dem zuständigen St. Galler Chefarzt lag er allein bei der Familie. Deren Wahl sei nicht zuletzt deshalb auf die Bundeshauptstadt gefallen, weil sie dort ihren zweiten Lebensmittelpunkt habe.

Fakt ist sodann, dass eine Bypass-Operation, wie sie Merz benötigte, auch am Zürcher Uni-Spital oder am Stadtspital Triemli hätte vorgenommen werden können. Im Jahr 2006 habe man allein im Triemli 150 Bypass-Operationen durchgeführt, sagt Genoni, der wieder dort tätig ist. Im folgenden Jahr seien es 180 gewesen. Im Inselspital waren es in den Vergleichsjahren 695 und 559 Operationen, wie die Presseabteilung verlauten lässt.

Genoni verweist auf die gute Zusammenarbeit mit dem Kantonsspital St. Gallen. Dass auch viele Patienten aus der Ostschweiz nach Zürich kämen, die auf Grund ihrer Versicherung freie Spitalwahl hätten, dokumentiere das herrschende Vertrauen. Im Fall Merz gehe es nicht nur um medizinische Erwägungen. Die Nähe der Familie sei für einen Heilungsprozess wichtig. Da sie in Bern eine Wohnung habe, könne er den Entscheid nachvollziehen.

Auch der Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) signalisiert «Verständnis dafür, dass Herr Merz in Bern operiert wurde», denn dort arbeite und lebe der Magistrat ja die meiste Zeit. Für Heiniger «ist es falsch, aus diesem Fall politisches Kapital zu schlagen». Es gehe auch gar nicht um Spitzenmedizin, denn man habe es hier mit einem Routineeingriff zu tun. Diesen hätte man «auch in Zürich, Basel, Lausanne oder Genf machen können». Daher lasse sich aus dem Fall Merz «weder ein Nachteil für Zürich ableiten noch ein Vorteil für Bern».

Offen bleibt freilich, wie die Familie entschieden hätte, wenn Carrel nicht in Bern operieren würde, sondern in Zürich, wohin er vor drei Jahren als Chefarzt hätte wechseln sollen. Dass sich die Angehörigen für die Operation den besten Schweizer Herzchirurgen wünschten, ist klar. Als solcher wird Carrel von den Medien seit Jahren bezeichnet.

Herzstandort Zürich zahlt hohen Preis

So gesehen wird deutlich, dass der Herzstandort Zürich einen hohen Preis für die Wirrnisse der letzten Jahre zahlt. Der einst herausragende medizinische Ruf der Uni-Klinik hat massiv gelitten.

Den Anfang in der schwarzen Serie markierte der Fall Voser. Im April 2004 starb die prominente TV-Patientin, nachdem ihr das Team des damaligen Chefarztes Marko Turina ein Herz mit der falschen Blutgruppe eingepflanzt hatte. Die Aufarbeitung des auch juristisch umstrittenen Falles lähmte die Klinik für Monate.

Zu einem weiteren Durchhänger kam es, als die damalige Gesundheitsdirektorin Verena Diener (GLP) mit Rücksicht auf andere Kantone und gegen den Willen der Uni-Leitung und der medizinischen Fakultät einwilligte, in Zürich auf Herztransplantationen zu verzichten. Ihre Haltung in dieser Frage bewog Carrel, in Bern zu bleiben. Später stellte sich heraus, dass Dieners Konzession voreilig gewesen war.

Im Sommer 2005 setzten Diener und die Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) – wieder über die Köpfe der Fakultät und der Uni-Spitze hinweg – Michele Genoni als Klinikleiter ein. Mitte dieses Jahres musste er wieder abtreten, zerrieben zwischen Konkurrenten in der eigenen Klinik und Kritikern in der medizinischen Fakultät.

Carrel baute im Inselspital zielstrebig ein Kompetenzzentrum auf und schloss die Herzchirurgie mit jener der Basler Uni-Klink zu einer schlagkräftigen Einheit zusammen. Derweil verlor Zürich im Kampf um die Vormachtstellung der Deutschschweizer Herzzentren wegen der internen Wirren sukzessive an Boden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2008, 01:01 Uhr

TA Marktplatz

Blogs

Von Kopf bis Fuss So sehen Sie nicht alt aus!

Blog Mag Wir müssen reden

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen. Flexibel und jederzeit kündbar
Neu nur CHF 18.- pro Monat

Die Welt in Bildern

Ungewohnte Besetzung: Ein japanisches Alphornquartett nach seinem Auftritt am internationalen Alphornfestival in Nendaz. (23. Juli 2017)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...