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«Morddrohungen gehören zum Berufsalltag»

Von Werner Schüepp. Aktualisiert am 26.02.2011 5 Kommentare

Hugo Stamm ist einer der populärsten Blogger der Schweiz. Seit fünf Jahren diskutieren TA-Leser in seinem Forum über Gott, Aberglauben und Sekten.

«Für viele ist der Sektenblog eine geistige Heimat geworden»: TA-Autor und Blogger Hugo Stamm.

«Für viele ist der Sektenblog eine geistige Heimat geworden»: TA-Autor und Blogger Hugo Stamm.
Bild: Nicola Pitaro

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Wie wurde der bekannteste Sektenkritiker im Land zum erfolgreichsten Blogger in der Schweiz?
Wie so häufig im Leben spielte der Zufall eine grosse Rolle. Der Blog zu Glaubens- und Sektenfragen war ursprünglich als kurzfristiges Experiment geplant. Auch ich war zu Beginn eher skeptisch, ob ein solches Forum im Internet überhaupt funktionieren würde. Dass er sich dann im Lauf der fünf Jahre zu einem dermassen stark genutzten Diskussionsforum der Tagi-Leser entwickeln würde, damit hat wohl niemand gerechnet.

Weshalb waren Sie zu Beginn skeptisch?
Ich habe am Anfang befürchtet, es komme zu einem grossen Hickhack zwischen den Sektenanhängern und sektenkritischen Leserinnen und Lesern.

Das Hickhack blieb aus. Weshalb?
Zu meinem Erstaunen gab es keine Konfrontation mit Sektenbefürwortern, die haben sich ziemlich schnell abgemeldet. Grosses Echo lösen also nicht Grundlagentexte über Sekten wie Scientology oder Zeugen Jehovas aus, sondern vielmehr Gedankenanstösse zu Christentum und Islam. Da entwickelte der Blog schon nach wenigen Monaten eine Eigendynamik. Es zeigte sich mit der Zeit, dass die eigenen Hoffnungen, Meinungen und Ängste zu religiösen und philosophischen Fragen langfristig brennender sind als Sektenthemen.

Was heisst das konkret?
Die Diskussionsteilnehmer haben in den letzten fünf Jahren rund 155'000 Beiträge geschrieben, von kurzen Statements bis zu seitenlangen Abhandlungen. Pro Tag gehen bei mir gegen 250 Kommentare ein. Ich selber habe 250 sogenannte Impulstexte geschrieben, die als Diskussionsgrundlage und -anstoss dienen. Täglich klicken bis 3000 Personen den Blog an. Es kommt regelmässig zu hitzigen Schlagabtauschen zwischen Gläubigen und Skeptikern.

Bei den Hardlinern . . .
. . . flogen über die Jahre gehörig die Fetzen, da wird mit harten Bandagen gekämpft. Zwar mutierte bisher kein Blog-Teilnehmer vom Saulus zum Paulus, doch entwickelten die Kontrahenten immer wieder Verständnis für die Gegenposition oder diskutieren mit einem gewissen Wohlwollen und mit Fairness. So macht die Diskussion im Blog auch deutlich, dass in Glaubensfragen die Annäherung der radikalen Standpunkte fast unmöglich ist. Denn für Gläubige ist ihr Glaube die absolute Wahrheit, die sich nicht teilen lässt.

Als Journalist erhielten Sie Morddrohungen, mussten körperliche Attacken über sich ergehen lassen und wurden mit Strafanklagen eingedeckt. Hatten Sie keine Angst vor der enormen Breitenwirkung des Internets?
Nein, weil ich neuen Medien gegenüber aufgeschlossen bin. Hinzu kommt, dass Einschüchterungsversuche und Morddrohungen für mich längst zum Berufsalltag gehören, daran ändert auch ein Internetblog nichts.

Sie werden im Blog angegriffen, Ihre religionskritischen Artikel reizen. Oft taucht der Vorwurf auf, Hugo Stamm sei selber zum Sektierer, zu einer Ein-Mann-Sekte geworden. Wie gehen Sie damit um?
Solche Angriffe nehme ich gelassener hin als früher. Natürlich ärgert es mich, weil diese Vorwürfe nicht stimmen. Ich bin kein Guru und verkünde keine Heilsbotschaft, sondern arbeite als Redaktor seit Jahrzehnten aufklärerisch auf diesem Gebiet. Aus psychologischer Sicht ist es nachvollziehbar, dass Sekten mich als Projektionsfläche benutzen: Sie drehen den Spiess um und bezeichnen mich als sektiererisch.

Stichwort Zensur: Welche Kommentare fliegen raus, wie oft greifen Sie ein?
Selten. Als Blogverwalter und -moderator versuche ich, so tolerant wie möglich zu sein. Auch Kommentare, in denen ich heftig angegriffen werde, lasse ich in der Regel stehen. Allerdings lösche ich konsequent Texte, die Gewalt verherrlichen oder andere User massiv beleidigen. Auch rassistische oder ehrverletzende Inhalte haben im Blog nichts verloren.

Woher stammen die Teilnehmer?
Ein Blog braucht Engagement und Enthusiasmus, damit er lebt, das ist keine Unterhaltung zwischen Apéro und Nachtessen. Wer seriös mitdiskutieren will, muss sich erst in die Diskussion vertiefen. Einige sind seit Beginn dabei und täglich online, das ist fast schon eine Sucht. Die Blogger kommen zum Teil aus Europa, Übersee, Brasilien, Australien und Thailand. Manche Auslandschweizer halten über den Blog geistigen Kontakt zur Heimat. Die Stamm-Blogger sind wie eine Familie: Sie debattieren, streiten und versöhnen sich wieder.

Welche Beiträge lösen die kontroversesten Reaktionen aus?
Am meisten bewegt die Frage, wie glaubwürdig die Bibel und der christliche Glaube sind. Eine immer wiederkehrende Frage ist zum Beispiel, ob Gott angesichts der Katastrophen und Ungerechtigkeiten tatsächlich ins Weltgeschehen eingreift und so gütig ist, wie er in der Bibel beschrieben wird. Dabei entsteht oft ein Glaubensstreit zwischen Christen und Atheisten. Dauerbrenner sind auch Fragen nach Leben und Tod, Glück und Leid, Zufall und Vorsehung.

Wie gross ist der Aufwand, den Blog zu bewirtschaften?
Geplant war, 10 Prozent meines 60-Prozent-Pensums beim «Tages-Anzeiger» für den Blog aufzuwenden. Tatsächlich arbeite ich Tag und Nacht, sieben Tage die Woche daran. Selbst in den Ferien logge ich mich täglich ein und schalte die neuesten Einträge auf.

Manche halten Blogs inhaltlich für irrelevanten Schrott. Ihre Meinung
Für meinen Blog trifft das kaum zu, die Themen sind zu ernsthaft. Viele der User, die am Blog mitschreiben, zeichnen sich durch ein grosses Fachwissen aus. Für die meisten ist der Sektenblog eine geistige Heimat geworden, in der sie viel Zeit verbringen. Er ist kein anonymes Forum in einer virtuellen Welt, sondern lebt von den starken Emotionen, die die Blogger in ihre Texte legen und mit denen sie argumentieren.

Fünf Jahre Sektenblog – wie wird er sich weiterentwickeln?
Das entscheiden die Leserinnen und Leser, die sich am Blog beteiligen. Die nach wie vor grosse Beteiligung lässt vermuten, dass die Diskussion nicht so schnell abreisst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2011, 13:27 Uhr

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5 Kommentare

Michael Palomino

26.02.2011, 23:41 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Die Blogs von Hugo Stamm sind oft von einem Herrn "Bamberger" manipuliert, und zwar entsprechend dem veralteten Weltbild, das Herr Hugo Stamm bis heute hat: Die grossen Kirchen dürfen leben, die kleinen Glaubensgruppen nicht. Es wird in den Stamm-Blogs auch gegen logisch denkende Menschen gewettert. Das heisst: Hugo Stamms Blogs sind kein Denkfortschritt, sondern eine Stagnation-Nicht-Kultur. Antworten


peter meier

28.02.2011, 09:01 Uhr
Melden

Ich kann mich Michael Schneider anschliessen, der Besuch im Blog ist jedes mal eine Enttäuschung. Es sind mehr oder weniger stets die gleichen Schreiberlinge, die verhindern, dass überhaupt eine Diskussion stattfindet. Auch herrscht ein ziemlich aggressiver Ton in dem Forum. Letztlich ist es nichts anderes als ein Andersdenker- bzw- Andersglauber-Bashing. Antworten



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