Patientin bedrohte Therapeuten mit Tod

Mit bis zu 200 Telefonanrufen pro Tag hat eine psychisch kranke Frau ihren Therapeuten belästigt, nachdem dieser die Therapie abgebrochen hatte. Gestern stand sie vor Gericht.

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In den ersten Minuten der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Zürich schien es, als sei die 45-jährige Angeklagte wieder gesund. Mit klarer Stimme berichtete sie von ihren Zukunftsplänen, davon, dass sie bald aus der Klinik entlassen werde, in der sie seit ihrer Tat weilt. Dass sie in das Tessin, ihre Heimat, zurückkehren und ihre Arbeit als Pflegerin wieder aufnehmen wolle.

Dieser erste Eindruck hielt nicht lange. Ein bisschen zu aufmerksam, mit fast kindlichem Eifer, gab sie der Richterin Auskunft, und immer öfter wirkte es, als habe sie ganze Sätze einstudiert, die sie bei jeder Gelegenheit wiederholte. Vor allem eine Aussage brachte sie immer und immer wieder vor: «Mein Therapeut hat mich körperlich angegriffen. Ich hatte Angst vor ihm. Und je mehr Angst ich hatte, desto öfter rief ich ihn an. Das tut mir leid. Ich hätte mich anders verteidigen sollen.»

Ob der Therapeut seine Patientin wirklich angegriffen hatte, blieb in der Verhandlung unklar. Fest steht, dass die Frau von 2001 bis 2007 bei dem Psychologen in Behandlung war - auf gerichtliche Anordnung, weil sie im Jahr 2001 einen damals 70-jährigen Arzt, in den sie verliebt war, mit Tausenden von Anrufen terrorisiert und ihn später sogar angegriffen und eine Treppe hinuntergestossen hatte. Damals hatte ihr das Gericht jede Schuldfähigkeit abgesprochen und statt der Strafe eine ambulante Therapie angeordnet.

Die Therapie war von Anfang an von ständigem Auf und Ab geprägt. Ab Januar 2007 verschlechterte sich das Verhältnis zwischen dem Therapeuten und seiner Patientin zusehends, weil er ihr eine Beiständin verordnete, mit der sie nicht auskam. Im Mai begann sie, ihn mit Telefonanrufen zu belästigen, worauf er die Therapie abbrach. Dann eskalierte die Situation. Die verzweifelte Frau begann, den Therapeuten mit pausenlosen Telefonanrufen zu belästigen, manchmal über 200 am Tag.

Am 3. August drang sie in seinen Garten ein, rüttelte an den Türen und machte Lärm. Das Gleiche wiederholte sie zehn Tage später. Der Therapeut verständigte die Polizei, welche die Frau in eine Klinik brachte. Von dort aus rief sie den Therapeuten erneut an und sprach ihm in ihrem gebrochenen Deutsch eine Nachricht aufs Band: «Wenn Sie mich noch einmal, einmal begegnen, ich werde Sie umbringen.»

Sie habe sich doch nur verteidigen wollen, beteuerte sie vor der Richterin. In jener Nacht sei sie mit Medikamenten vollgepumpt gewesen und unter Schock. Jetzt sehe sie die Sache anders. «Ich weiss, ich kann nicht mit Konflikten umgehen. Wüsste ich, wie man Konflikte löst, hätte ich anders gehandelt», erklärte sie. Auch das klang wie auswendig gelernt.

«Therapeut war überfordert»

Acht Monate Haft verlangte der Staatsanwalt für diese Taten, aufgeschoben zugunsten einer stationären Therapie. Der Verteidiger hielt eine Strafe von fünf Monaten für ausreichend. Die Angeklagte sei höchstens in stark reduziertem Umfang schuldfähig. «Eine Strafe soll ja präventiv wirken, das wäre bei meiner Mandantin aber nicht der Fall. Sie ist keine Verbrecherin, sondern eine kranke Frau, die Hilfe braucht.» Wichtig sei vor allem die Fortführung der stationären Therapie.

Hart ging der Verteidiger mit dem Psychiater ins Gericht. Dieser sei überfordert gewesen, habe nicht erkannt, dass sich seine Patientin völlig verlassen gefühlt habe: «Ich kann nicht akzeptieren, dass sie dafür allein die Verantwortung tragen muss.» Er wisse, wie lästig die Frau werden könne, wenn sie jemanden als Bezugsperson betrachte: «Aber wenn man ihr zuhört, dann beruhigt sie sich.»

Die Richterin verurteilte die Angeklagte zu 360 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Weil die Frau bereits im Vollzug ist, muss sie die Arbeit nicht mehr leisten. Die stationäre Therapie aber muss sie fortsetzen. Wie lange, ist ungewiss.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2008, 06:17 Uhr

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