Neues ETH-Gebäude: 40'000 Labormäuse erhalten eigenen Stock
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Dass es sich um eine spezielle Grundsteinlegung handelte, zeigte sich spätestens in dem Moment, als ein Mann anfing, ausgesuchten Anwesenden in die Fingerkuppe zu stechen, um ihnen Blut zu nehmen. Das war Manfred Kopf, Professor für Molekulare Biomedizin. Er pikste jene Kolleginnen und Kollegen, die mit ihm in das neue Gebäude HPL der ETH Hönggerberg ziehen werden. Die Blutprobe - samt einem inaktivierten H1N1-Virus - legte er in die Kassette, die gestern in der 20 Meter tiefen Baugrube am Hönggerberg eingegraben wurde.
400 Arbeitsplätze im neuen Gebäude
In drei Jahren werden dort Grundlagenforscher aus dem Bereich der Biologie und Medizin einziehen und eine interdisziplinäre «Life Science Platform» bilden. Als Gegenleistung für die Investitionen von 124 Millionen Franken verspricht man sich nichts Geringeres als die Rettung von Menschenleben. Die Grundlagenforscher wollen nämlich einen engen Kontakt mit der Medizinischen Fakultät der Universität, dem Universitätsspital, mit Ingenieur- und Technikwissenschaften pflegen, damit ihre Erkenntnisse in der Praxis sinnvoll umgesetzt werden. Dabei geht es vordringlich um die Erforschung von Diabetes, Alzheimer, Krebs, Infektions- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Als Manfred Kopf vor acht Jahren an die ETH kam, musste erst ein Name für seine Forschungsrichtung gefunden werden. Man einigte sich auf Molekulare Biomedizin. Damals arbeiteten drei Professoren mit ihren Teams im Bereich der Molekularbiologie und verwandter Fächer. Heute sind es fünf, bis 2015 sollen es zehn sein, denn die ETH hat Life Science zum Forschungsschwerpunkt erklärt. Im neuen Gebäude werden 400 Arbeitsplätze entstehen.
Doppelt so viele Labortiere
Doch wird nicht nur die Zahl der Professorenstellen verdoppelt, sondern auch die Zahl der Versuchstiere. Auf einem Geschoss des neuen Gebäudes entstehen Ställe für 40'000 Mäuse. Doppelt so viele, wie die zurzeit auf verschiedene Standorte verteilten Life-Science-Forscherinnen und -Forscher der ETH in ihren Labors halten. Laut Claudine Blaser, der Wissenschaftlichen Projektleiterin der «Life Science Platform», werden diese Ställe nicht von Beginn weg voll besetzt sein. «Doch bringt die Intensivierung des Forschungsbereichs auch mit sich, dass wir mehr Versuchstiere brauchen.» Und dies, obwohl die Zentralisierung den Vorteil habe, dass die Tierversuche besser miteinander koordiniert werden können und somit die Forscher womöglich mehrere unterschiedliche Tests an einem Tier durchführen. Doch sei dieser Forschungsbereich vermehrt auf Tierversuche angewiesen, um komplexe Vorgänge im Organismus zu verstehen. «Es kommt heute kein neues Medikament auf den Markt, das nicht an Tieren ausgetestet wurde»,sagt Claudine Blaser.
Manfred Kopf fand 2001 mit seinen Mäusen an der ETH keinen Platz. Die Hochschule mietete sich in Schlieren ein, wo der Professor mit anderen Life-Science-Forschern 6000 Mäuse als Versuchstiere hält. Die Tiere leben zu dritt oder viert in kleinen, einzeln belüfteten Behältern und sehen recht munter aus. Wer sie besucht, zieht Schutzanzug, Gesichtsmaske und Kopfhaube über, wechselt zweimal die Schuhe und durchläuft zwei Schleusen. Diese Massnahmen schützen die speziell gezüchteten Tiere vor Krankheitserregern, aber sie bewahren auch die Mitarbeitenden und die Umwelt vor schädlichen Emissionen. «Wir sind, was die Hygiene betrifft, sicherer als die Chirurgie im Uni-Spital», sagt Kopf. Sein Spezialgebiet sind Entzündungskrankheiten, vorab in der Lunge. Asthma zum Beispiel. Er verspricht sich viel von der Life-Science-Plattform: «Neue Impulse durch die Interdisziplinarität, aber auch eine effizientere Nutzung der Versuchstiere.»
Schlag ins Gesicht für Tierschutz
Solche Worte bringen Gieri Bolliger von der Stiftung für das Tier im Recht (TIR) auf die Palme. «Für diese Forscher sind die Mäuse reines Verbrauchsmaterial.» Die Verdoppelung der Versuchstiere sei ein «Signal in die falsche Richtung». Er attestiert zwar eine «löbliche Absicht», auch sei gewiss alles gesetzeskonform. «Doch bestätigt es unsere Beobachtung, dass die Anzahl der Tierversuche von Jahr zu Jahr zunimmt und keine ernsthaften Versuche gemacht werden, alternative Methoden zu entwickeln.» Daher sei dieser Ausbau für den Tierschutz wie ein «Schlag ins Gesicht».
Manfred Kopf meint hingegen: «Die Bewilligungen für Tierversuche sind schwierig zu bekommen, und die Tierhaltung ist genau geregelt.» Auch komme die biomedizinische Forschung nur auf der Ebene der Zellstrukturen und ohne Tierversuche nicht weiter: «Die Mäuse sind den Menschen halt doch sehr viel ähnlicher als die Hefe.»
Manfred Kopf mit seinen Labormäusen. Der Professor für Molekulare Biomedizin verspricht sich viele Inputs von der neuen Forschungsgemeinschaft. Foto: Sophie Stieger (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.11.2009, 11:38 Uhr
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