Zürich
Nicht nur am Stäfner Stein scheitert mancher Freizeitkapitän
Von Lorenzo Petro. Aktualisiert am 14.08.2012 7 Kommentare
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Tückische Untiefen: Motorboote auf dem Zürichsee. (Bild: Keystone )
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Er ist bedauernswert, der junge Kapitän, der am vergangenen Wochenende seine Motorjacht vor Stäfa auf Grund setzte und am Schiff einen Schaden von 200'000 Franken verursachte. Aber er ist nicht allein: Der Stäfner Stein, die grösste und bekannteste Untiefe im Zürichsee, zieht vor allem im Sommer und nach grossen Festen die Boote an wie ein Magnet. Klassisch ist die «Bauchlandung» vor Stäfa nach dem Seenachtsfest in Rapperswil. «Angetrunken oder abgelenkt, übersehen ungeübte Navigatoren schnell einmal die Markierungen», sagt der Zolliker Oldtimer-Kapitän Hansueli Koller.
So weit geht das feuchtfröhliche Treiben der Freizeitkapitäne jeweils, dass am Abend des Seenachtsfests die örtlichen Seeretter rund um die Untiefe mit Blaulicht bereitstehen – auf Geheiss der Seepolizei. An normalen Tagen hält sich das Problem allerdings in Grenzen. Der Unfall vom Samstagabend sei auf dem Stäfner Stein erst der zweite in diesem Jahr gewesen, sagt Kantonspolizei-Sprecher Marc Besson. Und zu Verletzungen kam es vor sieben Jahren zum letzten Mal – an einer anderen Untiefe. Es werden aber nicht alle Unfallkapitäne polizeilich registriert.
«Wer sich selber wieder befreien kann, lässt die Polizei aus dem Spiel.» Auch Chefkapitän Ernst Bosshard von der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) macht einen grossen Bogen um den Stäfner Stein. Das sei aber ein Leichtes, sagt er. «Die Untiefe ist tagsüber von blossem Auge zu erkennen, als braune Fläche im blauen Wasser.» Und im Sommer an den braun gebrannten Oberkörpern, die dort aus dem Wasser ragen – die Badi im Kehlhof ist nicht weit, und das Wasser auf dem Stäfner Stein nur gerade knietief.
Hightech hilft wenig
Zürichseekapitäne können sich zum Vermeiden solcher Untiefen auf Seekarten, GPS-Daten, manche Jachtbesitzer sogar auf ein Echolot verlassen. Doch die beste digitale Karte nützt nichts, wenn man sie nicht ständig im Auge behält. «Und wenn der Warnton des Echolots erklingt, ist es meist schon zu spät», sagt Freizeitkapitän Koller. Die sicherste Navigationsmethode ist noch immer die Fahrt auf Sicht. Die Untiefen sind markiert: mit einem umgekehrten Dreieck, mit farbigen Pollern, grosse wie der Stäfner Stein sogar mit einem Warnlicht.
Neben dem Stäfner Stein gibt es im Zürichsee noch einige Stellen, vor denen sich Schiffsführer in Acht nehmen müssen. Die gefährlichsten sind der Gubelfelsen gleich am Ausgang des Hafens in Rapperswil, die Untiefen von Bäch, das Ramenhorn vor Männedorf und die Stierenchue und der Stierenstein vor der Halbinsel Au. Im unteren Teil des Seebeckens Richtung Zürich hingegen navigiert man ziemlich sicher. Aber noch nicht lange: Im 19. Jahrhundert, als der Seespiegel noch tiefer lag, fürchtete man sich dort vor dem Grossen und dem Kleinen Hafner.
Vom Tempel zum VIP-Floss
Der Kleine Hafner, eine Erhebung im See vor dem heutigen Sechseläutenplatz, wurde 2011 – unüblich für eine Untiefe – sogar ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Denn sie war während der Jungsteinzeit immer wieder Heimat von Siedlern gewesen. Auf dem Grossen Hafner, 500 Meter weiter südlich, stand während römischer Herrschaft gar ein Rundtempel aus Holz, gebaut auf tief in den Seegrund gerammten Eichenpfählen. Den spätmittelalterlichen Zürchern waren diese aber nur noch ein Ärgernis. Wenn auch ein einfach zu umschiffendes: Die Tempelüberreste schauten bei tiefem Wasserstand deutlich hervor. Dank Gewässerkorrekturen und Klimawandel können beide Untiefen heute gefahrlos überfahren werden. Doch man spürt sie noch. «Es lupft den Bug, wenn man darüber hinwegfährt», sagt ZSG-Kapitän Bosshard.
Der Kleine Hafner dient auch in jüngerer Zeit als Fundament für Bauten: etwa für die VIP-Plattform der Euro 08. Und auch für den Stäfner Stein hegt einer Baupläne: Der Comiczeichner Alex Macartney, in Stäfa beheimatet, träumt, wenn ihn das Heimweh packt, von einem Pier. Der Steg nach englischem Vorbild soll vom Kehlhof auf den Stäfner Stein hinausführen. Das sei besser und billiger als ein Seeuferweg, findet er. Wäre seine Vision schon Realität, der am Samstag aufgelaufene Kapitän wäre trockenen Fusses nach Hause gekommen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.08.2012, 10:30 Uhr
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