Neue Religion für Zürichs Schüler

In der Zürcher Volksschulen wird ab nächstem Schuljahr neu ein weiterer Glaube unterrichtet: Das Alevitentum. Wie viele Aleviten im Kanton leben, ist jedoch nicht bekannt.

Beim Semah-Tanz drehen sich Frauen und Männer wie Planeten um die Sonne: Feier im alevitischen Kulturzentrum Winterthur.

Beim Semah-Tanz drehen sich Frauen und Männer wie Planeten um die Sonne: Feier im alevitischen Kulturzentrum Winterthur. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn jemand glaubt, etwas über das Alevitentum zu wissen, dann oft nicht viel mehr, als dass der syrische Machthaber Bashar al-Assad dieser Religionsgemeinschaft angehört. Und das ist so nicht einmal korrekt. Assad gehört den Alawiten an, nicht zu verwechseln mit den meist anatolischen Aleviten (siehe Box). Darüber werden Zürcher Schüler ab nächstem Schuljahr mehr erfahren. Dann nämlich werden die Lehrmittel des Religionsunterrichtes um ein Kapitel über das Alevitentum erweitert.

«Wir haben 2010 bei der Bildungsdirektion einen Antrag gestellt, um im Fach Religion und Kultur aufgenommen zu werden», erklärt Ercan Toraman, Vorsitzender der Bildungskommission der alevitischen Föderation. Nun arbeitet diese ein entsprechendes Kapitel mit einer Reportage über die Aleviten in der Schweiz aus. «Wir haben auch Weiterbildungskurse für Lehrer durchgeführt», sagt Toraman.

Eigenständige Religion

Gegenstand des Religionsunterrichtes seien Religionen, die in der Schweiz gelebt werden, sagt Martin Wendelspiess, Leiter der kantonalen Bildungsdirektion. «Die Schüler sollen diejenigen religiösen Traditionen kennenlernen, die für das Verständnis unserer pluralistischen Gesellschaft relevant sind. Da gehören auch die verschiedenen Ausrichtungen innerhalb der fünf grossen Religionen dazu.» So würden beispielsweise im Christentum die drei Hauptkonfessionen evangelisch-reformiert, römisch-katholisch und orthodox mit verschiedenen Beispielen dargestellt oder im Judentum liberale und orthodoxe Lebensweisen porträtiert.

Die Lehrbuchinhalte werden aber nicht auf Antrag einzelner Religionsgemeinschaften entwickelt, sondern aufgrund eines von der kantonalen Lehrmittelkommission und vom Bildungsrat genehmigten Gesamtkonzepts: «Aufgrund der Tatsache, dass in der Schweiz etwa 70'000 Aleviten leben, hat die Zürcher Bildungsdirektion eine angemessene Berücksichtigung der Glaubensgemeinschaft im neuen Lehrmittel angestrebt.»

Wie viele Aleviten in Zürich leben, sei nicht bekannt, sagt Simon Villiger, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Statistik Stadt Zürich: «Ich gehe davon aus, dass sich die Zahl der Zürcher Muslime in den letzten zehn Jahren nicht gross verändert hat und weiterhin bei etwa sechs Prozent der Zürcher Bevölkerung liegt.» Für die Religionszugehörigkeit gibt es zwei Datenquellen: Zum einen vermerkt das Einwohnerregister steuerrelevante Religionen wie die drei christlichen und die beiden jüdischen Strömungen. Angaben zu anderen Religionen werden nicht geführt. Zum anderen erhebt die Volkszählung die religiöse Zugehörigkeit der Schweizer. Dort werden die Muslime allerdings als Einheit erfasst.

Und das ist das Problem: «Die Aleviten sind eine eigenständige Glaubensgemeinschaft. Manche sehen sich als Teil des Islams, andere verstehen sich nicht als Muslime. Frauen und Männer beten gemeinsam in einem Cem-Haus, unser geistlicher Führer ist der Dede, die Ana ist sein weibliches Pendant. Drei- bis viermal pro Jahr finden grosse Cem-Gottesdienste statt. Im Anschluss oder nach der Geburt eines Kindes werden gesegnete Speisen gegessen. Aleviten kennen im Alltag keine bestimmte Kleidung, deshalb tragen auch die Frauen oft keine Schleier», erklärt Toraman.

In Basel sind Aleviten anerkannt

Die meisten Aleviten, die in der Schweiz leben, sind anatolischstämmig. In der Türkei sind die Aleviten jedoch bis heute nicht als religiöse Minderheit anerkannt. «Darum ist es uns wichtig, dass wir wenigstens hier in der Schweiz als das anerkannt werden, was wir sind: eine eigene Religionsgemeinschaft.»

In Basel ist das seit Ende Monat offiziell: Erstmals in der Schweiz wurde dort eine nichtchristliche und nichtjüdische Religionsgemeinschaft kantonal anerkannt. Damit gab das Kantonsparlament einem Gesuch der beiden Vereine Kulturvereinigung der Aleviten und des alevitischen Kulturzentrums Regio Basel statt, das diese 2010 gestellt hatten.

Die Anerkennung religiöser Gemeinschaften hat vor allem symbolischen Charakter und ist in Basel möglich, weil die Verfassung seit 2006 eine Anerkennung privatrechtlicher Religionsgemeinschaften durch den Kanton vorsieht.

In Zürich ginge das nicht: 2003 lehnte das Stimmvolk eine entsprechende Verfassungsänderung ab. Möchte sich eine Religionsgemeinschaft anerkennen lassen, müssten nun die Zürcher darüber abstimmen. Die Israelitische Cultusgemeinde und die Jüdisch Liberale Gemeinde sind seit 2006 öffentlichrechtlich anerkannt, wie Andreas Müller, zuständig für Religionsfragen in der Zürcher Direktion der Justiz und des Innern, bestätigt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.11.2012, 11:07 Uhr)

Aleviten und Alawiten

In der Türkei werden die Aleviten den schiitischen Muslimen zugeordnet. Die Aleviten selber sagen aber, dass ihre Wurzeln bis in die vorchristliche Zeit zurückreichen. Manche verstehen sich deshalb nicht als Muslime. Im Zentrum des alevitischen Glaubens steht der Mensch: Er stellt die höchste Form der Schöpfung dar und ist heilig. Die Aleviten glauben, dass der Mensch mithilfe seines Verstandes fähig ist, selbstständig und ohne ein schriftliches Regelwerk zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Die Möglichkeit, ins Alevitentum überzutreten, schliesst die Religion, ähnlich wie das Judentum, aus. Auch missioniert wird nicht. Wie viele Aleviten es gibt, ist nicht genau feststellbar. Die Aleviten selber sprechen von etwa 20 Millionen Anhängern weltweit.


Die syrischen Alawiten lehnen zwar wie die Aleviten die Scharia ab, sind aber Teil der muslimischen Schiiten und kennen keinen Cem-Gottestdienst.

Umfrage

Sollen fremde Religionen auch ohne Volksentscheid kantonale Anerkennung erlangen können, wie dies in Basel der Fall ist?




Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Werbung

Lokalverzeichnis

Die Welt in Bildern

Auf Tuchfühlung: Anhänger der rechtskonservativen Bharatiya Janata Partei, winken an einer Wahlveranstaltung im indischen Varanasi dem Spitzenkandidaten Narandi Modi zu. (24. April 2014)
(Bild: Sanjay Kanojia) Mehr...