Zürich
Nach jeder Operation zählen sie, ob das Besteck komplett ist
Von Susanne Anderegg. Aktualisiert am 14.08.2010 5 Kommentare
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Die Luftfahrt als Vorbild
Wenn man über Fehler oder schwierige Situationen redet, kann man daraus lernen und vermeiden, dass sie erneut passieren. Diese Einsicht hat sich zuerst in der Luftfahrt durchgesetzt. Die Fehlerkultur ist dort ausgeprägt, die Medizin orientiert sich daran. Auch bei den Checklisten sind die Piloten Vorbild, sie arbeiten schon lange damit. Chefarzt Pietro Giovanoli vom Uni-Spital Zürich schickt seine Oberärzte für Trainings ans Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum in Hamburg. Die Resultate werden gemeinsam angeschaut, Chef und Oberarzt besprechen, bei welchen Arbeiten dieser seine Kompetenz am besten einsetze und ob eine Weiterbildung nötig sei. Wichtigste Fähigkeiten eines Chirurgen sind laut Giovanoli: dreidimensionale Geschicklichkeit, eine gute Interaktion, Entscheidungskompetenz, Belastbarkeit und eine gewisse Aggressivität. (an)
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Die Patientenstelle Zürich hat kürzlich einen aufsehenerregenden Fall publik gemacht: Eine Frau hat zehn Jahre nach einer Nierenoperation ein Stück eines Katheters ausgeschieden, den der Chirurg versehentlich im Körper hatte liegen lassen. Das Teil kam beim Wasserlösen heraus, ein zweites hat man danach noch operativ entfernen müssen. So wurde die Frau endlich von ihren diffusen Schmerzen erlöst. Noch krasser ist der Fall eines älteren Mannes, der vor einigen Jahren im Tessin einer fatalen Verwechslung zum Opfer fiel: Ihm wurde im Regionalspital Lugano das falsche Bein amputiert.
Derart schlimme Fehler hat Pietro Giovanoli (47) in seiner Chirurgenlaufbahn zwar noch nie erlebt. Dennoch machte er die Sicherheit der Patienten zu einem prioritären Thema, als er vor vier Jahren Direktor der Klinik für Wiederherstellungschirurgie im Uni-Spital Zürich wurde. Giovanoli verweist auf die Statistik: Weltweit werden jährlich 234 Millionen Operationen durchgeführt (Stand 2005). Laut Schätzungen kommt es bei 10 Prozent zu Komplikationen, die Hälfte davon gilt als vermeidbar.
Briefings mit Checklisten
Eine einfache Massnahme gegen Fehler sind Briefings mit Checklisten. Ihre Wirkung ist durch eine internationale Studie belegt. Demnach konnte die Komplikationsrate von 11 auf 7 Prozent reduziert werden, indem die Operationsteams vor den Eingriffen kurz innehielten und eine Checkliste durchgingen.
Giovanoli hat für seine Klinik ebenfalls eine Checkliste entwickelt und verwendet diese seit mehr als einem Jahr. Vor jedem Eingriff macht das OP-Team ein Time-out – «zwei Minuten genügen», sagt Giovanoli. Die Pflegefachfrau hat die Checkliste in der Hand, die andern stehen im Kreis um den Operationstisch. «Wie heisst der Patient?», lautet die erste Frage. Die Anwort kommt von der Anästhesistin. «Hat er das Aufklärungsprotokoll unterschrieben?» Der Chirurg bejaht. Weiter geht es mit Fragen zu Allergien, Antibiotikavorsorge, Blutprodukten, Operationsdauer, Implantaten, Lagerung – insgesamt gut 20 Positionen.
Jährlich 3500 Eingriffe
Nach der Operation desgleichen, nur ist die Liste dann kürzer. Die zweitletzte Frage hätte der Frau mit dem vergessenen Katheter viel Leiden erspart: «Zählkontrolle abgeschlossen?» Es müssen ebenso viele Instrumente vorhanden sein wie zu Beginn der Operation. Scheren, Spritzen, Kanülen, Bohrer, Schwämme. Auch Tücher werden ab und zu in Körpern vergessen. «Pech ist, wenn etwas abbricht», sagt Giovanoli. Nur Zählen genügt deshalb nicht, man muss die Instrumente genau ansehen.
Giovanolis Team macht jährlich 3500 Eingriffe. Behandelt werden Verbrennungspatienten, Brustkrebspatientinnen, Übergewichtige und viele andere. Giovanoli weiss: «Beinahe-Unfälle gibt es in jeder Klinik.» Sehr wichtig ist ihm das Aufklärungsgespräch mit dem Patienten, das er am Vortag der Operation führt und dokumentiert. Dann markiert der Chirurg auch die Stellen, an denen er das Messer ansetzen muss.
Erste Auswertungen sind positiv
Chefarzt Giovanoli stellt fest, dass in seiner Klinik die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen besser geworden ist. Was passieren kann, wenn Ärzte schlecht kommunizieren, hat der Fall Voser gezeigt. Eine erste Auswertung von medizinischen Daten ist positiv. Die Zahl der Patienten, die wegen Komplikationen erneut ins Spital kommen mussten, sank um 46 Prozent. Der Chef ist auch persönlich begeistert: «Dank der Checkliste habe ich keinen Stress mehr, ob alles da ist.» Diesen Sommer wurde das System in allen chirurgischen Abteilungen des Uni-Spitals probeweise eingeführt.
Die Wiederherstellungschirurgie gehört landesweit zu den ersten, die mit Briefings und Checklisten arbeiteten. Ein Vorreiter ist auch das Uni-Spital Genf. Die Stiftung für Patientensicherheit ist dafür besorgt, dass der Rest dem guten Beispiel bald folgen wird.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.08.2010, 16:18 Uhr
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5 Kommentare
Das erschreckendste finde ich, dass ich davon ausgegangen wäre, dass solche Checklisten doch seit je zum selbstverständlichsten Bestandteil einer Operation gehört hätte, und jetzt entsetzt vernehmen muss, dass solches eine ganz neue, hier und da versuchsweise angewendete Methode sein soll....!!! Wo sind wir denn? Antworten
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