Zürich
Nothelfer zwischen den Schulbänken
Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 22.08.2011 9 Kommentare
Er übernimmt im Schulhaus Leutschenbach eine 6. Klasse: Ex- Buchhändler und Sozialarbeiter Sebastian Horschik. (Bild: Reto Oeschger)
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Nora Bussmann (36): «Ich bin stolz, Lehrerin zu sein»
Nora Bussmann hat den heutigen Morgen herbeigesehnt. Seit Anfang März setzt sie sich in der QuereinsteigerAusbildung mit Didaktik und Pädagogik auseinander. Das ist zwar nicht lange, aber Nora Bussmann hat sich für den Lehrgang entschieden, weil sie nach fünf Jahren theoretischem und konzeptionellem Schaffen eine Arbeit mit direktem Kontakt zu Menschen gesucht hat. «Ich freue mich darum extrem auf die Kinder», sagt Nora Bussmann. Sie wird die 13 Mädchen und 11 Buben mit ihrer Stellenpartnerin im Zürcher Schulhaus im Birch begrüssen, und schon Tage zuvor hat sie genau im Kopf, wie der Morgen ablaufen soll: Zuerst stellen sich die Lehrerinnen vor, dann die Kinder. Sie müssen – ohne zu sprechen und ohne aufgerufen zu werden – ihre Namen an die Wandtafel schreiben. Dabei wollen die Lehrerinnen beobachten, wie die Schülerinnen und Schüler das machen. Wer getraut sich zuerst? Wie ist die Körpersprache?
Nora Bussmann ist jetzt im Beruf angekommen, der sie schon immer faszinierte und der ihr vertraut ist. Ihre Mutter ist Lehrerin, ihre beiden Schwestern auch. Bereits als 19-jährige Maturandin hatte Bussmann mit der Lehrerausbildung geliebäugelt. «Aber ich wollte nicht den einfachsten Weg gehen», sagt sie. Ein Phil-I-Studium habe ihr mehr offengelassen, und sie habe sich gesträubt, das zu tun, was alle von ihr erwarteten. So studierte sie Geschichte und begann, sich politisch zu engagieren. Als unabhängige, den Grünen nahestehende Kandidatin wurde sie in Schwyz Kantonsrätin. Nach dem Studium erhielt sie den Auftrag, ein Buch über eine emanzipierte Auslandschweizerin zu schreiben. Und schliesslich kam sie in Zürich zur Fachstelle für Gleichstellung.
Als Mutter gut vorbereitet
Als Bussmann von den Quereinsteiger-Lehrgängen hörte, fühlte sie sich sofort an ihren Traumberuf erinnert, und sie wusste: «Jetzt rufen sie mich.» Sie kündigte und meldete sich in der Pädagogischen Hochschule an. Als Mutter von drei schulpflichtigen Kindern hat Nora Bussmann seit fünf Jahren Kontakt zur Schule. Sie engagiert sich als Präsidentin im Elternforum und hat dort Lust auf den Lehrerberuf bekommen. Jetzt ist sie überzeugt dabei und nimmt dafür eine Lohneinbusse in Kauf: «Ich bin stolz, Lehrerin zu sein.»
Nora Bussmann möchte, dass jedes Kind in der Klasse seinen Platz finden und sich wohlfühlen kann. Sie wolle mit ihrer Stellenpartnerin eine Klasse aufbauen, die als Gemeinschaft funktioniere. Wichtig sei auch, dass sich die Kinder selber einschätzen lernten und dass sie aufmerksam und selbstbewusst würden. Bis im Herbst hofft Bussmann, einen Draht zur Klasse und Routine im Unterrichten gefunden zu haben. Für Elterngespräche und Kinderkonflikte fühlt sie sich als Mutter gut vorbereitet.
Sebastian Horschik (43): «Ich will eine Lebenshaltung vermitteln»
Das Schulhaus Leutschenbach mit seinen Balkonen und Beton-Glas-Fassaden ist in den Ferien abgeriegelt wie Fort Knox. An den Türen hängen Verbotsschilder, die Unbefugte fernhalten. Im letzten Schuljahr sollen in den Gängen des öfteren Architekturstudenten aus aller Welt gesichtet worden sein. In diesem Vorzeige-Schulhaus hat sich Sebastian Horschik eine Stelle geangelt. Im Unterschied zu seinen Studienkollegen im Quereinsteiger-Lehrgang kennt er die elf Mädchen und elf Knaben seiner Klasse bereits. Er hat sie vor den Ferien mehrmals besucht und unterrichtet.
Heute Morgen ist darum das gegenseitige Vorstellen nicht mehr nötig. Dennoch wird Horschik den Tag im Gesprächskreis beginnen. Er will mit den Schülern Ferienerlebnisse austauschen, aber auch über die Klassenregeln sprechen und über Umgangsformen: «Ich will klare Verhältnisse und ein gutes Klima.» Er werde seine Kinder unterstützen, wo er könne – sei es beim Schulstoff oder persönlich. Aber er verlange auch Leistung und Einsatz. Horschik: «Ich will nicht nur Stoff, sondern auch eine Lebenshaltung vermitteln.»
Der Traum vom Schülertheater
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Sebastian Horschik will nicht stundenlang diskutieren, sondern unterrichten. So gehts am Montag auch los im Mathebuch auf Seite eins. Und im Deutsch steht das Schreiben im Vordergrund. Sebastian Horschiks Quereinstieg in den Lehrerberuf ist die Verwirklichung eines lang gehegten Traumes. Schon als Jugendlicher wäre er gerne Lehrer geworden. Doch im Seminar war der Traum geplatzt. Weil er hätte repetieren sollen, warf er den Bettel hin. Er liebte nicht Chemie und Physik, sondern Musik und Literatur. Er ging als Regieassistent ans Zürcher Opernhaus und startete eine Buchhändlerlehre.
Mit dieser Ausbildung arbeitete er in der Werbeabteilung einer Zuger Verlagsvertretung. Doch Horschik fehlte am Bürotisch der Kontakt zu den Menschen. Er kündigte und liess sich zum Sozialpädagogen ausbilden. Dies entsprach seinen Fähigkeiten besser. Nach zehn Jahren Arbeit in Jugendheimen landete er als Schulsozialarbeiter in Affoltern am Albis. Er war hier Berater für Kinder, Eltern und Lehrpersonen. Das machte Horschik Spass, und er merkte, dass er bei seinen «Klienten» gut ankam. Das machte ihm Mut zum erneuten Berufswechsel.
Nun ist er Lehrer und neugierig darauf, was heute Montag auf ihn zukommt. Er hat Respekt vor der Aufgabe. Wenn er an die Leistungsunterschiede in seiner 6. Klasse denkt, fragt er sich: «Kann ich so unterrichten, dass es keinem langweilig wird und keiner völlig überfordert ist?» Und einen grossen Wunsch möchte sich Sebastian Horschik erfüllen: einmal mit einer Klasse ein Theater aufzuführen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.08.2011, 19:36 Uhr
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9 Kommentare
Quereinsteiger vor der Klasse sind oft wirklich super - ich habe die als Schüler immer sehr geschätzt! Denn das sind Leute die Erfahrungen aus anderen Lebensbereichen mitbringen, und das kommt bei Schülern an, auf ganz persönliche Weise. Dass man heute immer mehr Theater wegen Formalitäten macht verstehe ich als reine Pfründen-Politik. Quereinsteiger sind nicht "trotzdem" gut, sondern "deswegen"! Antworten
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