Miteinander spielen und voneinander lernen

Seit 2004 besuchen Kinder in Elsau die Grundstufe, über die im Kanton Zürich am 25. November abgestimmt wird. Ein Besuch im Schulzimmer mit den vielen Spielecken.

Schulzimer in Elsau: Kathrin Biehler faltet mit den Jüngeren Papier, Franziska Kühnis führt die Älteren in die Welt der Zahlen ein. (Bild: Reto Oeschger)

Schulzimer in Elsau: Kathrin Biehler faltet mit den Jüngeren Papier, Franziska Kühnis führt die Älteren in die Welt der Zahlen ein. (Bild: Reto Oeschger)

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20 Kinder im Alter zwischen vier und sieben Jahren sitzen im Kreis und singen «Tschipfu, tschipfu d’Isebahn chunt». Ein Bub mit einer Lokführermütze macht die Runde und knipst die Billette, die einige Kinder in der Hand halten. Das letzte Tschipfu ist verklungen, und Franziska Kühnis sagt: «Jetzt gehen wir in die Pultecke.» Die Mädchen und Buben aus der 3. Grundstufe folgen ihr und nehmen an einem Schreibtisch Platz. «Wer von euch hat auch Lust, etwas mit Zahlen zu machen?», fragt Kathrin Biehler die verbliebenen Kinder. Ein Mädchen gesellt sich zu den Grösseren. Die anderen dürfen wählen, was sie spielen möchten. Elice geht malen, Ramon bauen, Helen eine Kette basteln.

Müssen oder dürfen?

«Meist interessieren sich zwei, drei Kinder für das, was die Grösseren machen», sagt Kathrin Biehler. Die Kindergärtnerin unterrichtet zusammen mit der Primarlehrerin Franziska Kühnis eine Grundstufenklasse in Elsau. Die sieben Kinder der 3. Grundstufe haben denselben Lehrplan wie Erstklässler und einen fixen Stundenplan. Ist Rechnen oder Deutsch an der Reihe, müssen sie mitmachen. Die Kleineren dürfen. «Das heisst aber nicht, dass wir die Schule verspielen und den Chindsgi verschulen», sagt Kühnis. Im Team entstehe vielmehr Neues.

So erzählt beispielsweise Biehler allen eine Geschichte und hält mitten im Geschehen inne. Die Kinder der 3. Grundstufe versuchen nun aufzuschreiben, was weiter passiert. Die jüngeren Kinder malen ihre Fortsetzung. Bei denjenigen, die sich für Buchstaben interessieren, schreiben die Lehrerinnen etwas zu ihren Zeichnungen und lesen es ihnen vor. Das Mädchen, das mit den Grösseren die Schulbank drückt, hat auch ein Blatt mit Zahlen vor sich, die es abzuschreiben gilt. Es schaut interessiert zu, was sein Sitznachbar macht. Dieser reicht ihm einen Bleistift und flüstert ihm zu, wie es die 6 am besten hinkriegt. Die Hand steif, das Gesicht verkniffen, versucht sich das Mädchen eine Weile an seinen ersten Zahlen. Franziska Kühnis fragt nach, ob es weiterprobieren oder lieber spielen gehen möchte. Das Mädchen steht auf, verlässt das Pult und geht zu Frau Biehler. Ihr teilt es mit, dass es jetzt seinen Papphut bemalen werde.

Die anfängliche Angst der Grundstufen-Lehrpersonen, manche Eltern könnten ihre Kinder pushen, sei unbegründet gewesen, sagt Kühnis. Seit 2004 besuchen in Elsau jährlich rund hundert Kinder die Grundstufe. Bloss eine Handvoll von ihnen hat die Grundstufe seither in nur zwei Jahren durchlaufen. Etwa fünf Kinder pro Jahrgang hängen indes ein 4. Grundstufenjahr an, weil sie nach drei Jahren Grundstufe noch nicht reif sind für die 2. Klasse.

Die Übergänge sind fliessend

Sind Biehler und Kühnis unsicher, ob ein Kind bereit ist, lesen und rechnen zu lernen, lassen sie es nach den Sommerferien probeweise mit der 3. Grundstufe mitlaufen. Ist das Kind tatsächlich überfordert, kann es sich einfach ganz oder teilweise wieder den Jüngeren anschliessen. «So können wir ihm das Gefühl ersparen, nicht zu genügen», sagt Biehler. Das Nebeneinander sei für alle befruchtend: «Die Kinder nehmen en passant viel auf – ohne Leistungsdruck.»

Auch ein schwacher Schüler könne einem jüngeren etwas zeigen, was sein Selbstwertgefühl stärke. «Viele Eltern sorgten sich, weil ihr Kind schon mehr könnte, aber noch nicht darf – oder mehr müsste, aber noch nicht mag», sagt Kühnis. In der Grundstufe finde jedes seinen Platz.

Die Lerneinheit Rechnen ist abgeschlossen, und alle 20 Kinder machen nun das, worauf sie Lust haben. Zwei ältere Mädchen ziehen Cowboyhüte an, reiten auf Besen durch den Raum in die Spielküche. «Du bist der Grossvater, leg du das Baby ins Bett», sagen sie einem kleineren Buben. Ein kleines Mädchen zeigt einem älteren, wie man auf dem Computer Worte schreiben kann. Ein Bub schnappt sich ein Stück Kreide und malt Katzen auf die Wandtafel neben die Zahlen. «Das sind Auto-Katzen. Die sind schneller als normale Katzen.»

«Alle spielen noch gern»

Bald lässt sich nicht mehr sagen, welches Kind wie alt ist. «Alle spielen noch gern», sagt Biehler. Es gibt viel Platz, die Kinder können bauen, weben, Bücher anschauen oder lesen, Schnipp-Schnapp spielen oder Papierflieger falten, Nüsse sortieren, sich verkleiden oder Collagen kleben. Die Mädchen und Buben nutzen den Raum kreativ: Die Wandtafel verwandelt sich in eine Staffelei, an den Pulten wird geknobelt, in der Garderobe werden Papphüte mit Wasserfarben bepinselt. In Elsau bereiten die Platzanforderungen der Grundstufe keine Probleme: Man hat einige Wände im Schulhaus herausgebrochen und so aus Schulzimmern drei Räume für die Grundstufe geschaffen. Weitere Räume entstanden in einem Anbau. In die früheren Kindergartenräume sind nun Hort und Krippe eingezogen.

Lernerfahrungen fürs Leben

Eine Studie zeigt, dass Grundstufenkinder nach zwei Jahren in der Grundstufe mehr Lernfortschritte machen als Kindergärtler. Dieser Vorsprung ist jedoch Ende der 2. Klasse wieder ausgeglichen. «Die positiven Lernerfahrungen, welche die Mädchen und Buben in der Grundstufe machen können, werden sie ihre ganze Schulzeit begleiten», sagt Kühnis. «Nur leider kann das keine Studie belegen.» Zum Schluss sitzen die Kinder wieder im Kreis und singen. Einige dürfen zeigen, was sie heute gebastelt oder gebaut haben. Drei grössere Buben führen ihre U-Boote vor und erklären: «Die können schwimmen, tauchen und fliegen.» Die Kleinen staunen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.11.2012, 14:14 Uhr)

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