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Mit Schlagstöcken und Pfefferspray im Zug unterwegs

Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 21.09.2011 32 Kommentare

SBB und ZVV sind mit dem neuen Sicherheitsdienst in den S-Bahnen zufrieden. Die Kritik der entlassenen Zugchefs verstummt aber nicht.

Unregelmässig eingesetzt: Die bewaffneten Transportpolizisten kontrollieren nicht jede S-Bahn.

Unregelmässig eingesetzt: Die bewaffneten Transportpolizisten kontrollieren nicht jede S-Bahn.
Bild: Keystone

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220 Zugchefs der S-Bahn sind im letzten Jahr entlassen worden, weil ihr Beruf abgeschafft wurde. Neu werden die S-Bahnen in der Nacht durch eine Kombination von bewaffneten Transportpolizisten, Sicherheits-, Kontroll- und Präventionsleuten kontrolliert. Die S-Bahnen werden nicht mehr durchgehend ab 21 Uhr begleitet wie bisher. Die vier neuen Dienste – alle in einheitlich gelben Westen – werden flexibel je nach Sicherheitsbedürfnis eingesetzt. Auf allen Nacht-S-Bahnen dagegen (jeweils erkennbar an der Bezeichnung SN), fahren immer mindestens zwei Sicherheitsleute mit.

Gemäss Mitteilung von SBB und Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) ist die anfänglich umstrittene neue Organisation gut angelaufen. 90 Prozent des erforderlichen Personals würden bis Ende Jahr im Einsatz stehen. Das neue System habe sich im Sommer insbesondere auch an den zahlreichen Event-Wochenenden mit sehr hohen Frequenzen bewährt. Einen Vorteil sehen SBB und ZVV in der höheren Einsatzflexibilität. Auch die Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsorganisation und Kantonspolizei sei stark verbessert worden. Die Sicherheitsdienste sind auch auf Bahnhöfen, an Bushaltestellen und in den Bussen im Einsatz. Publikumsbefragungen zum Sicherheitsempfinden der Kunden werden erst nächstes Jahr vorliegen.

140 Zugchefs bleiben bei SBB

Für 202 der 220 entlassenen Zugchefs konnte bisher eine Lösung gefunden werden. Gemäss ZVV-Sprecherin Beatrice Henes haben 100 die Ausbildung zum SBB-Zugbegleiter in Angriff genommen, 40 haben bei den SBB eine andere Stelle gefunden, und 60 haben sich für eine externe Lösung entschieden. Die Zugchefs hatten im September 2010 vergeblich gegen ihre Entlassung demonstriert und eine Petition mit 3100 Unterschriften eingereicht.

Die Transportpolizisten sind mit Schlagstöcken und Pfefferspray bewaffnet. Ob sie in Zukunft auch Schusswaffen tragen werden, entscheidet der SBB-Verwaltungsrat in den nächsten Wochen. Der Bundesrat hat die Bewaffnung bereits abgesegnet. Die Ticketkontrollen in den Zügen werden ausschliesslich mit mehreren Mitarbeitern durchgeführt – in Zweier- bis Achterteams. In ausgewählten Nächten werden sogar Zugangskontrollen auf den Perrons aufgebaut. Die Ticketkontrollen auf den Nacht-S-Bahnen zeigten erste Erfolge, melden SBB und ZVV: Nachdem 2010 der Verkauf von Nachtzuschlägen rückläufig gewesen sei, seien im ersten Halbjahr 2011 wieder mehr Zuschläge verkauft worden.

Repression fördert Konflikte

Der sinkende Verkaufserlös auf den Nachtzügen war eines der Argumente für den neuen Sicherheitsdienst. Die unbewaffneten Zugchefs getrauten sich kaum mehr, fehlende Nachtzuschläge einzufordern, hiess es. In einem Interview mit der «Wochenzeitung» kritisiert Ex-Zugchef Urs Zbinden das Aufrüsten auf den Zügen mit bewaffneten Sicherheitsleuten und das repressivere Billettsystem – zum Beispiel kein Verkauf mehr im Fernverkehr.

Die Stimmung auf den Nachtzügen sei nicht aggressiver, weil die Gesellschaft schlechter geworden sei, sagt Zbinden, sondern weil es mehr Reibungsfläche gebe. Als Grund für den Rückgang der Erträge auf dem Nachtnetz nennt der Ex-Zugchef eine Verwirrung der Kunden wegen der verschiedenen regionalen Zuschläge. Die Zugchefs hätten häufig beide Augen zugedrückt. Um Konflikte zu vermeiden, müsste man nach Ansicht von Zbinden nicht mit Polizisten aufrüsten, sondern vielmehr den Nachtzuschlag abschaffen.

Kantonsrat fordert 3. Klasse

CVP-Kantonsrat Josef Wiederkehr (Dietikon) hat am Montag eine Anfrage eingereicht, in der er auf der S-Bahn die Einführung einer 3. Klasse mit Stehplätzen anregt. Diese «Holzklasse» könnte auch auf Kosten der 1. Klasse geschaffen werden. Wiederkehr erhofft sich durch diese Lösung eine Kapazitätserhöhung auf besonders stark frequentierten Linien sowie eine Budgetentlastung für Passagiere mit tiefen Einkommen. Er schlägt zudem bessere Durchsagen und Anzeigen der freien Sitzplätze vor, um die Haltezeiten zu verkürzen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.09.2011, 10:44 Uhr

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32 Kommentare

Patrick Meier

21.09.2011, 10:56 Uhr
Melden 36 Empfehlung

Herr Zbinden hat absolut recht. Was ich mal in einem Nachtzug erlebt habe weil der Billetautomat keine 100er Note annahm grenzte an Nötigung. Die SBB verschlechtert dauernd ihren Service und erhöht die Preise. Jetzt noch bewaffnetes Personal. Ganz nach dem Motto: Entweder du hast ein Billet, bezahlst eine Busse oder du wirst niedergeknüppelt. Antworten


Michael Meienhofer

21.09.2011, 10:58 Uhr
Melden 29 Empfehlung

3.Klasse für Kantonsräte und übrige Politiker.Dort wären sie an vorderster Front und könnten Mithelfen, die Agressivität einzelner Zugpassagiere zu analysieren um daraus politische Massnahmen zu treffen. Antworten



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