Zürich
Montana wird beschuldigt, einen Schüler niedergeschlagen zu haben
Von Stefan Häne. Aktualisiert am 09.09.2010
Die Solidarität mit Juan Montana wächst und wächst, seit Sicherheitsdirektor Hans Hollenstein entschieden hat, den 18-jährigen Kolumbianer ausser Landes zu weisen. Der CVP-Politiker stellte sich gegen die Empfehlung der Härtefallkommission. Er begründete seinen Entscheid damit, dass Montana mehrmals straffällig geworden sei (TA von gestern). Er habe Haschisch konsumiert, Sprayereien begangen und einen Diebstahl verübt.
Mittlerweile fast tausend Mitglieder zählt die Facebook-Gruppe, die sich für Montana einsetzt. Darunter finden sich diverse Linkspolitiker, etwa die Zürcher Stadtratskandidaten Daniel Leupi (Grüne) und Claudia Nielsen (SP). Offen ist, wann genau Montana ausreisen muss.
Die Empörung in Linkskreisen ist gross. Der Verein Sans-papier-Anlaufstelle Zürich sieht Montana als Opfer einer rigiden Ausländerpolitik des Kantons Zürich: Montana sei «bestens integriert», noch jung, er habe daher eine zweite Chance verdient. Mit im Protestboot ist die Bewegung «Bleiberecht für alle», die im peripheren linken Milieu wurzelt und vor gut einem Jahr mit der Besetzung der Predigerkirche für Schlagzeilen sorgte. Auf der Facebook-Seite geisselt sie die «Ungerechtigkeit» und «Willkür» im Fall von Montana und seiner Mutter, die sich jahrelang illegal in der Schweiz aufgehalten hatte und das Land im vergangenen Herbst verlassen musste.
Als Opfer inszeniert sich auch Montana selber, jüngst auf TeleZüri, das wie der TA zum Verlag Tamedia gehört. Unter dem Beitragstitel «Gnadenlos» bezeichnete Montana Hollensteins Entscheid als falsch. Er forderte den Sicherheitsdirektor auf, ihm zuzuhören und «seine ganze Geschichte anzuschauen».
Aggressiv im Bliemli-Chäller
Zu dieser ganzen Geschichte gehört ein bis anhin nicht publizierter Vorfall, der sich vor zwei Wochen im Berner Oberland ereignet hat. Zwischen dem 14. und 20. Februar fand in Mürren ein Skilager einer Zürcher Kantonsschule statt - mit einem bösen Ende. «So etwas habe ich in diesem Ausmass noch nie erlebt, auch nicht nur annähernd», sagt die Lehrerin, Mirta K.*, die über langjährige Erfahrung als Schneesport-Lagerleiterin verfügt. Wie alle vom TA befragten Zeugen will sie anonym bleiben - aus Angst vor Rachefeldzügen.
Lagerleiter und Gymischüler schildern den Vorfall wie folgt: Am letzten Lagerabend, einem Freitag, feierten die rund 50 Gymischülerinnen und -schüler zwischen 17 und 19 Jahren mit dem Leiterteam im Mürrener Lokal Bliemli-Chäller. Der Barkeeper forderte die Gruppe kurz nach 2 Uhr auf, das Lokal zu verlassen. Das Licht ging an, die Jugendlichen blieben noch einige Minuten, sangen ein Lied und tanzten dazu.
Im Lokal anwesend war eine weitere Gruppe von zirka zehn Jugendlichen, der Juan Montana angehört haben soll. Einige von ihnen sprachen mit ausländischem Akzent. Der Kolumbianer war laut den Schülern die rechte Hand des Rädelsführers. Einer der jungen Männer spielte sich auf, als gehörte er zum Sicherheitspersonal des Lokals. Er drohte, den Schülern «die Köpfe einzuschlagen», wenn er in fünf Minuten wieder zurückkehre und sie noch immer im Bliemli-Chäller weilten.
«Die Gruppe verhielt sich zunehmend aggressiv gegenüber uns - grundlos», sagt ein Schüler. Erste Gläser gingen in die Brüche, es kam zu Rempeleien. Dabei wurde ein Lagerleiter gegen einen Töggelikasten gestossen, ein weiterer erhielt einen leichten Schlag.
«Scheiss-Schweizer»
Danach verliess die Gruppe das Lokal, kurz darauf begaben sich auch die Gymischüler und das Leiterteam nach draussen. Dort provozierte die Gang weiter. Sie beschimpfte die Gymischüler als «Scheiss-Schweizer», schnitt ihnen den Weg ab. «Als wir nicht reagierten, fingen sie an, dreinzuschlagen», erzählt eine Schülerin. Ihre Freundin wurde grob gestossen und knallte mit dem Hinterkopf gegen einen Container. Die Folgen: starke Kopfschmerzen und ein Bluterguss am Oberarm.
Ein anderer Schüler erhielt einen Schlag gegen das Kinn - von Montana, wie Augenzeugen sagen. Er fiel hin und klagte danach mehrere Tage über Schmerzen im Kiefer. Andere Schüler, darunter ein fast zwei Meter grosser Kampfsportler, wurden zu Boden gestossen.
Die Situation drohte zu eskalieren. Doch das Leiterteam und die Schüler reagierten besonnen. «Keiner unserer Schüler schlug zurück», sagt Mirta K. Die Gymischüler flüchteten in ihre Unterkunft, die Gang folgte und stiess weitere Drohungen aus: Sie wüssten, wo die Schüler wohnten. Sie kämen vorbei und schlügen alle nieder. Die Leiter verriegelten die Tür. «Wir hatten Angst, dass sie ins Haus eindringen», sagt Mirta K. Die Gymischüler waren schockiert, einige Jungs zitterten, viele Mädchen begannen zu weinen, zwei standen einem Nervenzusammenbruch nahe. Irgendwann in der Nacht zog die Gang ab.
Montana bestreitet Tat
Juan Montana räumt gegenüber dem TA ein, in der besagten Woche ferienhalber in Mürren gewesen zu sein. Er bestreitet aber, jemanden geschlagen zu haben oder überhaupt in den Vorfall verwickelt gewesen zu sein.
Lagerleiterin Mirta K. ist sich aber sicher: «Es war Juan Montana, der einen unserer Schüler niedergeschlagen hat.» Sie habe die Szene aus einem Meter Entfernung beobachtet und Montana am letzten Freitag auf dem im TA publizierten Bild wiedererkannt - wie viele der Gymischüler auch.
Der Vorfall könnte für Montana Konsequenzen haben. Sein Opfer - der verprügelte Junge - überlegt sich, den Kolumbianer anzuzeigen. Lagerleiterin Mirta K. hat den Vorfall der Polizei ebenfalls gemeldet. Zu anderen Anzeigen ist es bislang nicht gekommen.
* Name geändert (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.09.2010, 10:56 Uhr
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