Neue Vorschriften verärgern die Fischer

Neu müssen Hobbyfischer mit ihrem Fang schonender umgehen: Fangen und wieder freilassen ist verboten, eine Ausbildung Vorschrift. Zürcher Fischer tun sich schwer.

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Auf den ersten Blick scheinen die neuen Vorschriften der nationalen Tierschutzgesetzgebung einschneidend zu sein: So ist es ab September verboten, Fische mit der Absicht zu fangen, sie wieder freizulassen. Lebende Köderfische und Widerhaken dürfen nicht mehr verwendet werden. Die Fischer müssen die Tiere nach dem Fang baldmöglichst töten. Und ab nächstem Jahr braucht es eine Ausbildung und Prüfung, um überhaupt fischen zu dürfen.

Beat Widmer, Bäckermeister und Hobbyangler aus Langnau am Albis, steht am Ufer des Seeblisees im Hoch-Ybrig und schwingt die lange, gelb schimmernde Angelschnur in den trüben See. Mit seiner Frau Evi und Sohn Michael sucht er an diesem Sonntag sein Petri Heil. Widmers machen sich Gedanken zu den neuen Vorschriften. Sie betreiben Fliegenfischen – Angeln mit kleinem Haken und künstlicher Fliege als Köder. Eine sehr schonende Art des Fischens, wie Widmer sagt. «Der Fisch schluckt Haken und Köder nicht, verletzt wird meist nur die Lippe.» Das Tier könne bei fachgerechtem Lösen vom Haken problemlos weiterleben.

Vorige Fische den Katzen verfüttern?

Widmers lassen öfter Fische wieder frei – «aus ökologischen Überlegungen»: Solche, die zu klein oder zu wenig fett sind oder noch kein zweites Mal gelaicht haben. Evi Widmer hat auch schon einen Fisch zurück ins Wasser gesetzt, «weil er einfach sehr schön war». Dieses Vorgehen scheint mit den neuen Vorschriften in Frage gestellt. Beat Widmer fragt sich auch, was er künftig mit Fischen macht, die sich wegen ihrer viele Gräten nicht fürs Nachtessen eignen. «Muss ich die meinen Katzen verfüttern, obwohl ich sie leben lassen könnte?»

Die Verwirrung ist gross, die Befürchtungen sind es ebenso, wie Urs Meier, Vizepräsident des kantonalen Fischereiverbands (FKZ), bestätigt. Er hält die Neuerungen vor allem für eines: «einen Papiertiger». Dem stimmt auch Andreas Hertig, Adjunkt der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung, zu: «Der Gesetzesartikel über das Fangen und wieder Aussetzen ist völlig verwässert.» Denn in den Erläuterungen zur neuen Tierschutzverordnung steht: Zufällig erbeutete Fische, welche durch den Angelvorgang nur gering beeinträchtigt wurden, können in begründeten Fällen weiterhin zurückgesetzt werden. Hertig: «Ich kann einem Fischer bei einer Kontrolle kaum beweisen, dass er den Fisch tatsächlich nur gefangen hat, um ihn wieder zurückzusetzen.» Einzige Ausnahme seien vielleicht Karpfen-Fischer, die ihren Fang erst nach dem Ausmessen und Wägen wieder zurücksetzten.

Beim Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) verweist man darauf, dass das Zurücksetzen aus ökologischen Gründen weiterhin erlaubt ist. Die neue Gesetzgebung setze stark auf die Selbstverantwortung. «Durch Information und Ausbildung werden die Leute befähigt, Tiere richtig zu behandeln», sagt Sprecher Marcel Falk. Ab 2009 müssen Hobbyfischer einen Kurs mit Prüfung absolvieren. Ausgenommen sind Fischer, die in den letzten vier Jahren regelmässig ihrem Hobby nachgegangen sind. Ohne Prüfung weiterhin fischen dürfen aber auch Gelegenheitsangler, die nur tage- oder wochenweise fischen.

Diese Ausnahme sorgt bei den Hobbyfischern für Aufregung. Urs Meier vom FKZ macht hinter diese Regelung ein Fragezeichen, wie er sagt: «Es ist fahrlässig, dass genau jene, die wenig Übung haben, keine Prüfung machen müssen.» Marcel Falk vom BVET stellt nicht in Abrede, dass die Gelegenheitsfischer nur geringe Kenntnisse haben. Aber es sei eine Frage der Verhältnismässigkeit: «Wer selten fischt, kann den Fischen auch nicht viel Leid zufügen.»

Mit der Kühltruhe an den Bergbach

Die Fische, die Beat Widmer und die anderen Zürcher Fischer an diesem Tag am Seeblisee aus dem Wasser ziehen, sperren sie in einen durchlässigen Behälter, der im Wasser am Ufer des Sees liegt. Getötet werden die Tiere erst am Nachmittag, bevor die Gruppe nach Hause fährt.

Auch dieses sogenannte Hältern soll künftig nur noch beschränkt möglich sein. Eigentlich müssen die Tiere sofort getötet werden. «Das kommt für einige Fischer praktisch einem Fischverbot gleich», sagt Urs Meier. Hältern dürfen die ausgebildeten Fischer nur noch «kurzzeitig», wie es in den Erläuterungen zur Verordnung heisst. Marcel Falk vom BVET erklärt: «Ein verletztes Tier noch möglichst lange am Leben zu erhalten, nur damit es frisch bleibt, widerspricht klar dem Tierschutzgedanken.» Laut Urs Meier können aber nur Boot- oder Seefischer die Tiere problemlos sofort töten und sie in einer Kühltruhe frisch halten: «Muss ich aber ein bis zwei Stunden Fussweg in steilem Gelände auf mich nehmen, bevor ich einen Bergbach erreiche, kann niemand von mir verlangen, dass ich mich mit Eisbeuteln und Kühltaschen herumplage.»

Familie Widmer hat am Seeblisee eine Kühlbox dabei. Für sie ist klar: «Wir werden weiter mit gesundem Menschenverstand fischen und die Tiere nicht quälen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2008, 22:18 Uhr

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